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Wie Architekten wohnen: Räume wie Träume

Ihre Gebäude prägen die Skylines der Welt. Aber wie leben hochdekorierte Architekten privat? Der stern hat vier von ihnen zu Hause besucht.

Die Häuser, die sie bauen, sind bekannt. Die Häuser, in denen sie wohnen, weniger. Auch Star-Architekten haben die Qual der Wahl, wenn es ums Eigenheim geht. Sie müssen sich mit Bauvorschriften herumplagen - und sich mit den Wünschen der Ehefrau und der Kinder arrangieren.

Hadi Teherani

Gemütlich sitzt Hadi Teherani beim Frühstückscappuccino im Garten seines Hauses direkt an der Hamburger Außenalster. Keine 15 Meter entfernt schippert ein Ausflugsdampfer vorbei, von dem die Ansage des Kapitäns zu hören ist: "Hier, meine Damen und Herren, wohnt der berühmte Star-Architekt Hadi Teherani."

Der Hanseat in Hadi sagt: "Is' ja 'n bisschen peinlich jetzt" und rutscht verlegen noch tiefer in die dunkelblauen Polster des Teakholzsessels. Der Teheraner in Teherani gibt selbstbewusst zu verstehen: Wieso? Stimmt doch! Schließlich baut er, 1954 im Iran geboren, erfolgreich in allen Städten der Welt: Moskau, Dubai, Istanbul, Rom, München, Köln und Frankfurt. Vor allem aber hat Hadi Teherani die Hansestadt, in der er seit 48 Jahren lebt, um ein paar optische Attraktionen bereichern können, das "Dockland" etwa, ein Bürogebäude am Hafen in Form eines Kreuzfahrtschiffes. "Man muss sich nur den Ort, die Umgebung anschauen, dann kommen die Ideen von allein", sagt Hadi Teherani.

Auch bei seinem Domizil ergab sich der Entwurf aus der Lage: Weil Häuser direkt an der Außenalster besonders teuer sind (um 10.000 Euro pro Quadratmeter), will man für den Preis auch möglichst viel vom Wasser sehen. Für den Bau hieß das: viel Licht, viel Sicht, mehr Glas als Wände. Sieben Parteien leben in dem 1998 erbauten Apartmenthaus. Teherani nahm die Wohnung, die übrig blieb: 210 Quadratmeter im Parterre. "Für mehr reichte das Geld nicht", sagt der Architekt. Dafür hat er aus fast jeder Ecke einen freien Blick auf die Alster: aus der Küche genauso wie aus dem offenen Arbeitszimmer mit den geschwungenen Bücherregalen oder vom meterlangen, selbst entworfenen Esstisch mit 400 Jahre alten Holzbohlen aus kanarischer Kiefer. Am liebsten sitzt Hadi Teherani im Wohnzimmer auf einem der weißen Ledersofas und schaut durchs Panoramafenster in den Garten: "Obwohl man drinnen ist, hat man das Gefühl, mitten im Grünen zu sein."

Ein Traum, das Haus? "Ich würde es heute noch genauso bauen", sagt Teherani. "Na ja", erwidert Linda Strüngmann, seine Lebensgefährtin seit 25 Jahren und ebenfalls Architektin, "die Küche könnte größer sein. Und dauernd schleppt er Sachen an, mit denen ich dann die Arbeit habe." Etwa Koi-Fische. "Daran, dass man jeden Tag das Wasser reinigen muss, hat er leider nicht gedacht." Die Karpfen Mies van der Rohe und Le Corbusier ziehen trotzdem munter ihre Kreise im Gartenteich, nur Giorgio Armani wurde leider vom Reiher gefressen.

Wolf D. Prix

Als Coop Himmelb(l)au im Jahr 1968 gegründet wurde, war der Name Programm: Das österreichische Architekturbüro sollte die Antwort sein auf Wüstenrot, den Inbegriff des kleinbürgerlichen Wohntraums. Die Wiener Rock 'n' Roller des Bauwesens riefen damals zur Anarchie auf: "Architektur muss bluten, fetzen, brennen." Heute wohnt Mitbegründer Wolf D. Prix, 66, in der Vorgartenstraße. Klingt nach spießiger Eigenheimsiedlung, ist aber ein von ihm im Jahr 2000 fertiggestellter Gebäudekomplex in der Wiener Donau-City, dem neuen Hochhausviertel der Stadt. Von der Straße aus unscheinbar, nach hinten raus so verschachtelt, als hätte jemand riesige Bauklötze kreuz und quer übereinandergestapelt.

Ein Gewirr aus Linien und Formen - eine Spezialdisziplin von Coop Himmelb(l)au. Das bezeugen zum Beispiel die BMW-Welt in München und die 180 Meter hohen Türme der Europäischen Zentralbank in Frankfurt (noch im Bau). "Ein Architekt muss Visionär sein, sonst bleibt er Häuselbauer", sagt Wolf D. Prix. Er bewohnt die Penthousewohnung über drei Ebenen. Hohe loftartige Räume, Küche und Treppenaufgänge aus Stahl, auf dem Boden dunkles Akazienholz, Rundumverglasung. "Ich hasse Fensterbänke", sagt Prix. Seine Behausung sieht aus wie eine Junggesellenbude der Luxusklasse: unaufgeräumt, chaotisch. Kunst von Anselm Kiefer neben Plastiktüten von Billa. Etabliert ist Wolf D. Prix längst, die Altrocker-Attitüde hat er sich aber bewahrt: Er läuft barfuß, zum Frühstück raucht er eine Zigarre. "Die gleiche Marke wie Che Guevara." Auf dem Charles-Eames-Stuhl liegt eine Gitarre, im CD-Player Jimi Hendrix. "Aber ein Hippie war ich nie", sagt Prix. "Bei mir galt: Bleistifte und Frauen werden nicht verliehen."

Antonio Citterio

Sobald man Kinder bekommt, muss man Kompromisse machen. Vor allem ästhetische. Als der Architekt und Designer Antonio Citterio noch allein mit seiner amerikanischen Frau Terry Dwan in der 450 Quadratmeter großen Wohnung im Zentrum von Mailand lebte, sah das Wohnzimmer so aus: zwei Sofas, zwei Sessel, ein Tisch, eine Lampe, sonst nichts. Damals durfte seine Frau, ebenfalls Architektin, nicht einmal ihre Bücher dort liegen lassen. "Heute habe ich nichts mehr zu melden", sagt Antonio Citterio, 58. "Jetzt regieren Terry und die beiden Kinder. Es steht drei gegen einen." Seitdem schmücken den Couchtisch Spielzeugflugzeuge, ein Weltatlas und anderer Krimskrams. Den hinteren Teil des Raumes haben Helen, 15, und Peter, 12, komplett als kreativ- chaotische Bastelecke okkupiert. "Ein Wohnhaus ist kein Hotel", sagt Citterio. "Damit Familie funktioniert, braucht man einen Gemeinschaftsraum. Sonst verzieht sich jeder in sein Zimmer, und man sieht sich nie. Übrigens ein gutes Rezept gegen Scheidungen."

Die Wohnung liegt in der vornehmen Via Brera in einem Palazzo aus dem 18. Jahrhundert. Bereits 1984 verwandelten Antonio und Terry die dunklen und niedrigen Dienstbotenunterkünfte im Obergeschoss in ein lichtdurchflutetes Heim. Sie ließen Decken durchbrechen und das Dach für zwei Terrassen, zogen Glaswände ein und konstruierten in drei Meter Höhe eine Galerie aus Stahl, über die man in die Küche und die Kinderzimmer gelangt. Bis auf den Stahltisch seines Freundes Ron Arad im Flur hat sich Antonio Citterio mit eigenem Design eingerichtet. Die Küche ist ein Prototyp seiner Küchenserie für Arclinea. Sofas, Sessel, Esszimmerstühle und Tische hat er für B & B Italia entworfen, die Lampen für Flos. Architektur und Grundausstattung wurden seit 25 Jahren kaum verändert. Trotzdem sieht es hier kein bisschen gestrig aus. Der Grund: Design von Antonio Citterio ist zwar selten spektakulär, dafür aber zeitlos und gut zu gebrauchen.

Obwohl man Citterio eher als Designer kennt, übernimmt er seit vielen Jahren Architekturprojekte. Die Bulgari-Hotels in Mailand und auf Bali sind von ihm, genauso wie die Flagship-Stores von Valentino (Mailand), Cerruti (New York) und Emanuel Ungaro (Paris). Doch eine Frage bleibt: Wie hält man es als Architekt überhaupt so lange in derselben Wohnung aus? Will man sich nicht ständig etwas Neues bauen? "Nicht, wenn man seine Heimat gefunden hat", sagt Antonio Citterio. Auch wenn er zu Hause eigentlich nichts mehr zu sagen hat. Eben ruft Theresa, die Haushälterin, aus der Küche: "Schluss jetzt mit den Fotos. Die Spaghetti werden kalt."

David Chipperfield

Die Erwartung, dass Architekten bevorzugt für sich selbst entwerfen, erfüllt auch der Brite David Chipperfield nicht. "Das Problem beim Bau eines eigenen Hauses ist die Freiheit der Möglichkeiten", sagt der 55-Jährige. "Man steht ständig vor der Entscheidung: Soll man es nun so machen oder doch ganz anders?" In London lebt er in einem Stadthaus aus dem 19. Jahrhundert. In Berlin, wo er seit elf Jahren an der spektakulären Neugestaltung der Museumsinsel arbeitet, wohnt er zur Miete. Für sich, seine Frau Evelyn Stern und die drei Kinder hat der Architekt bisher nur ein Feriendomizil in dem winzigen Dorf Corrubedo an der spanischen Atlantikküste gebaut, eine Autostunde vom Wallfahrtsort Santiago de Compostela entfernt. David Chipperfield, der bei Richard Rogers und Norman Foster lernte, gilt als Minimalist und gleichzeitig als Traditionalist. Einer, der Neues schafft, mit Respekt vor dem Alten.

Das gelang ihm auch in Corrubedo. Direkt am Wasser gelegen, fügt sich das 250 Quadratmeter große Haus gut ein in die Reihe der umliegenden Fischerhäuser und sticht trotzdem heraus: ein strahlend weißer Kasten mit großer Glasfront, errichtet auf einem Sockel aus Natursteinen. Reduktion auch im Innern. David Chipperfield kommt mit drei Materialien aus: Terrakotta für die Böden, Marmor im Bad und an den Wänden, die Möbel - Tische, Bänke, Schränke, Betten und die Küche - sind aus Eiche. Alles Eigenentwurf, bis auf den galizischen Kamin im Wohnzimmer.

"Ein Ferienhaus hat natürlich einen entscheidenden Vorteil: Man kann sich auf das Wesentliche beschränken", sagt er. "Mindestens zwölf Wochen im Jahr" verbringt David Chipperfield in Spanien. Geht das überhaupt bei so vielen laufenden Projekten? Wie dem in Berlin, dem Folkwang Museum in Essen, einem Museum in Anchorage, dem Ansaldo Kulturzentrum in Mailand? "Sicher. Die Kunden und unsere Mitarbeiter kommen auch gern hierher." Kann man verstehen. Erst wird gebadet und gesegelt und danach gearbeitet. Und abends kocht David für alle. Meistens Fisch, der ihm morgens von einem der Fischer nach Hause gebracht wird. Ganz frisch aus dem Atlantik.

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