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Interview

Moira Demos und Laura Riccardi: Sind Avery und Dassey schuldig? Die "Making a Murderer"-Macher über die neue Staffel

In "Making a Murderer" erzählten Moira Demos und Laura Ricciardi die dramatische Geschichte von Steven Avery und Brendan Dassey. Mit NEON sprachen sie über die zweite Staffel, die Schuldfrage, und wie eine Frau auf unkonventionelle Art versucht, ein Leben zu retten.

Making a Murderer Crime Netflix

Es gibt wohl nur wenige Personen, die den Namen Steven Avery noch nie gehört haben. Und keine im Netflix-Geschäftsgebiet. Denn kaum eine Eigenproduktion des Online-Streaminganbieters hat für so viel Furore und Diskussionsstoff gesorgt, wie die erste Staffel von "Making A Murderer".

Für alle, die hinter dem Mond wohnen und KEINE Ahnung haben, worum es geht, hier eine kleine Zusammenfassung: Steven Avery ist ein US-Amerikaner aus dem Bundesstaat Wisconsin, der Mitte der 80er Jahre wegen Vergewaltigung im Gefängnis landet. 18 Jahre später stellt sich nach einem DNA-Test heraus: Avery ist unschuldig. Er wird freigelassen. Er kündigt daraufhin an, den Staat auf eine hohe Geldsumme Schadensersatz zu verklagen. Kaum zwei Jahre später findet Avery sich erneut im Mittelpunkt von Ermittlungsarbeiten wieder. Der Vorwurf diesmal: Mord an der jungen Fotografin Teresa Halbach.

Die erste Staffel "Making a Murderer" zeigte in zehn Folgen, die je rund eine Stunde lang sind, Steve Averys Kampf gegen die Justiz. Ohne sich selbst ein Urteil zu erlauben, hielten die beiden Filmemacherinnen Laura Ricciardi und Moira Demos die Kamera auf das Verfahren und auf alle, die direkt oder indirekt daran beteiligt waren, und fragten: Ist das fair? Und spätestens nachdem Averys sechzehnjähriger Neffe Brendan Dassey der Beihilfe bezichtigt und ohne Aufsicht eines Erziehungsberechtigten vernommen wurde auch: Wie viel Chance auf gerechte Behandlung hat jemand im amerikanischen Justizsystem ab dem Moment, in dem Polizei und Staatsanwaltschaft entschieden haben, dass sie ihn im Gefängnis sehen wollen?

Nun erscheint die zweite Staffel von "Making a Murderer"

Nach Erscheinen der ersten Staffel ging ein Raunen durch die TV-Welt. Erboste Zuschauer starteten Petitionen, schrieben Briefe und nahmen öffentlich Anteil an dem Schicksal der beiden Männer

Am 19. Oktober folgt nun die lang ersehnte zweite Staffel der Serie auf Netflix. Wo es im ersten Teil um die Verfahren und Verurteilungen der beiden Männer geht, richten die Folgen 10 bis 20 ihren Fokus nun auf die darauffolgenden Jahre: Hoffnungslosigkeit, Wut, die Suche nach juristischer Unterstützung, investigative Recherche und die wiederaufkeimende Hoffnung auf eine zweite Chance.

NEON durfte sich die neuen Folgen bereits ansehen und sprach mit Moira Demos und Laura Ricciardi über Empathie, Chancenlosigkeit und die größten Schocker der zweiten Staffel.

Allan Avery, Dolores Avery und Steven Avery

Steven Avery (r.) mit Mutter Dolores und Vater Allan

NEON: Das Wichtigste vorweg: Haltet ihr persönlich Steven Avery und Brendan Dassey für unschuldig?

Laura Ricciardi: Das ist eine Frage, über die wir nicht besonders viel nachdenken. Und es ist definitiv nicht die Frage, die die Serie versucht zu beantworten. In der ersten Staffel haben wir unsere Kamera auf die Staatsanwaltschaft gehalten, um zu dokumentieren und aufzuzeigen, was passierte. Wir stellten keine Fragen und versuchten nicht, den Fall zu lösen. Im zweiten Teil haben wir nun Kathleen Zellner, Stevens neue Anwältin, die nach genau diesen Antworten sucht. Aber das ist etwas sehr anderes, als wenn wir das versuchen würden. Uns geht es immer nur um den Prozess und um die Frage, ob er fair ist und war – unabhängig von Schuld oder Unschuld.

Okay, dann anders formuliert: Glaubt ihr, dass die beiden jemals wieder freikommen werden?

Laura Ricciardi: Auch das ist unfassbar schwer zu beantworten. Wir wissen, dass es für Menschen, die im Gefängnis sitzen, wahnsinnig schwer ist, die Gerichte davon zu überzeugen, ihren Fall noch einmal anzusehen, geschweige denn das Urteil aufzuheben. Besonders für die, deren Urteil lebenslänglich lautet. Das ist einer der Gründe, weshalb wir diese Geschichte noch weiter begleiten wollten. 

Nachdem die erste Staffel erschienen war, wurde uns klar, dass die Zuschauer sich tatsächlich sehr für die Schicksale dieser beiden Männer interessierten und wissen wollten, was mit ihnen geschehen würde. Als wir also herausfanden, dass wir nicht nur weiterhin Kontakt zu ihnen bekommen könnten, sondern auch zu den Anwälten, die daran arbeiten würden, ihre Verurteilungen aufheben zu lassen, war das eine ganz besondere Möglichkeit für uns, die Zuschauer ein weiteres Mal mit auf eine Reise durch die Verzwickungen des amerikanischen Justizsystems zu nehmen. 

Netflix-Trailer: "Making a Murderer 2"

Staffel 1 hat sehr viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, was zu Beginn der neuen Staffel auch stark thematisiert wird. Sowohl in der Medienlandschaft als auch von Zuschauern. Hattet ihr das erwartet?

Moira Demos: Auf keinen Fall. Aber es war eine sehr bereichernde Erfahrung, da wir die Serie gemacht hatten, um den Zuschauern einen Einblick zu geben und vielleicht sogar einen Dialog zu starten. Uns haben so viele verschiedene Menschen geschrieben, die aus allen Gesellschaftsschichten und so vielen verschiedenen Ländern kommen – das ist wirklich toll.

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Ken Kratz, der Staatsanwalt, der gegen Brendan und Steven ermittelt hat, hat sehr viel Gegenwind und negative Rückmeldung bekommen – ging euch das auch so?

Moira Demos: Nein. Wir haben zwar auch Direktpost bekommen, aber das waren, um ehrlich zu sein, hauptsächlich Menschen, die uns für unsere Arbeit gedankt haben und dafür, dass wir einer Familie wie den Averys eine Plattform geboten haben, um ihre Geschichte zu erzählen und ernst genommen zu werden. Familien wie die Averys sieht man im amerikanischen Fernsehen sonst so gut wie nie, und sie zu sehen, war wichtig für Zuschauer, die sich mit ihnen identifizieren können. 

Und andere wollten uns von den Erfahrungen erzählen, die sie selbst gemacht haben oder immer noch machen. Wir haben auch Post aus dem Gefängnis bekommen, von Menschen, die gerade ähnliche Dinge durchmachen und ihre Geschichte erzählen wollten.

Scott Tadych, Brendan Dassey und Barb Tadych

Stevens Neffe Brendan Dassey (M.) mit Mutter Barb und Stiefvater Scott

Fällt es schwer, noch Vertrauen in das Justizsystem zu haben, wenn man sich täglich mit einem Fall wie diesem beschäftigt?

Moira Demos: Ich glaube, es führt alles auf den Grund zurück, weshalb wir uns überhaupt entschieden haben, diese Serie zu filmen: Wir haben von Steven Averys Fall erfahren, als er im November 2005 auf der Frontseite der "New York Times" landete. Die Zeile lautete damals: "Von DNA befreit, jetzt in neuem Fall belastet", und wir haben sofort gespürt, dass es so etwas noch nie gab und wir hier die noch nie dagewesene Chance haben, mit einer einzigen Person von einem Ende des Justizsystems an die andere zu reisen. Im Nachhinein ist man immer klüger und es gab uns die Möglichkeit, die Vergangenheit noch einmal neu zu betrachten.

Wir konnten uns alles, was 1985 [bei Stevens erster Verhaftung, Anm. d. Red.] passiert war, noch einmal ansehen und dann mit dem gleichen Protagonisten zwanzig Jahre später wieder in das gleiche System eintauchen. In den vergangenen zwanzig Jahren war in Sachen Polizeiarbeit, DNA-Testing und Legislativreformen viel passiert, und es hieß, das System habe sich so sehr weiterentwickelt, dass die Probleme der Vergangenheit ausgeräumt wären. Das heißt, eigentlich sollte es ein Test sein. Wir wollten die Frage stellen: Hat sich wirklich etwas verändert?

Und?

Moira Demos: Ich glaube, es ist so: Man muss das Ganze unabhängig davon betrachten, ob man die beiden für schuldig oder unschuldig hält. Das waren nicht die Fragen, die wir mit der Serie aufwerfen wollten. Und völlig egal, was man da glaubt, lässt sich nicht von der Hand weisen, dass es bedenkliche Probleme bei den Ermittlungen und bei der Staatsanwaltschaft gab, die es schwer machen, Vertrauen in das System zu haben. Und es gibt viele Dinge, die sich diesbezüglich dringend ändern müssen.

Am Anfang der zweiten Staffel wird Ken Kratz gezeigt, der sich sehr erbost darüber zeigt, dass "Schweiß-DNA" von Steven Avery an der Motorhaube von Teresa Halbachs Wagen gefunden wurde – und das in der ersten Staffel nie erwähnt wird. Gab es dafür einen bestimmten Grund? 

Laura Ricciardi: Wir haben im Dezember 2005 angefangen, die Geschehnisse zu dokumentieren. Schon bevor wir überhaupt ankamen, hatten täglich Pressekonferenzen stattgefunden. Wir besorgten uns das Videomaterial und hangelten uns so ziemlich an dem entlang, was Ken Kratz dort als seine wichtigsten Beweismaterialien gegen Steven Avery vorstellte. Er sprach von Stevens DNA auf dem Schlüssel, dem Blut im Auto, dem Feuerloch hinter seinem Haus, dem Auto auf dem Gelände. 

Wir versuchten also wirklich, uns auf das zu konzentrieren, was er selbst als seine wichtigsten Beweisstücke empfand. Wenn man eine Geschichte erzählt – und besonders wenn es die Dokumentation einer Geschichte ist –, sollte man wirklich versuchen, die wichtigsten Argumente beider Seiten in Betracht zu ziehen. Denn da liegen die größten Konflikte begraben, da ist die Geschichte am besten. Daher hätte es für uns keinen Sinn ergeben, das zu untergraben, indem wir etwas hinzufügen, was er selbst damals nicht für wichtig genug empfand.

Laura Ricciardi und Moira Demos

Laura Ricciardi und Moira Demos (r.) bei den Emmys 2016, wo sie gleich mehrere Preise abräumten

Getty Images

Ohne zu spoilern: Gibt es irgendwelche großen Schocker in der neuen Staffel?

Laura Ricciardi: Absolut! Die Art und Weise, wie Kathleen Zellner diesen Fall angeht, haben die Zuschauer so bestimmt noch nie gesehen. Sie bearbeitet den Fall nicht vom Schreibtisch aus. Sie fährt an den Tatort, sie holt sich die Beweisstücke, sie experimentiert und hinterfragt einfach alles – was ziemlich oft zu sehr überraschenden Ergebnissen führt. Es gibt viele Menschen, die diesen Fall sehr intensiv verfolgt haben, eine sehr klare Meinung haben und glauben, die Beweise zu kennen. Aber ich garantiere, dass die Zuschauer in dieser Staffel noch viel Neues lernen werden. Die neuen Entdeckungen und Überraschungen ziehen sich durch alle zehn Folgen und stellen wirklich noch einmal alles in Frage, was wir glauben, über Teresa Halbachs Tod, die Ermittlungen, die Verhandlung und die Verurteilung zu wissen.

Kathleen Zellner

Kathleen Zellner ist Steven Averys neue Anwältin – und eine Legende auf ihrem Gebiet

Diese Geschichte ist noch nicht vorbei. Filmt ihr noch? Wird es eine dritte Staffel geben?

Laura Ricciardi: Zur Zeit filmen wir nicht. Den letzten Dreh hatten wir im Juli. Wir haben noch bis Ende September an der Serie gearbeitet. Wir halten uns auf jeden Fall auf dem Laufenden, was Entwicklungen angeht und sind in Kontakt mit verschiedensten Protagonisten dieser Geschichte. Ich würde sagen: Da ist noch nichts entschieden.

Wieso interessieren sich so viele Menschen für True-Crime-Geschichten?

Laura Ricciardi: Das Genre gibt uns die Möglichkeit, größere Zusammenhänge noch einmal zu betrachten und unsere Vorurteile zu überprüfen. Speziell bei dieser Geschichte scheint es um das Gefühl der "Andersartigkeit" zu gehen und um Wahrheit, Gerechtigkeit, Rechenschaft und Identität. Wir glauben, dass das etwas ist, was diese Geschichte und das ganze Genre zu bieten haben. Wir hoffen, dass die Serie Menschen animiert, Empathie für Menschen zu zeigen, die nicht so sind wie sie selbst.