HOME

Neues Lebensgefühl: Couch statt Flugzeug: Warum der Generation Z die Heimat so wichtig ist

Sabbatjahr statt Familienleben, Fernweh statt Heimweh. Während Millennials nach Freiheit und ständigem Wandel im Leben suchen, schätzt Generation Z die Stabilität. Sie scheint im Gegensatz zu ihren Vorgängern genau zu wissen, wo ihr Platz ist: nämlich daheim.

Von Carina Kaiser

Von 1997 bis 2012 geboren: Generation Z:  Was zeichnet diese jungen Menschen aus?

Bianca drückt ihre Lippen fest zu einem Knutschmund zusammen und streckt ihn in die Kamera: "So meine Lieben, das war meine Everyday-Make-Up-Routine, ich hoffe, es hat euch gefallen." Diese und ähnliche Videos von Bianca alias Bibi von "BibisBeautyPalace" laufen im Zimmer meiner Schwester in Dauerschleife. Für die Follower gut aussehen, den passenden Filter und Hashtag finden – ein Leben aus der Selfie-Perspektive. Lange dachte ich, das perfekte Bild zu bekommen sei die größte Sorge der Generation meiner Schwester.

Ich habe nie richtig hinterfragt, warum wir so wenig gemeinsam haben. Aufgewachsen im selben Haus und erzogen von denselben Eltern, klaffen unsere Wertvorstellungen weit auseinander. Laut soziologischen Erhebungen gehören wir zu zwei verschiedenen Generationseinheiten. Sie zählt mit ihren 23 Jahren in die Kategorie der frühen Generation Z (auch "Generation YouTube" genannt). Mit meinen beinahe 30 Jahren bin ich eine geborene Y, zähle also zu den sogenannten Millennials. Meine Schwester liebt ihre Wii, viel Schminke und Klamotten, während ich mein Geld für Reisen ausgebe. Heimat ist uns beiden wichtig, nur empfinde ich Stagnation und Routine an einem Ort als den natürlichen Todfeind.

Generation Z: Grauton im Haar wie bei Oma

Knapp neun Millionen Menschen in Deutschland sind wie meine Schwester um die Jahrtausendwende geboren und heute 15 bis 24 Jahre alt. Aufgewachsen in einer Welt, in der Tätowierungen keinen Grund darstellen, einen Job nicht zu bekommen, und in der es normal ist, beim Friseur viel Geld zu lassen, um die Haare in demselben Grauton zu färben,  wie man ihn von Oma kennt. Wo Filme und Musik gestreamt, Schminktipps von Youtubern eingeholt und Fragen gegoogelt werden.

Geneation Z

Die Generation Z sehnt sich nach einem einfachen Leben – Arbeit und Privates sollen strikt getrennt werden (Symbolbild)

Ob Babyboomer, Generation X, Y oder Z – Trendforscher kommen schnell mit Etiketten für junge Menschen daher, die meist nur an der Oberfläche von repräsentativen Beobachtungen kratzen. Dass das Alter allein nicht ausschlaggebend für eine neue Generationseinheit ist, wusste bereits der Soziologe Karl Mannheim in den 1920er Jahren. Er war der Erste, der Generationen durch einschneidende geschichtliche Ereignisse (z.B. Krieg) und kulturelle Entwicklungen (z.B. Digitalisierung) geprägt sah. Seiner Ansicht nach leiten sich gesellschaftliche Veränderungen eher aus ähnlichen  Überzeugungen und Werten ab. Klar, dass um die Jahrtausendwende geborene Menschen anders ticken als ihre Vorläufer.

Wenn ich mich in meinem Freundeskreis umschaue, kommt mir nicht das Wort Sesshaftigkeit in den Kopf, eher: Jetsetter, Freigeister, Work-and-Travel oder Erasmus. Kein Weg ist zu weit – no worries, no borders! Fluggesellschaften suggerieren mit Slogans wie "Generation Easyjet" oder "Say Yes to the World", dass wir ein ungebundenes und flexibles Leben führen können – und ein Stück weit auch müssen –, weil die Möglichkeiten nunmal da sind. Mit dem Anstieg von Billigflieger-Angeboten stiegen auch die Nachfragen. Wenn ich will, kann ich mir für 9,99 Euro in weniger als fünf Minuten einen Flug nach Pisa buchen und schon morgen im Flieger sitzen. Ein Sprecher des Deutschen Luft- und Raumfahrtinstituts sprach zuletzt von einem neuen Höchstwert im Flugstreckennetz. Der Luftraum biete sogar noch mehr Platz. Vergangenen Sommer konnten sich 18-jährige EU-Bürger um eines von 15.000 kostenlosen Interrail-Tickets bewerben, das es ihnen für einen Monat lang ermöglicht, kostenlos durch vier Länder der Union zu reisen. Der Etat hierfür soll bis 2021 auf 700 Millionen Euro ausgebaut werden.

"Generation Y ist eher darauf aus, Erlebnisse zu sammeln", sagt der Soziologe Ingmar Mundt. Er arbeitet aktuell an der Hochschule Heidelberg und hat davor die Zukunftsvorstellung unserer Gesellschaft erforscht. "Abenteuer sind der neue Besitz, mit dem man auch seinen Erfolg zeigt", erklärt Mundt. Damit habe sich Generation Y einen erstrebenswerten Prestige-Status erarbeitet.

Aber wie ist es dazu gekommen? "Na ja, wir sprechen hier von einer Generation – gerade in Westeuropa – die mit offenen Grenzen aufgewachsen ist. Das wurde relativ schnell auf einen globalen Rahmen gehievt, sodass junge Menschen angefangen haben, mit einem gewissen Bildungshintergrund ihre Mir-steht-die-Welt-offen-Freiheit auszunutzen", sagt er. Das habe auch die Wirtschaft erkannt und dem neuen Lebensstil die nötigen Mittel dazu gestellt. 

"Wir haben die Pflicht zur Freiheit"

"Wir haben nicht nur die Freiheit, sondern auch die Pflicht zur Freiheit", betont der Soziologe kritisch. Aus diesen gewonnenen Möglichkeiten haben sich Trends entwickelt: Der Minimalismus hast viele Menschen zum Ausmisten gebracht: Klamotten, Möbel, Dekoration und ein bisschen auch den eigenen Lebensstil. Seither haben sich Blogger und andere Nachahmer dem "Weniger-ist-mehr-Trend" angeschlossen. Der Start-up-Gründer Colin Wright trennte sich 2009 von allem, was nicht in seinen Rucksack passte. Seither bezeichnet er sich als Vollzeit-Reisender und obdachlos, wie er in seinem Blog "Exile Lifestyle" schreibt. 

"Was ich bei Generation Y beobachte, ist das Problem, überhaupt feste Entscheidungen zu treffen, die im nächsten Moment nicht sofort wieder infrage gestellt werden", sagt Mundt. Sharing-Konzepte und häufige Wechsel im Job oder in Beziehungen seien das Ergebnis. 

Generation Z sehnt sich hingegen nach dem einfachen Leben. Arbeit und Privates wollen sie strikt trennen, der Freundeskreis ist wichtig, aber hauptsächlich digital konstruiert. Auch Mundt hat über die Jahre einen Wertewandel beobachtet, der zurück zu den klassischen Werten führt und eine traditionelle Einstellung widerspiegelt, der Generation Y versucht zu entfliehen. Nicht ohne Grund, wie der Soziologe meint.

Seine ersten fundierten Untersuchungen haben nicht nur gezeigt, dass Generation Z im Altersvergleich sehr viel konservativer ist als Generation Y – sondern auch, warum. Geborene um die Jahrtausendwende bekommen nun mit, wie vieles, das lange unzerstörbar schien, zu zerfallen droht. Aufgewachsen in besonders konfliktreichen Zeiten von Finanz-, Wirtschafts-, Flüchtlings-, EU-Krise, und ganz aktuell inmitten der Auswirkungen des Klimawandels und politischen Rechtsrucks, lebt Gen Z mit einem permanenten Grundgefühl der Unsicherheit. Wie sieht meine Lebensplanung in Zukunft aus? Kann und sollte ich Kinder in die Welt setzen? Was wird das sich verändernde Klima anrichten? Bei einer extrem ungewissen Zukunft wie unserer, sei ein gewisser Zukunftspessimismus unvermeidbar. "Die Klarheit, die die Welt mal hatte – was ist gut, was ist böse, ist nicht mehr da", sagt Mundt. 

Dazu spielen die natürlichen Abgrenzungstendenzen, die es bei jedem Generationswechsel gibt, hinein: "Generation Z kann täglich beobachten, womit Generation Y zu kämpfen hat", sagt der Soziologe. Für sie ist die logische Konsequenz daher, an einem Ort zu leben, der einem die meiste Sicherheit und Vertrautheit bietet. Für den Großteil ist dieser Ort ihre Heimat.

Heimatverbundener als die Generation zuvor

Auch Mundts Untersuchungen bestätigen, dass Generation Z heimatverbundener ist als die Generation zuvor. Reisen spielt noch eine Rolle, aber keine vordergründige mehr. Was auch daran liegt, dass die Generation in einer digitalen Kultur aufgewachsen ist. Durch die Echtzeit-Vernetzung zu fast allen Länderecken, könnten sie sich die Welt schon früh über Reiseblogger, Instagram oder Facebook bildlich erschließen. Ihre Realität spielt sich online ab. "Den bereits 'bekannten' Ort dann noch physisch zu besuchen, ist gar nicht mehr so reizvoll", sagt Mundt. 

So ähnlich bestätigt es auch ein NEON-Community-Mitglied in einem Beitrag über Generation Z: "Das Netz, das World-Wide-Web, das sind wir. Wir profilieren uns über unsere digitalen Ichs". Fünf bis sieben Stunden sind sie täglich im Netz unterwegs. Aktuelle Ereignisse und Nachrichten bekommen sie 24/7 ohne Schönheits-Filter aufs Smartphone gespielt. Sie wissen, wo gerade ein Flugzeug abgestürzt ist, und sehen, wie Menschen gezwungenermaßen aus ihrer Heimat flüchten.

Inmitten von Katastrophen und Unsicherheiten hat sich Gen Z ihr eigenes, virtuelles Leben aufgebaut. Keiner anderen Generation sagt man so viel "Show" nach. Auswertungen der Jugendstudie "Junge Deutsche 2017" haben gezeigt, dass familiärer Rückhalt und eine gute Beziehung zu den Eltern für sie an erster Stelle stehen. Anders als der Konsumverzicht und die Reiselust von Generation Y, ist Z wieder materieller Eigentum wichtig: Haus, Auto, Familie. "Sie versuchen an Dingen festzuhalten, die ihnen Sicherheit bringen", sagt Mundt. Dazu gehöre neben der Gewissheit, eine sichere Heimat zu haben, eben auch der Besitz. 

NEON: Bin ich schön?