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Reportage der Woche

Die Geschichte eines jungen Afghanen: Amar floh vor den Taliban – und fand in Deutschland die große Liebe

Seit drei Jahren lebt Amar in Flensburg. Seine Geschichte ist die eines jungen Mannes, der vor den Taliban aus Afghanistan floh – und in Deutschland ein neues Zuhause und vielleicht sogar eine Frau fürs Leben fand. Eine Begegnung.


Amar* floh vor den Taliban – und fand in Deutschland die große Liebe

"Für mich war es völlig normal, sobald Bomben oder Kugeln fielen, einfach in einen Keller zu gehen und mich in Sicherheit zu bringen", sagt der afghanische Flüchtling Amar* über seine Schulzeit (Symbolbild)

Getty Images

Amar* kann den Satz nicht vergessen. Seine Stimme fängt an zu zittern, als er ihn wiederholt: "Töte ihn!" Es sind nur zwei Worte. Fast wären es die letzten gewesen, die er in seinem Leben hört. "Ich habe gedacht, nun erschießen sie mich", sagt er schluchzend. Mit "sie" meint Amar die Taliban. Bloß ein Zufall rettete ihm das Leben – genauer gesagt ein Anruf: "Da war wohl jemand wichtiger als ich",  vermutet er heute. "Die Täter ließen alles stehen und liegen." Es ist der Moment, in dem ihm bewusst wird: "Ich muss fliehen. Ich bin in meiner Heimat Afghanistan nicht mehr sicher."

So erzählt Amar NEON die Geschichte seiner Flucht. Überprüfen lässt sich das nicht. Aber: Es sei so passiert, sagt er. Fast drei Jahre liegen zwischen damals und heute. Lediglich eine Narbe über seinem linken Auge erinnert an jenen Vorfall. Ansonsten unterscheidet Amar nicht viel von anderen Anfang Zwanzigjährigen. Er ist breit gebaut, hat einen dunklen Teint und eine fast schüchterne, herzliche Stimme.

Seine Heimat ist mittlerweile eine andere: Deutschland. Er ist einer von etwas mehr als 250.000 afghanischen Staatsangehörigen, die laut Statistischen Bundesamt hier leben. Hier fühlt er sich wohl. Hier ist er sicher. Hier hat er seine große Liebe gefunden. Nadine* heißt sie. Sie ist 24 Jahre alt, blond, circa 1,65 Meter groß, trägt eine Brille und hat eine Zahnlücke zwischen ihren unteren Schneidezähnen. Beim Deutschkurs hat Amar sie kennengelernt. Sie war seine Lehrerin, jetzt ist sie seine Freundin.

Seit zwei Jahren sind Amar und Nadine nun ein Paar. Ihre Freunde sagen immer, sie seien "soooooo süß zusammen". Tatsächlich hat es etwas Anrührendes, wenn Amar von seiner Flucht und seinem früheren Leben in Afghanistan mit seinem gebrochenen Deutsch berichtet – und Nadine ihn ab und zu verbessert. Die beiden wirken wie ein unzertrennliches Team, das schon seit Jahren zusammen ist. Dabei sind ihre Geschichten so unterschiedlich.

Glück, Zufall und Glück und Zufall

Nadine wächst mit zwei Schwestern auf einem Bauernhof in einem kleinen Dorf nahe der Ostsee in Schleswig-Holstein auf. Sie macht Abitur, reist viel durch die Welt und ihre Eltern helfen ihr, wo sie nur können. Sie hat eine entspannte Kindheit, ein entspanntes Leben. Das kann Amar nicht behaupten. Er ist froh, überhaupt noch am Leben zu sein. Glück und Zufälle spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Glück wie jener Anruf in der Nacht, in der Amar fast von den Taliban ermordet wird. Zufall wie bei seiner Flucht, als er allein durch das Aladağlar-Gebirge in der Türkei wandert. Er ist völlig ausgehungert, hat seit Tagen nichts gegessen, nichts getrunken. Irgendwann verliert er sogar das Bewusstsein: "Ich weiß nicht, wie lange ich dort lag", erzählt Amar. "Doch plötzlich wurde ich wach, weil Regentropfen auf mein Gesicht fielen. Ich versuchte mit letzter Kraft, jedes Wassergerinnsel von den Steinen zu lecken und soviel Wasser wie möglich zu trinken. Nach einiger Zeit konnte ich weitergehen." Nach zehn Tagen erreicht er dann endlich ein kleines Dorf. Es ist seine Rettung.

Manchmal hilft dem jungen Afghanen auch beides: Glück und Zufall – wie an der türkisch-iranischen Grenze. Dort fängt die Polizei an, unvermittelt auf ihn zu schießen. "Ich bin so schnell gelaufen wie ich konnte. Nach ungefähr zehn Minuten bin ich zum Stehen gekommen. Ich wurde zum Glück nicht getroffen, aber ich konnte von da, wo ich stand, sehen, dass viele, mit denen ich geflohen bin, erschossen wurden."

Nur zwei Tage die Woche Schule

Nahtoderlebnisse. Bomben. Schüsse. Krieg. Flucht. Begriffe, die Amars bisheriges Leben geprägt haben. In Wardak, einer Provinz in Zentralafghanistan mit knapp 600.000 Einwohnern unweit von Kabul, wo er aufwächst, kommt er immer wieder mit ihnen in Berührung. "Für mich war es völlig normal, sobald Bomben oder Kugeln fielen, einfach in einen Keller zu gehen und mich in Sicherheit zu bringen", erzählt er so beiläufig, als wäre es ein fliegender Vogel oder ein fahrendes Auto – das Normalste der Welt. Für ihn ist es das auch. Es ist Teil seiner Kindheit.

Dabei hätte Amar in Afghanistan ziemlich gute Voraussetzungen gehabt, ein privilegiertes Leben führen zu können. Er kommt aus einer gebildeten Familie. Sein Vater besitzt ein eigenes Krankenhaus, sechs seiner Verwandten sind Ärzte. Auch er will einer werden, am liebsten Zahnarzt. Er kann wie seine zwei Schwestern und sein Bruder zur Schule gehen. Er versucht es zumindest. "Die Regierung beherrschte meine Region. Die Taliban haben sich in den Bergen versteckt. Sobald sie allerdings zu nah kamen, wurden wir nach Hause geschickt. Es war also für uns normal, nur ein bis zwei Tage die Woche zur Schule zu gehen." Als er in die achte Klasse kommt, sind die Taliban nicht mehr "nur" in den Bergen. Sie gewinnen mehr und mehr Macht in Wardak. Amar und seine Familie fliehen nach Kabul. In der afghanischen Hauptstadt geht er weiter zur Schule, macht seinen Abschluss und beginnt, an einer privaten Universität Zahnmedizin zu studieren. Es scheint alles gut zu sein, bis er eines Tages nach Hause kommt.

Sein Vater hält einen Brief in der Hand. Er ist von den Taliban. Es ist eine Botschaft an Amar. Der arbeitet neben seinem Studium für die Regierung. Für die islamistische Miliz ist jeder ein Verräter, der für die ungläubige Regierung arbeitet. Trotzdem drohen sie ihm in dem Schreiben nicht. Sie teilen ihm nur mit, dass sie Bescheid wissen, für wen er arbeitet. Amar ignoriert diesen Brief zunächst. Doch es kommen immer mehr Briefe – und irgendwann werden aus den Briefen Anrufe. Immer wieder redet sein Vater auf ihn ein, sagt ihm, er solle aufhören. Er brauche nicht arbeiten. Er habe genug Geld. Amar will aber nicht aufhören. Er will dem Politiker, für den er arbeitet, helfen, die kommende Wahl zu gewinnen.

Eine Odyssee nach Deutschland, um zu überleben

"Im Sommer 2015 habe ich dafür die Quittung gezahlt", erzählt er. Es ist gegen Mittag an einem Feiertag. Amar ist mit seinem Auto unterwegs. Er fährt gerade durch eine Nebenstraße eines kleinen Dorfes, als ihm plötzlich vier Männer auf zwei Motorrädern den Weg blockieren und mit Pistolen auf ihn zielen. Durch den Rückspiegel sieht er, dass ein weiteres Motorrad seinen Fluchtweg versperrt. Er hat keine Wahl. Er steigt aus und wird sofort von hinten niedergeschlagen: "Ich ging zu Boden. Dann haben sie direkt angefangen, auf mich einzuschlagen. Sie sagten mir, dass ich es offenbar nur so verstehe", erzählt Amar. Es fallen jene zwei Worte: "Töte ihn."

Doch Amar hat Glück. Er überlebt. Er stirbt an diesem Tag nicht, er wird gerettet. Wie, weiß er bis heute nicht. Er kann sich nur an Bruchteile erinnern: an Hände, an einen silbernen PKW und an Rücksitze. Als er wieder zu sich kommt, liegt er im Krankenhaus. Seine beiden Hände sind in Gips, sein Kopf ist bandagiert, sein linkes Auge verbunden und seine Familie steht um sein Bett herum. Es ist das letzte Mal, dass er sie alle beisammen sieht. Denn kurz danach beginnt Amars Odyssee nach Deutschland. Erst flieht er in die afghanische Stadt Herat, dann in den Iran nach Tehran, von da aus geht es mit Schleppern in die Türkei, nach Bulgarien, wieder zurück in die Türkei, daraufhin nach Serbien, Ungarn, bis er irgendwann in Österreich landet.

Über zwei Monate dauert seine Flucht. Es gleicht einem Wunder, dass er sie überlebt hat. Überglücklich, endlich in Sicherheit zu sein, ruft er seinen Vater an und erfährt, dass seine Mutter in der Zwischenzeit gestorben ist. Herzversagen. "Ich konnte in dem Moment nicht mehr. Ich bin zusammengebrochen und ins Krankenhaus eingeliefert worden. Nach ein paar Tagen wurde ich wieder entlassen, und dann ging es direkt weiter nach Deutschland." Zeit, den Tod seiner Mutter oder die Geschehnisse seiner Flucht zu verarbeiten, hat er nicht. Stattdessen muss Amar Asyl beantragen, seine Geschichte erzählen: wo er herkomme und warum er geflüchtet sei. Das alles macht ihn fertig. Er bekommt Asthma, Heimweh, hat Angst. Nur: In seine Heimat kann er nicht zurück. Da ist er nicht sicher. Deshalb beschließt er, sich in dem fremden Land durchzubeißen. Er macht einen freiwilligen Deutschkurs in Flensburg. Dort lernt er Nadine kennen. Und auf einmal ändert sich alles.

"Er ist mir tierisch auf die Nerven gegangen"

Als sich Nadine an die ersten Begegnungen mit Amar erinnert, muss sie lachen. Dass sie mal ein Paar werden würden, hätte sie damals nie für möglich gehalten, sagt sie. "Er ist mir tierisch auf die Nerven gegangen. Er hat die ganze Zeit mit seinem Kumpel nur Quatsch gemacht." Denn Amar nimmt den Unterricht nicht wirklich ernst. Dabei ist dieser freiwillige Deutschkurs seine einzige Möglichkeit, Deutsch zu lernen. Flüchtlinge aus Afghanistan dürfen keine Deutschkurse zur Integration besuchen. Hintergrund ist, dass sie laut Innenministerium keine "gute Bleibeperspektive" haben – da weniger als die Hälfte der geflüchteten Afghanen dauerhaft in Deutschland leben darf. "Umso weniger habe ich auch verstanden, warum er den Unterricht nicht ernst genommen hat", sagt Nadine.

Allerdings ändert Amar seine Einstellung von einem auf den anderen Tag, als hätte ihm jemand vor Augen geführt, wie wichtig die Sprache für die Integration ist. Amar wird vom Saulus zum Paulus – beziehungsweise vom Klassenclown zum Vorzeige-Schüler. Plötzlich hilft er anderen und unterstützt die Lehrer als Übersetzer. Vor allem Nadine imponiert er damit. Als er sie einmal zufällig in der Stadt trifft, kommen die beiden ins Gespräch. Sie tauschen ihre Kontaktdaten aus, fangen an, über Facebook zu chatten. Sie treffen sich regelmäßig nach den Unterrichtsstunden, bis Amar Nadine fragt, ob sie nicht Lust hätte, mit ihm einen Kaffee trinken zu gehen. "Na ja, und irgendwie waren wir dann auf einmal ein Paar", sagt Nadine.

Ihre Beziehung ist wie Amars Flucht – unverhofft, zufällig und doch die logische Konsequenz. Amar wird zum richtigen Familienmitglied, zieht aus dem Flüchtlingsheim aus – und zu Nadine ins Kinderzimmer bei ihren Eltern ein. "Im Nachhinein denke ich mir: Krass, wie er all das verarbeitet hat – die Erlebnisse seiner Flucht, die Entfernung zu seiner Familie, der Tod seiner Mutter, ein neues Land, eine neue Sprache und Kultur und dann eine Beziehung", sagt Nadine. "Ich hätte das nicht gekonnt." Besonders seinen offenen Umgang mit alldem bewundert sie. "Er erzählt jedem, der danach fragt, seine traumatische Geschichte. Bei mir hat es letztendlich Vorwürfe ausgelöst. Ich habe mich gefragt, warum ich nicht mehr getan habe – als nur Unterricht zu geben."

Sicher in Deutschland – und was nun?

Erster Weihnachtsfeiertag 2018. Amar und Nadine sind bei Freunden eingeladen. Es gibt Würstchen, Bier und Punsch. Für die Dorfbewohner hat das Tradition, für Amar ist es dagegen neu. Und dennoch wirkt er an diesem Abend wie einer, der schon seit Jahren dabei ist – als habe er nie woanders gelebt. Er trinkt Bier, isst Geflügelwurst im Brötchen, unterhält sich mit jedem und lacht ab und zu über die Worte seines Gegenüber.

Auch sonst scheint Amar in Deutschland seine neue Heimat gefunden zu haben. Er lebt mittlerweile in Flensburg, hat eine Wohnung und einen Job. Er ist Hausdetektiv. Aber er hofft, bald hier Zahnmedizin zu studieren. Bislang kann er das aber nicht, weil sein Deutsch dafür noch zu schlecht ist und seine Leistungen von der Uni in Afghanistan bisher noch nicht anerkannt wurden. Da habe es offenbar einen Übersetzungsfehler gegeben, sagt er.

Zurück will Amar erst einmal nicht. "Ich habe mich zu sehr an die deutsche Kultur und die Freiheiten gewöhnt. Ich finde die deutschen Regeln und Gesetze besser als die afghanischen", sagt er. Außerdem gibt es da ja noch Nadine …

* Die Namen sind der Redaktion bekannt und wurden aus Gründen des Personenschutzes geändert.