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Irak: Nie wieder Opfer: Wie die "Frauen der Sonne" sich am IS rächen wollen

Im Nordirak entführte die Terrororganisation IS Tausende jesidische Frauen. Einige, die entkommen konnten, haben ein Bataillon gegründet und bereiten den Gegenschlag vor. Die Sun Ladies kämpfen auch darum, das eigene Trauma zu bewältigen.

Soldatinnen der Sun Ladies

Viele der Soldatinnen sind nicht einmal volljährig. Bis vor Kurzem lebten sie zu Hause in Mädchenzimmern zwischen Bollywood-Postern und Teddybären, jetzt trainieren sie mit AK-47-Sturmgewehren und Panzer fäusten.

Hier oben auf dem Dach, hier kann Nadia Haji Cholw noch träumen. Sie lehnt sich gegen die sandfarbene Mauer, steckt sich Kopfhörer in die Ohren und hört Lieder über Liebe und Heimat, kurdische Popmusik, Sehnsuchtsmelodien. Sie hockt auf dem dreckigen Boden, blickt Richtung Sonne, die Augen geschlossen, so sieht sie die zerbombten Dörfer dort unten nicht. Ihre Ohrstecker funkeln im Licht.

Es ist eine kurze Flucht vor der Realität; ein Rückzug in ein Leben, in dem sie noch ein Mädchen war. Ein Leben, das endete an jenem Sonntag im August 2014, als IS-Milizen ihr Heimatdorf überfielen, Tal al-Banat, Nordirak, keine Autostunde von diesem Dach entfernt und doch unerreichbar. Seitdem ist Nadia nur noch in seltenen Momenten wie diesem das Mädchen, die Träumerin. Vor allem ist sie seitdem Nadia, die Soldatin. Eine 17-Jährige, die olivgrüne Tarnuniform trägt und innerhalb weniger Sekunden ein AK-47-Sturmgewehr zusammenbauen kann. Auf ihrer Hand prangt ein verschwommenes Tattoo.

Das Dach, auf dem Nadia sitzt, ist Teil eines alten Schulgeländes. Hier bereiten sie sich vor, die „Yazidi’s Force of the Sun Ladies“, die Sonnenfrauen. Ein Frauenbataillon, das den Peschmerga angehört, den offiziellen Streitkräften der Autonomen Region Kurdistan. Eine Kampftruppe von 140 Frauen, die Furchtbares erlebt haben und jetzt zurückschlagen wollen.

Kräftemessen mit dem Islamischen Staat

Ein Ruf hallt zu Nadia herüber, sie schaut auf. Ein paar Meter entfernt sitzen ihre Kameradinnen. Auch sie tragen Uniform, ihre Gewehre lehnen an Plastikstühlen. „Nadia, komm rüber“, ruft eine. „Ich brauch dich zum Armdrücken.“ Nadia steht auf, geht zu der Gruppe, krempelt ihren Ärmel hoch. Sie lachen, Nadia drückt, die andere kontert, das Tattoo auf Nadias Handrücken senkt sich Richtung Tisch, sie gewinnt.

Die Frauen warten auf ein viel größeres Kräftemessen: auf ihren Kampf gegen den Islamischen Staat. Sie bereiten sich vor auf eine große Schlacht, hier in der kargen Steppe des Nordiraks. Das Camp liegt am Fuße des Berges Sindschar, sechs Autostunden von Erbil entfernt, der Hauptstadt der kurdischen Gebiete im Irak.
Eine verlassene Schule dient als Kaserne; ein wuchtiger Bau, umgeben von einer meterhohen Mauer. Auf einer Schotterfläche parken sandfarbene Militär-Pick-ups, daneben ein Humvee mit zerschossener Windschutzscheibe. In den alten Klassenräumen liegen durchgelegene Schaumstoffmatratzen auf dem Boden, bedeckt mit Schichten von Wolldecken. Sie schützen notdürftig vor dem strengen kurdischen Winter, der durch die undichten Fenster dringt. Ein wenig Wärme zumindest kriecht aus kniehohen Benzinheizern, der Gestank des Treibstoffs hängt schwer im Raum.

Nadia und ihre Kameradinnen sind Jesidinnen. Ihre Kultur ist ein patriarchales System, in dem das Leben einer Frau von einer jahrhundertealten Tradition vorbestimmt wird. Die Jesiden sind eine religiöse Minderheit. Sie glauben an Seelenwanderung und an den gefallenen Engel Tausî Melek, der mit seinen Tränen das Höllenfeuer gelöscht haben soll und den sie als blauen Pfau anbeten. Für den Islamischen Staat sind Jesiden Ungläubige. Teufelsanbeter, die es zu verfolgen und zu töten gilt. Das Grauen begann für die Jesiden im Sommer 2014.

Für den IS sind Jesiden Teufelsanbeter

Damals gingen die furchtbaren Bilder um die Welt. Über 400.000 Jesiden konnten laut den Vereinten Nationen vor den mordenden Horden des IS fliehen, doch viele wurden auf dem Sindschar-Berg vom IS tagelang eingekesselt. Erst nach schweren Kämpfen bombten Peschmerga und kurdische Milizen einen Fluchtkorridor frei. Zuvor jedoch erschossen und köpften IS-Kämpfer über 5000 jesidische Männer und verschleppten mehr als 7000 Frauen und Kinder als Kriegsbeute. Die Frauen und Mädchen wurden zwangsverheiratet, vergewaltigt oder wie auf dem Viehmarkt per Whatsapp verkauft, einige waren erst acht Jahre alt. Viele, die entkommen konnten, leben heute in Zeltlagern des UN-Flüchtlingswerks, suchen Schutz unter Hunderttausenden anderen Flüchtlingen. Viele Frauen sind immer noch gefangen.

Kampf gegen den IS: Irakische Frauen greifen zu den Waffen
Nadia Haji Cholw, Soldatin der Sun Ladies

Nachdem Nadia Haji Cholw vor der Terrorgruppe IS fliehen musste, fand sie bei den Sun Ladies eine neue Heimat


Einige Jesidinnen wie Nadia Murad und Lamija Adschi Baschar waren selbst entführt und konnten fliehen. Jetzt bekämpfen sie die Terrororganisation mit Worten. 2016 hielt Murad eine Rede vor dem UN-Sicherheitsrat, beide bekamen Auszeichnungen. Ihre Waffe ist die Sprache. Sie führen einen sanften Kampf, so wie es in der Kultur der Jesiden von Frauen erwartet wird.

Doch für Nadia Haji Cholw, die Soldatin, gibt es nur einen Weg, den Albtraum zu beenden: in den Krieg ziehen. Die Sun Ladies wollen die Frauen befreien, die immer noch vom IS gefangen sind. „Mit Worten endet das Morden der Terroristen nicht“, sagt Nadia. Sie könne das Grauen doch nicht weiterhin geschehen lassen, nur weil sie ihm entkommen konnte. Weil sie inmitten des Elends und Sterbens das hatte, was vielen fehlte: etwas Glück.

Aus Mädchen wurden Soldatinnen

Nadia, die Träumerin, wuchs in einer traditionellen Familie auf. Wie es bei den Jesiden üblich ist, war vorgesehen, dass sie in wenigen Jahren einen jesidischen Mann heiratet und Kinder bekommt. Ihr Vater besaß einen Elektronikladen, zwei Autos, einen Traktor und 300 Schafe. Bescheidener Reichtum in der Provinz. Zusammen mit ihren neun Geschwistern lebte Nadia in einem großen Haus, der Garten voller Olivenbäume und Rosensträucher. In ihrem Zimmer hingen Bollywood-Poster, in den Regalen saßen Teddybären. Mit den Jungs spielte sie Fußball, das kann man sich gut vorstellen, sie ist klein, aber voller Energie.

Die Erniedrigung, die Nadia und die anderen Frauen durch den IS erfuhren, veränderte alles. Seit dem Überfall sind sie nicht mehr beschützt, sondern müssen sich selbst schützen. Sie sind keine Mädchen mehr, sondern Soldatinnen.

Am 3. August 2014, im Morgengrauen gegen fünf Uhr, griff der IS an. Die Familie schlief noch, nur Nadia lag bereits wach im Bett und las für die Schule. Da hörte sie die Granaten einschlagen. Schüsse. Und dann das Telefon. Ein Freund, der den Peschmerga angehört, den kurdischen Streitkräften. Er warnte sie: „Haut ab. Sie kommen.“ Nadias Familie stürmte aus dem Haus mit nichts als ihren Kleidern am Leib und dem Pass in der Hand. Nur Nadia blieb zurück, um ihren Onkel zu warnen. Sie rannte durch die Straßen, riss die Tür auf. Ihr Onkel saß in der Küche im Obergeschoss. Das Haus wurde zur Falle, denn unten fuhren die ersten Wagen des IS vor. Durch das Fenster sah Nadia Männer aussteigen, einige noch Jugendliche, andere mit grauem Haar. Sie trugen lange Bärte, nur die Oberlippen rasiert, und Maschinengewehre.

Ein Tattoo gegen den Wahnsinn

Die Terroristen zogen die Bewohner des Dorfes auf die Straße, sie riefen: „Konvertiert, und euch geschieht nichts. “ Doch alle schwiegen. Vielleicht aus Angst, vielleicht aus Stolz. Die Milizionäre erschossen sie. Nadia hockte in ihrem Versteck unter dem Fenster, sie drückte sich die Hand auf den Mund, um nicht zu schreien.
Durch einen Hinterhof gelangten Nadia und ihr Onkel in das Nachbarhaus und versteckten sich vor den IS-Kämpfern, tagelang. Sie fanden Pepsi und Kekse. Wenn sie auf die Toilette mussten, pinkelten sie in eine Ecke. Sie trauten sich nicht auf das Klo. Immer wieder hörten sie, wie Pick-ups am Haus vorbeifuhren. Siegesschüsse peitschten durch die Luft, weitere IS-Truppen rückten ein.

An einem Tag kratzte Nadia den Ruß vom Boden eines Küchentopfes, vermischte ihn mit etwas Wasser und stach sich mit einer Nadel eine Tätowierung in die rechte Hand: Sindschar. Den Namen ihrer Heimat. Der Schmerz sollte lauter sein als die Angst und den Wahnsinn fernhalten. Und falls sie sterben und jemand sie finden sollte, so hoffte sie, würde das Tattoo zeigen, woher sie stammt. Monate später folgten weitere Tattoos. Ein „N“ wie Nadia, ein Herz. Manchmal war da dann nur noch Schmerz, das half.
Nach sechs Tagen verstummten die Schüsse. In tiefer Nacht verließen Nadia und ihr Onkel das Haus, mit zwei Flaschen Wasser in der Hand und einem Ziel: das Sindschar-Gebirge am Horizont, ihr heiliger Berg. Sie schlichen von Hauseingang zu Hauseingang, von Dorf zu Dorf, ohne Pause. Nach zwölf Stunden stießen sie auf Soldaten der PKK, Verbündete.

Inzwischen kämpften in der Region viele Kräfte gegen die Terrormiliz Islamischer Staat: neben den Peschmerga auch Kurdenverbände aus der Türkei und aus Syrien und schiitische Milizen aus dem Iran. Im September 2014 gründeten die Vereinigten Staaten ein internationales Militärbündnis mit dem gemeinsamen Ziel, den Islamischen Staat zu besiegen.

Kämpfen gegen die Hilflosigkeit

In den Wochen nach dem brutalen Überfall auf ihr Dorf lebte Nadia in einem Flüchtlingslager in der Nähe der Stadt Dohuk. Zeltreihen säumten die Wege, Tausende Menschen harrten aus, hofften auf eine bessere Zeit. Hier fand Nadia ihre Familie wieder, in Zelten ertrugen sie die bittere Kälte. Benzinheizer waren nicht erlaubt, weil die Zelte abbrennen könnten. Niemand aus Nadias Familie war auf der Flucht gestorben. Aber sie und ihre Verwandten hatten mit ansehen müssen, wie Nachbarn erschossen wurden, Bekannte, Freunde. Ihnen blieb nur, hilflos zu trauern.

Nadia quälte die Ungewissheit. Was passiert mit unserem Leben, wie lange müssen wir hierbleiben, wann besiegen sie endlich die Terroristen, fragte sie sich.

Eines Tages traf sie im Lager Yasemin, eine ehemalige Nachbarin aus ihrem Heimatdorf. Yasemin trug eine Uniform und erzählte von einer Militärmission, die jesidische Frauen rekrutierte. Sie wollten nicht weiter zusehen, wie der IS sich ausbreitete. Sondern sie wollten zurückschlagen, an der Seite der anderen Kampftruppen. Sie erzählte ihr von der Kaserne am Fuße des Sindschar, und sie erzählte von Captain Khatoon Khider, der Kommandantin. Im November 2015 gründete Captain Khider, die heute 36 Jahre alt ist, die Sun Ladies. Sie schlug damals Offizieren der kurdischen Peschmerga vor, die Kämpfer mit einem Frauenbataillon zu verstärken. Die Peschmerga-Generäle stimmten zu. Khiders Plan ging auf, so begann ihr zweites Leben.

Von der Sängerin zur Kommandantin

In ihrem ersten Leben war Khider eine berühmte Hochzeitssängerin gewesen. Für die Auftritte ließ sie ihr Haar offen, trug ihr rotes Kleid. Sie sang die traditionellen Lieder der Jesiden. Dann musste auch sie vor dem IS fliehen, auch sie strandete in den Bergen und musste zusehen, wie ihr Volk litt. Wenn ich hier rauskomme, schwor sie sich, sollen die Jesiden nie wieder so schutzlos sein. Ich werde kämpfen. Khider hielt Wort.

Aus ihrer Zeit als Sängerin hatte sie Kontakte zum kurdischen Fernsehen. Sie nahm eine Voicemail auf und ließ sie auf Zagros TV veröffentlichen: „Wer will mitkämpfen? Gegen den IS, für unsere Frauen?“ Sie ließ eine Telefonnummer einblenden. Ihr Telefon stand danach nicht mehr still. Heute trägt Khider drei goldene Sterne auf den Schulterklappen ihrer Uniform und eine Automatikpistole an der Hüfte.

Nadia kannte Captain Khider bereits als Sängerin. Sie mochte ihre Lieder, sah sich ihre Auftritte auf Youtube an. Heute hört sie Khider nicht mehr singen, sondern Befehle rufen. Noch an dem Tag, an dem Nadia auf Yasemin traf, trug sie sich in eine Aufnahmeliste ein. Nach wenigen Wochen machte sie die Grundausbildung in einem Camp der Peschmerga.

Gehen die Sun Ladies wirklich an die Front?

In einem Militärstützpunkt nahe Dohuk bildeten Peschmerga-Soldaten die Sun Ladies aus. Nadia lernte, sich im Nahkampf zu verteidigen. Sie quälte sich stundenlang unter Hindernisbahnen durch, feuerte mit Kalaschnikows und Maschinengewehren auf Zielscheiben, warf Handgranaten. Selbst mit Panzerabwehrraketen lernte sie zu kämpfen.

Um die Ausbildung zu machen, brauchte Nadia eine Genehmigung ihres Vaters. Auch im Leben der Kommandantin Khider spielte der Vater eine wichtige Rolle: Wenn sie als Sängerin durch Sindschar tourte, begleitete er sie. Männliche Peschmerga-Kämpfer trainierten die Sun Ladies. Doch nun, in ihrem Camp, sind die Frauen unter sich. Selbst die Leibwächter, die Captain Khider ständig bewachen, sind Frauen. Hier bestimmen sie selbst über ihren Alltag, über ihr Training. Aber bestimmen sie auch über ihren Einsatz in diesem Krieg?

Bisher kämpfen die Sun Ladies noch nicht mit an der Front. Sehen die Peschmerga die Kriegerinnen überhaupt als eine wichtige Unterstützung? Vielleicht haben sie das Bataillon nur zur Wiedergutmachung gegründet, weil sie den Jesiden zu spät zu Hilfe kamen. Vielleicht nützt ihnen die weibliche Truppe in ihren Reihen aber auch, um den westlichen Verbündeten zu zeigen, wie fortschrittlich sie sind.

Kämpfen, um das Trauma zu bewältigen

Während eine Großoffensive auf die vom IS besetzte Stadt Mossul läuft, verbringen die Frauen ihre Zeit in dem Hauptquartier, fast 150 Kilometer von Mossul entfernt. Einmal sicherten sie Straßenzüge, ein anderes Mal führten sie Peschmerga-Soldaten durch befreite jesidische Dörfer, in denen sie sich gut auskannten. Vor einigen Wochen gerieten manche von ihnen unter Beschuss, als sie bei Peschmerga-Kämpfen patrouillieren wollten. Die Sun Ladies feuerten mit ihren AK-47-Gewehren auf die mehrere Hundert Meter entfernten IS-Stellungen. Ob sie jemanden getötet haben, wissen sie nicht.

Captain Khider rechtfertigt es als „militärische Entscheidung“ , dass bislang niemand ihrer Truppe den Marschbefehl nach Mossul gegeben hat. Den Sun Ladies bleibt somit nichts anderes übrig, als den Kämpfern der Peschmerga in den Fernsehnachrichten dabei zuzusehen, wie sie Granaten auf die umkämpfte Stadt abfeuern.

Trotzdem sind die Sun Ladies überzeugt, dass ihr Einsatz kommen wird. Nadia glaubt, der IS habe sogar Angst vor dem Frauenbataillon: „Wird ein Kämpfer von einer Frau getötet, gelangt er nicht als Märtyrer ins Paradies.“ Wenn Mossul erst erobert sei, beginne ihr Kampf, sagt auch Khider. Die Soldatinnen wissen, wo die Frauen versteckt sind, wo die Gefängnisse und die Privatwohnungen zu finden sind. Dieses Wissen ist ihr größter Trumpf und diese Erinnerung ihre größte Last. Denn viele Sun Ladies waren selbst Gefangene des IS.
Und so ist der Dienst an der Waffe auch eine Art Traumabewältigung. Ein Weg, ihren Leben, die durch den Terror so brutal zerstört wurden, wieder einen Sinn zu geben.

Das Leid teilen und neue Hoffnung schöpfen

Ein Dezembertag, 8.30 Uhr, im Stützpunkt beginnt das Militärleben. Antreten zum Appell. Marschierübungen. Präsentieren des Gewehrs. In Dreierreihen kreisen die Sun Ladies über den Zementboden, rammen die Füße auf den Boden. Während einige Mädchen darüber lachen, dass eine beim Marschieren einen Fehler gemacht hat, schaut Nadia ernst, hält das Gewehr fest an sich. Sie will, dass die Sun Ladies Erfolg haben. Sie gehorcht Captain Khider, die Befehle über den Hof brüllt, salutiert mit dem Gewehr.

Wenn man Captain Khider fragt, ob es richtig ist, dem Terror mit Gewalt zu begegnen, antwortet sie schroff: „Kannst du dir vorstellen, wie eine Neunjährige von einer Horde Männer vergewaltigt wird? Weiterverkauft und als Sexsklavin gehalten? Wir wollen der Welt mitteilen, was hier passiert ist. Und sicherstellen, dass sich das nicht wiederholt.“

Nach einer Stunde ist der Morgenappell vorbei. Nadia geht zurück auf ihren Posten, einen Wachturm aus Wellblech, kaum größer als ein Dixi-Klo, gestützt und gesichert mit einem hüfthohen Wall aus Sandsäcken. Sie blickt auf karges, fast baumloses Land, auf zusammengefallene Häuser, viele noch immer mit Sprengfallen versehen. Nadia blickt an diesem kalten Dezembertag auf ihre zerstörte Heimat und ist entschlossen, sie zurückerobern. Es tue gut, das Leid zu teilen und daran zu glauben, dass sie gemeinsam den IS schlagen können. Seit sie zu den Sun Ladies gehört, sagt Nadia, ist ihr Herz wieder stark geworden.

Dieser Text ist in der Ausgabe 03/17 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-AppAuf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.