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Schlacht um Mossul Was sich im Irak niemand zu schreiben traut

Schiitische Milizen
Im Irak grassiert die Angst vor der Rache der schiitischen Milizen
© Ahmed Jalil/DPA
Die Armee-Offensive gegen das vom IS besetzte Mossul ist im vollen Gange. Entgegen den Befürchtungen kommen die Truppen gut voran. Erste Eliteeinheiten sind bereits in die Stadt vorgedrungen. Doch lauert eine Gefahr, über die im Irak nur wenige sprechen.
Von Raphael Geiger, nahe Mossul

Abends im Zelt erzählt ein Mann von seiner Angst. Es ist ein Zelt im Feldlager der irakischen Armee südlich von Mossul, der Mann kommt aus Bagdad, er ist Journalist. Jeden Tag fährt er zur Front und berichtet über die Offensive gegen den IS, interviewt die Soldaten und ihre Offiziere, spricht mit den Flüchtlingen, die ihnen entgegen kommen und mit den Menschen in den befreiten Dörfern. Es ist eine schöne Geschichte, insgesamt, die Armee kommt gut voran, besser als viele dachten. Gerade sind die ersten Eliteeinheiten in die Stadt Mossul eingedrungen. Und die Menschen sind dankbar für die Freiheit, die Iraker gewinnen ein bisschen von ihrem Stolz zurück nach all den demütigenden Jahren.

Eine Geschichte gibt es aber, die traut sich der Journalist aus Bagdad nicht zu schreiben. Er steht auf von seinem Feldbett an diesem Abend und kommt auf die andere Seite des Zelts, zu uns. Er habe Informationen, flüstert er. "Kommt", sagt er, "ich erzähle euch. Ich will, dass meine Stimme gehört wird."

Die dunkle Seite der schiitischen Milizen

Niemand soll mithören, er steckt sich eine Zigarette an, die erste von vielen, und berichtet von den schiitischen Milizen. Den "Volksmobilisierungseinheiten", wie sie sich nennen, viele kleinere und größere Einheiten schiitischer Kämpfer, finanziert und gesteuert vom Iran. Sie haben keine staatliche Legitimation, aber die Regierung in Bagdad duldet sie. Erstens, weil sie den IS schon lange bekämpfen, sie taten es schon, als die Armee noch zu schwach war. Zweitens, weil auch die Regierung schiitisch dominiert ist, die Mehrheit der Iraker sind Schiiten. Und drittens, weil der Iran ein wichtiger und mächtiger Nachbar ist.

Diese Milizen, sagt der Journalist, haben eine dunkle Seite. Jeder wisse das, aber niemand tue etwas dagegen. Sie fielen in sunnitische Dörfer ein, sagt er, und nähmen die Männer mit. Oder sie erschossen wahllos ein paar Menschen. Dann stellten sie ihre schiitischen Flaggen auf und die Sunniten trauen sich nicht, etwas dagegen zu tun. Aber die Flaggen erinnern die Menschen ständig an die Milizen, sie konservieren den Hass.

Droht sich die Geschichte zu wiederholen?

In Mossul sind die Sunniten in der Mehrheit, die Regierung versichert deshalb, die schiitischen Milizen würden nicht in die Stadt eindringen. Nur die Armee würde Mossul erobern. Die Frage ist, ob die Regierung die Milizen überhaupt aufhalten kann. Sollten die Schiiten akzeptieren, dass Mossul nicht ihre Stadt ist, wäre das ein gutes Zeichen für die Zukunft des Irak. Besonders wahrscheinlich ist das aber nicht. Der Iran möchte seinen Einfluss auf das ganze Land ausdehnen, und die Regierung hat sich bisher nie gegen ihn gestellt.

Alle sind sie Iraker, alle Muslime, aber der Hass aufeinander ist mächtiger als der Patriotismus. Und dass sie Muslime sind, sprechen viele Sunniten den Schiiten ab, und umgekehrt. Einerseits schürt den Konflikt der Iran, andererseits tun es radikale Sunniten, unter anderem der IS. Für die IS-Leute sind Schiiten schlimmer als Christen und Juden, denn die Schiiten sind Apostaten - vom Glauben Abgefallene. Sollten die schiitischen Milizen nach Mossul gelangen, dann wäre zwar der IS vertrieben, aber die Gewalt würde erst beginnen. Niemand würde die Milizen belangen, wenn sie morden; vielleicht würden neue sunnitische Terroristengruppen entstehen und sich gegen die Schiiten erheben. Es wäre dieselbe Geschichte, die den Irak seit 2003 prägt, seit dem Irak-Krieg. Keine schöne Geschichte.

"Ich kann nicht darüber schreiben"

Diese Angst, sagt der Journalist abends im Zelt, sie verfolge ihn. Aber die Geschichte, die seine Chefs in Bagdad lesen wollen, ist eine andere: die der Befreiung von Mossul. Sie wollen lesen, wie erfolgreich die Offensive ist, und es ist ja verständlich, die Redakteure wollen wie ihre Leser vom neuen Irak hören, dem Irak ohne IS, ohne Gewalt. Sie wollen keine Krise mehr.

Das Land hat sich zusammengefunden im Kampf gegen den IS. Keine Artikel sollen mehr erscheinen über die Gewalt der Schiiten, über Gewalt und Gegenwart. Wenn Verbrechen geschehen, werden sie verschwiegen. Wenn die Milizen Zivilisten töten, kommt es nicht mehr in den Nachrichten.

"Ich kann nicht darüber schreiben", flüstert der Journalist. "Tu du es. Bitte."

Eine ausführliche Reportage über die Schlacht um Mossul lesen Sie im neuen stern.


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