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Nach Mossul-Befreiung: Der IS ist noch nicht am Ende: Hier drohen die nächsten Kämpfe

Mossul gilt als befreit. Nur wenig Gegenwehr wird von der IS-Terrormiliz noch gemeldet. Ist der Islamische Staat damit am Ende? Keineswegs. Mindestens sechs schwere Schlachten sind noch zu schlagen.

Einschläge in in IS-Stellungen in Mossul - Die Stadt ist vom Islamischen Staat befreit

Luftangriffe auf IS-Stellungen in Mossul: Die Stadt gilt nun als befreit. Um den Islamischen Staat zu besiegen, sind aber weitere Schlachten unumgänglich.

Mit militärischem Pomp hat die irakische Armee den Sieg über die Terrormiliz des Islamischen Staates in gefeiert. Soldaten, Polizei, schiitische Milizen, Panzer und andere schwere Fahrzeuge zogen am vergangenen Samstag vor den Augen von Ministerpräsident Haidar al-Abadi durch die Straßen von Bagdad. Nicht wenige glauben, dass der Islamische Staat mit der Niederlage in der Stadt am Tigris praktisch am Ende ist - zumal sich die Meldungen mehren, das IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi tot sei, wenngleich die letzte Gewissheit fehlt.

Der Sieg über den IS in Mossul gilt als Meilenstein. Auch hat die Terrororganisation schon rund 60 Prozent des Territoriums der größten Ausdehnung des selbst ernannten Kalifats eingebüßt. Doch es gibt immer noch große Gebiete, die in der Hand des IS sind - darunter viele unbewohnte Gebiete, aber auch einige nennenswerte Städte. Basierend auf Daten und Erkenntnissen der Denkfabrik IHS Markit hat die "Washington Post" sechs Konfliktherde ausgemacht, in denen die schwersten kommenden Auseinandersetzungen der US-geführten Allianz mit dem IS zu erwarten sind:

Rakka, Syrien

Die Schlacht um die selbst ernannte IS-Hauptstadt am Euphrat läuft bereits seit einigen Wochen. Geführt wird der Kampf von kurdischen Einheiten und den Demokratischen Kräften Syriens (SDF) - unterstützt von amerikanischen Spezialeinheiten. Nach Angaben der US Armee konnte im ersten Monat rund ein Fünftel der Stadt eingenommen werden. Wie lange sich die Kämpfe hinziehen werden, lässt sich kaum abschätzen. Zwar ist Rakka kleiner als Mossul und nicht so dicht besiedelt, doch gibt es keinen Grund anzunehmen, dass die IS-Milizen die Stadt nicht mit derselben Verbissenheit verteidigen werden - nicht zuletzt wegen der Symbolik, die Hauptstadt zu verlieren. Die Schlacht um Mossul zog sich über neun Monate hin - und selbst nach dem verkündeten Sieg der irakischen Armee gibt es offenbar noch kleinere Widerstandsnester. Dies lässt erahnen, wie lange sich die Kämpfe hinziehen könnten.


Deir al-Zour, Syrien

Die rund 140 Kilometer südöstlich ebenfalls am Euphrat gelegene Stadt gilt schon jetzt als der mögliche letzte Rückzugsraum für den IS. Bereits seit Monaten werden dort Beobachtern zufolge Kommandeure und Kämpfer von anderen Frontlinien zusammengezogen. Deir al-Zour könnte sich unter Umständen sogar zu einem internationalen Konfliktherd entwickeln, heißt es. Der Grund: In der Stadt hält eine kleine syrische Garnison seit Jahren aus. Regime-treue Einheiten bewegen sich zudem angeblich schon jetzt in der gleichnamigen Provinz. Es wird erwartet, dass eine syrisch-iranisch-russische Allianz im wesentlichen den Kampf um Deir al-Zour führen wird. Und zusätzlich könnte von den USA gestützte SDF nach einem Sieg in nach Süden vorrücken. Findet hier die letzte Schlacht des IS statt?

Karte mit den IS-Gebieten, die noch gehalten werden und in den letzten Jahren verloren gingen

In dieser Karte der Denkfabrik IHS Markit sind die Gebiete verzeichnet, die der IS derzeit noch hält (schwarz) und wo die kommenden Kämpfe drohen. Außerdem wird dargestellt, welche Territorien der Islamische Staat in den vergangenen drei Jahren bereits abgeben musste. Zugewinne (grün markiert) gibt es praktisch keine mehr.


Euphrat-Schiene, Syrien/Irak

Die Region entlang des von Rakka bis ins irakische Al-Qaim sowie zwischen dem Fluss und der irakischen Grenze ist das größte zusammenhängende Gebiet, das derzeit vom IS kontrolliert wird. Neben den bereits genannten Städten liegen dort auch Mayadeen und Bukamal (auch Abu Kamal). Die Kontrolle über Bukamal zu haben, bedeutet, die Kontrolle über die Hauptstraße zwischen Damaskus und Bagdad zu haben. Diese wollen syrische und iranisch gestützte Einheiten unbedingt dem IS entreißen. Dementsprechend wurden Wege blockiert, über die vom US-Militär gestützte syrische Rebellen die Stadt hätten angreifen können. Dieser Plan führte jedoch zu Spannungen, was illustriert, wie sehr die Kräfte, die gegen den IS vorgehen, auch eigene Interessen verfolgen und durchsetzen wollen. Dies macht den Konflikt zusätzlich komplex.

Al Qaim, Irak

Al Qaim ist die letzte der vom IS kontrollierten Städte entlang des Euphrats. Sie liegt unweit von Bukamal jenseits der Grenze auf irakischem Gebiet. Sie ist die bedeutendste Stadt unter IS-Herrschaft in der Wüstenprovinz Anbar. Wie es heißt, werden auch hier schon seit längerer Zeit führende Kommandaten der Terrormiliz zusammengezogen, was auf eine große Verteidigungsbereitschaft schließen lässt. Es dürfte Aufgabe der irakischen Armee sein, die Stadt vom IS zu befreien - und sich, so die Hoffnung, mit den Truppen zu treffen, die Bukamal auf der anderen Seite der Grenze befreit haben.

Tal Afar, Irak

Das mittelgroße Tal Afar liegt weniger als 50 Kilometer vom befreiten Mossul entfernt. Es wird daher erwartet, dass die Stadt als nächstes angegriffen wird, um den IS von dort zu vertreiben. Aber: Tal Afar gilt als eine der hartnäckigsten Festungen des IS, ebenso unnachgiebig dürfte sich die Terrormiliz zur Wehr setzen. Eine Besonderheit: Die Stadt hatte ursprünglich eine große schiitische Bevölkerung, die vor dem sunnitisch geprägten IS geflohen ist, als dieser 2014 einzog. Schiitische Milizen haben die Stadt umstellt. Ob diese den Kampf um Tal Afar führen werden oder ob es zu einer irakischen Offensive kommen wird, gilt derzeit noch als unklar.

Hawija, Irak

Vor Jahren noch eine der östlichsten Städte im zusammenhängenden IS-Gebiet, ist Hawija inzwischen eine isolierte Stadt in einer östlichen Exklave südwestlich des kurdisch kontrollierten Kirkuk. Von drei Seiten ist Hawija von den kurdischen Peschmerga-Milizen umzingelt, die auch aus Deutschland Waffen geliefert bekommen. Im Süden steht die irakische Armee. Laut Beobachtern ist bisher unklar, wer gegen die Stadt vorgehen wird oder ob es zu einer gemeinsam Aktion kommt.

Diese Schlachten werden wohl in den kommenden Monaten geschlagen werden. Doch selbst wenn der IS aus all' diesen Gebieten vertrieben wurde: Die Gefahr von Terrorattentaten durch Einzeltäter, die sich auf die Ideologie des IS berufen, ist damit noch nicht gebannt.

dho

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