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Wissen: „Eine Generation der verhinderten Spießer“

In Europa wählen immer mehr junge ­Menschen rechte Parteien. Woran liegt es, dass sich plötzlich so viele zu rechtskonser­vativen Werten hingezogen fühlen? Ein Gespräch mit dem Soziologen Philipp Ikrath.

Soziologe Philip Ikrath raucht. Mit NEON spricht er über die junge Generation, die sich zunehmend rechts nach orientiert.

Philipp Ikrath: "Frauen wählen seltener rechts, aufgrund ihrer Sozialisation."

Warum wenden sich immer mehr junge Menschen nach rechts? Ein Gespräch mit Soziologe Philipp Ikrath

Interview: Eva Reisinger | Foto: Clemens Fantur

Philipp Ikrath, 36, ist Jugendforscher und hat unter anderem „Generation Ego. Die Werte der Jugend im 21. Jahrhundert“ geschrieben (mit Bernhard Heinzlmaier). Ikrath wurde in Wien geboren, ­studierte Theaterwissenschaft und Germanistik und ­absolvierte die Fachhochschule für Marketing und Sales. Heute ist er Geschäftsleiter der T-Factory in Hamburg und Vereinsvorsitzender von jugendkulturforschung.de.

Bei der Wahl zum ­Bundespräsidenten in ­Österreich wählten 38 Prozent der 16- bis 29-Jährigen den FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer, in Frankreich gaben 35 Prozent der 18- bis 24-Jährigen dem Front National ihre Stimme. Und in Sachsen-Anhalt entschieden sich 26 Prozent der jüngsten Wählergruppe (18 bis 24 Jahre) für die AFD. Was ist an den Rechten so attraktiv?
Viele sind politikverdrossen. Gerade junge Menschen sind eine sehr kleine Wählergruppe und waren nie besonders relevant für Parteien. Viele denken – sicherlich zu Unrecht –, dass sich die Politik zwar für die Schwulenehe, Migranten und Banken starkmacht, aber nicht mehr für den kleinen Mann, das Rückgrat der Gesellschaft. Sie fürchten sich vor „denen da oben“ und treten darum gegen „die ganz unten“. Theodor W. Adorno nannte das den „autoritären Charakter“.

Ist es heute legitimer, rechts zu sein, als in den 30er Jahren?
Es wurde definitiv enttabuisiert. Die Rechten haben das Gefühl, im Aufwind zu sein. Wir sehen das auch bei den Wahlbefragungen in Österreich.

Früher trauten sich weniger Menschen, am Telefon zu sagen, dass sie die FPÖ wählen, als es dann am Wahl­tag taten. Heute haben die Leute kaum noch ein Problem damit, zuzu­geben, dass sie FPÖ wählen.

In einem Interview ­sprachen Sie von einer Generation der ­„ver­hinderten Spießer“. Was ist eigentlich ein ­Spießer?
Bei den meisten Menschen taucht das Bild von Doppelhaushälfte, kariertem Pullunder, Golden Retriever und Grillen am Samstag auf. Dieses Bild ist in den 50er und 60er Jahren entstanden. Im Kern ist der Spießer eine Person, die sich an den herrschenden Zeitgeist zumindest anlehnt, und das ist heute nicht mehr der Mann im Pullunder. Für mich verkörpert die Spießigkeit am besten Helene Fischer. Sie entspricht dem Bild einer braven, biederen und bürgerlichen Existenz, ohne dass sie besonders konservativ wäre. Sie ist eine Projektionsfläche für alles.

Was ist wichtiger, ­Meinungsfreiheit oder ein Golden Retriever?
Die Leute wollen, dass ihr Leben funktioniert. Die meisten würden, befürchte ich, lieber in geordneten Verhältnissen in einem eingeschränkt demokratischen System leben als in einem demokratischen System mit ungeordneten Verhältnissen. Sie sind nicht bereit, bei ihrem persönlichen Komfort Abstriche zu machen, würden aber ide­ellen Ballast über Bord werfen, wenn sie dadurch mehr Sicherheit und Stabilität bekämen.

Warum wollen heute viele wieder spießig sein?
Viele trauern dem altmodischen Spie­ßertum hinterher. Sie wünschen sich ein unaufgeregtes und beschauliches Leben. Für sie sind Eigenheim, Wohl­stand und stabile soziale Beziehungen besonders wichtig. Heute muss ein junger Mensch aber genau das Gegenteil verkörpern: mobil, geistig und körperlich fit sein, möglichst fle­xibel. Das stellt für viele Menschen ein Problem dar, und das Spießertum lebt davon, dass es jegliche Veränderung kritisiert.

Obwohl Menschen statistisch gesehen immer später heiraten, wirkt es, als gäbe es einen Trend zu Ehe, Eigenheim und Bausparen. Wie beurteilen Sie das?
Faktisch betrachtet heiraten junge Menschen immer später. Werte sind aber nur Vorstellungen davon, was erstrebenswert ist, sie sagen nichts darüber, wie der Alltag ausschaut. In sozialen Milieus, in denen Heiraten früher als uncool galt, tendieren die Menschen heute dazu, Dinge deshalb als wertvoll anzusehen, weil sie nicht mehr selbstverständlich sind.

Sie wissen, dass die Liebe ihres Lebens im nächsten Moment jemand Besseren finden könnte und dass sie sich mit ihren miesen Medienjobs ein Haus im Grünen höchstens aufzeichnen können. Dadurch rücken die verhinderten Spießerträume weit in die Ferne und gewinnen an Reiz.

Welche Auswirkungen hat es, wenn man Spießerträume nicht auslebt?
Das führt auf der psychischen Ebene dazu, dass sich die Leute ständig unter Druck gesetzt und nicht gehört fühlen, weil sie in dieser Welt keine Nische mehr finden, wo sie ihre Ideale ausleben können. Auf politischer Ebene beginnen Menschen, Bewegungen zu unterstützen, die versprechen, diesen heilen Zustand von damals wieder herzustellen. Genau das tun rechte Parteien.

Rechte Parteien werben oft mit Sicherheit. ­Haben sich Menschen je sicher gefühlt?
Zumindest sicherer als heute. Und sie waren zuversichtlicher. Im späten 19. Jahrhundert haben die Menschen geglaubt, dass durch Innovation und Technologie ihre Zukunft besser wird. Das glaubt heute niemand mehr.

Warum fühlen wir uns unsicherer?
Das Gefühl von Sicherheit entsteht dort, wo Verhältnisse klar und geordnet sind. Heute ist im Prinzip alles relativ: Ob es zum Beispiel einen Gott gibt oder nicht, ist meine eigene Entscheidung.

Sind unsere Zeiten komplexer geworden?
Das ist unmöglich zu messen. Aber ich weiß, dass die Leute die Welt heute als komplexer und undurchsichtiger wahrnehmen. Und nur darum geht es, denn nach diesem Empfinden treffen sie ihre Wahlentscheidung. Wir leben in Zeiten, in denen sich auch die letzten Gewissheiten aufge­löst haben. Dieser Satz ist ein Klischee, aber trotzdem wahr. Alle Dinge, die einst Orientierung geboten haben, sind weg. Man kann sich unserer Gesellschaft wie eine neo­liberale Gassphäre vorstellen, in deren Mitte sich ein Kern verdichtet hat, der die alten Rollenangebote wieder zurück­holen möchte.

Wie sieht der typische rechte Wähler aus?
Der rechte Wähler ist jung, männlich, lebt auf dem Land und hat einen niedrigen bis mittleren Bildungsabschluss. Frauen wählen seltener rechts, aufgrund ihrer Sozialisation. Sie werden eher zur Versöhnlichkeit erzogen, behaupte ich. Deswegen können sie mit der Machtrhetorik rechter Parteien weniger anfangen.

Überraschender Weise ziehen Parteien wie die FPÖ auch viele junge Wähler an.
Seit einigen Jahren kann man bei den Landtagswahlen zum Beispiel in Österreich beobachten, dass immer mehr Stimmen aus anderen Milieus kommen als vor­her, und auch von jungen Menschen. Das hängt für mich stark mit dem Wunsch zusammen, dass die Welt so bleiben soll, wie sie ist, oder wieder so werden soll, wie man glaubt, dass sie war.

Man könnte sagen, die Welt dieser Spießer riecht wie ein gerade frisch geputztes WC. Da ist alles frisch, alles rein, da gibt es nichts Gefährliches und nichts Ungewohntes. Genau diese heile Welt bietet etwa die FPÖ ihren Wählern gerade an. Dazu kommt noch eine latente Ausländerfeindlichkeit.

Könnte sich die AFD auch zu einer Jugendpartei wandeln?
Ja, und ich sehe auch Parallelen zwischen der alten FPÖ und der derzeitigen AfD. Sie rekrutieren ihre Wähler aus dem gleichen Milieu. In Österreich hat sich eine Aussteigerpartei zu einer Jugendpartei gewandelt, das steht Deutschland womöglich auch bevor. Genauso wie die FPÖ hat die AfD zudem den politischen Diskurs gekapert. Sie braucht nur die richtigen Politiker, um die Jungen anzusprechen.

Inwiefern stehen Hipster­phänomene wie nachhaltige Ernährung, Gesundheit, Do-it-yourself und Trachtenlook im Zusammenhang mit dem Gedankengut der Rechten?
Es gibt sicher Gemeinsamkeiten im Lebensstil: Regional einkaufen, hand­werken oder basteln tun sie beide gern. Auch die postmodernen Hipster ziehen sich aus einer für sie überfordernden Welt zurück, aber mit einer anderen Haltung als zum Beispiel Bewegungen wie die der Identitären. Die Identitären wollen die Zeit zurückdrehen – und zwar mit rechtsextremen Mitteln und völkischer Rhetorik. Genau wie die FPÖ halten sie viel von der Blut- und Boden­mentalität. Bei ihnen gibt es dieses ominöse Wir, das sich von allem bedroht und zerstört fühlt, was von außen kommt.

In ihren Studien untersuchen Sie Werte sehr breit. Was ist den jungen Generationen wirklich wichtig?
Die Familie steht auf Platz eins. Wir haben junge Menschen in einer Studie gebeten, sich dazu ein Familienfoto vorzustellen. Ihre Antworten reichten von der homosexuellen Partnerschaft und der Schildkröte bis zur Großfamilie. Sie haben ein sehr pluralistisches Familienbild. Es ist also kein Comeback der konservativen Wer­­te, sondern der Nahbereich gewinnt an Bedeutung. Denn auf Platz zwei stehen die Freunde. An alles, was jungen Menschen in der als unsicher empfundenen Welt Stabilität und Halt gibt, klammern sie sich. Al­les, was sich außerhalb des Nahbereichs abspielt, wird ausgeblendet.

Waren wir mal sozialer?
Auf jeden Fall war früher ein kollektiver Gedanke stärker. Institutionen haben eine größere Rolle gespielt. Das heißt, wenn der Pfarrer von der Kanzel irgendwas runtergepredigt hat, war das so. Diese Institutionen haben sich aufgelöst. Das verunsichert viele Menschen.

In der Wertestudie 2011 gaben 64 Prozent der Jungen an, ihre eigene Zukunft zuversichtlich zu sehen, aber nur 22 Prozent sahen die der Gesellschaft so. Ist das nicht paradox?
Es ist total paradox, zu glauben, es könne einem auf einem sinkenden Schiff gut gehen. Viele haben heute die gleiche Einstellung wie Margaret Thatcher damals: dass es keine Gesellschaft gibt, sondern nur eine Ansammlung von Individuen. Wenn man mit dieser Denkweise aufgewachsen ist, ist das Ergebnis nicht mehr so pa­radox. Dann kann man auch im Orchester der sinkenden Titanic noch seinen Spaß haben.


Dieser Text ist in der Ausgabe 08/2016 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.