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Kommentar

Deutsche Panzer, deutsches Gejammer: Der "Hype" ist vorbei: Warum wir Refugees jetzt erst recht welcome heißen müssen

Im syrischen Afrin wurden mindestens 200.000 Kurden von deutschen Panzern vertrieben. In deutschen Dörfern demonstrieren derweil junge Menschen gegen Kriegsflüchtlinge. Wie passt das zusammen? Unser Autor meint: gar nicht.

Syrische Kinder in Afrin

Vertrieben: Syrische Kinder warten nach dem Einmarsch der türkischen Soldaten in Afrin an einem Checkpoint

Bei mir in der Nachbarschaft, gleich um die Ecke, haben Demonstranten mit weißer Farbe auf das Dach eines schönen Altbaus geschrieben: "Rache für ", das A in Afrin stellt dabei das Symbol für Anarchie dar. Kein überraschendes Statement im Hamburger Schanzenviertel, trotzdem wirft der Anblick für mich Fragen auf: Wie haben die das geschafft, ohne vom Dach zu fallen? Aber vor allem: Wohin flüchten die Menschen aus Afrin jetzt eigentlich – und was haben wir Deutschen damit zu tun? Die kurze Antwort: einiges.

Tatsache ist: Soldaten der Türkei haben über 200.000 Zivilisten aus Afrin vertrieben. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan beteuert zwar in dieser unverfrorenen Scheinheiligkeit, die in der internationalen Politik dieser Tage längst zum guten Ton gehört, dass der Einsatz dem Schutz der Nato-Grenzen diene. Tatsächlich sollen sich die Truppen der Türkei vor Ort aber aufführen wie eine Besatzungsmacht. Denn einmal mehr will der türkische Präsident Erdogan vor allem die Kurden erniedrigen und mächtig Eindruck bei den Nationalisten schinden.

Rüstungsexportregeln? Praktisch eine Posse

Tatsache ist auch: Die Vertreibung im Nordwesten Syriens ist ein weiteres trauriges Beispiel für deutsche Beteiligung an Krieg und Aufruhr in den Krisengebieten dieser Welt. Denn auch in Afrin rollen deutsche "Leopard 2"- durch die Straßen. Was theoretisch nicht sein kann, weil die deutschen Rüstungsexportregeln zu den strengsten der Welt zählen, ist praktisch schon lange eine Posse: Deutsche Rüstungskonzerne umgehen die Gesetze mit Erfolg und liefern weiter Bomben und Munition in Länder wie Ägypten oder Saudi-Arabien. Und unsere Politik lässt es zu. Im Bundestag, den wir demokratisch gewählt haben, interessieren sich die AfD-Abgeordneten wenig für Afrin. Sie fragen lieber – rein rhetorisch, versteht sich –, ob der Islam zu Deutschland gehört.

Längst hat sich wieder dieser Tunnelblick etabliert, der kaum über die Grenzen der Heimatstadt hinausreicht.

Tatsache ist deshalb erst recht: Seit 2015, dem vermeintlichen Höhepunkt der Zuwanderungswelle hierzulande, ist viel Wasser den Rhein und die Elbe hinab geflossen. Es war keine schlechte Zeit, damals, vor knapp drei Jahren, als Menschen in München klatschten, weil Züge mit Flüchtlingen in den Hauptbahnhof einfuhren. Als sich auch der verbohrteste Bernd beim "Welcome Dinner" noch mit an den Tisch setzte. Als "Beate Zschäpe hört U2" von der Antilopen Gang zum klitzekleinen Hit wurde.

Damals war es cool, ein "Refugees welcome"-Shirt zu tragen und Angela Merkels hohle Parole "Wir schaffen das!" nachzuplappern. Es war alles so oberflächlich und so viel Pose, dass völlig klar war, dass es nicht lange andauern würde. Und genau so kam es. Heute ist der "Hype" vorbei. Längst hat sich wieder dieser Tunnelblick etabliert, der kaum über die Grenzen der Heimatstadt hinausreicht. Der Konsens lautet: "Wie es mir geht, hat mal wieder überhaupt keiner gefragt." Fast jeden Tag sind in den Nachrichten Bilder aus einem beliebigen deutschen Dorf zu sehen, in dem ein paar Hundert Frustrierte auf die Straße gehen, um sich mit rotem Kopf über Flüchtlinge aufzuregen. Es wäre fast witzig, wenn es nicht so peinlich und traurig wäre.

Denn um den Rest der Welt steht es heute noch viel schlimmer als 2015. Die Flüchtlingsrouten, die Europas gelobte Länder mit den gebeutelten Regionen dieser Erde verbinden, sind verstopfter denn je, sie platzen aus allen Nähten. Erfahrene Beobachter erzählen aus , dass die Zustände im Land aktuell so schlimm wie noch nie sind – das will etwas heißen im Rahmen eines Krieges, der seit Jahren jedes menschliche Ermessen überschreitet. Deutsche Firmen bereichern sich an diesem Leid, dort und anderswo, vor allem im Nahen Osten, und die deutsche Regierung lässt sie gewähren.

"Wir leben im Paradies in Deutschland"

Jeder von uns, dem das nicht zu denken gibt, den das nicht zum Handeln jeglicher Art anregt, macht sich unterlassener Hilfeleistung schuldig. Wer stattdessen jammert, dass wieder ein paar mehr in sein Kaff kommen, sollte sich schämen. Es ist eine Frage der Verantwortung. Und es klingt so verdammt abgedroschen, aber das macht es nicht weniger wahr: Was sind unsere Sorgen im Vergleich zum Leid der Menschen in Syrien oder im Jemen – außer verdammt klein? Refugees welcome: so 2015? Nein, Refugees welcome: jetzt erst recht!

Und wer den Arsch jetzt immer noch nicht hochkriegt, sollte sich vielleicht die Worte des deutschen Fußballtrainers Otto Pfister bewusst machen. Der 80-Jährige ist aktuell Coach der Nationalmannschaft von Afghanistan, er hat in seiner Laufbahn unter anderen auch die Teams von Togo und Saudi-Arabien trainiert. Er hat 136 Länder dieser Welt gesehen ("... und da sind nur die mitgezählt, in denen ich mich mindestens zwei Wochen aufgehalten habe"), er hat in 18 dieser Länder gearbeitet, und er sagt in einem aktuellen Interview mit dem Magazin "11 Freunde": "Wir leben im Paradies in , da sollten wir uns nichts anderes erzählen lassen."

Vor allem sollten wir uns selbst nichts anderes erzählen. 

Nour Adam