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Urteil in Wales: Günstiges Bier nur für Frauen? Mann verklagt Brauerei wegen Diskriminierung

Eigentlich hatte die Brauerei Brewdog mit der Aktion 2018 auf geschlechtsspezifische Lohnunterschiede aufmerksam machen wollen und sein Bier daher einen Monat lang günstiger verkauft – allerdings nur an Menschen, die sich als weiblich identifizieren. Ein Mann fühlte sich diskriminiert – und klagte.

Pink IPA von Brewdog

Das Pink IPA sollte unter anderem auf geschlechtsspezifische Lohnunterschiede weltweit aufmerksam machen

Es ist mal wieder die Zeit gekommen, sich irgendwas Weiches über die Hände zu spannen, damit der harte Schlag mit der Handfläche gegen die Stirn, der ohne Frage auf diesen Artikel folgen wird, nicht allzu sehr schmerzt.

Craft Beer ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ob man nun findet, dass es wie eingeschlafene Füße schmeckt oder nicht, die IPAs haben schon lange ihren Weg aus den hippen Hinterhöfen in die schicken Bars der Metropolen gefunden. Einer der größten Player der Industrie ist die Brauerei Brewdog. Gegründet in Schottland vertreiben die Ale-Liebhaber ihre Craft-Beers inzwischen weltweit – auch in eigenen Bars. 

Wie viele Unternehmen – und besonders junge Start-ups – setzt auch Brewdog seine mediale Reichweite häufig dafür ein, auf gesellschaftliche und politische Themen aufmerksam zu machen. So auch beispielsweise, als das Unternehmen im letzten Jahr verkündete, anlässlich des Weltfrauentags das sogenannte "Pink IPA" herauszubringen. Hierbei handelte es sich um nichts anderes als das beliebte "Punk IPA" – in rosafarbener Verpackung.

Mit der Aktion wollte Brewdog auf den Gender Pay Gap aufmerksam machen

"Satirisch 'Bier für Frauen' genannt, ist das Pink IPA Brewdogs Kriegsfanfare, um den geschlechtsspezifischen Lohnunterschied in Großbritannien und weltweit auszugleichen", hieß es damals in einem Statement. Man wolle "sexistisches Marketing für Frauen aufdecken, besonders in der Bier-Industrie." Das Bier sei eine Parodie auf gescheiterte, spezifisch an Frauen gerichtete Kampagnen anderer Biermarken. "Für die nächsten vier Wochen werden wir Pink IPA verkaufen. In der Flasche ist exakt das gleiche Bier, wie im Punk IPA. Aber von außen sieht es anders aus. Das ist eine Reflektion der weltweiten Ungleichbehandlung der Geschlechter."

Besonderes Gimmick: Um auf das Lohngefälle aufmerksam zu machen, wurde das Pink IPA an Menschen, die sich als weiblich identifizieren, für 20 Prozent weniger verkauft. Super Idee, würde man meinen. Kann man eigentlich nichts gegen haben, würde man meinen. Aber: falsch gemeint. Denn ein Mann in Wales fühlte sich davon tatsächlich so sehr diskriminiert, dass er gegen das Unternehmen klagte.

Er habe versucht, das Pink IPA zu kaufen, was ihm vom Barkeeper aufgrund seines Geschlechts versagt worden sei, sagte Thomas Bower gegenüber "Wales Online". Stattdessen habe man ihm das Punk IPA angeboten, welches für ein Pfund mehr verkauft wurde. "Nach ein bisschen Hin und Her und viel Protestieren meinerseits, fühlte ich mich gezwungen, mich als weiblich zu identifizieren, um den Drink für vier Pfund zu bekommen." Er habe sich beim Unternehmen selbst beschwert, wo man ihm gesagt habe, dass es sich hierbei nicht um Diskriminierung handele, da der Preisunterschied Teil einer Kampagne gegen den Gender Pay Gap sei. 

Eine befriedigende Antwort, würde man denken. Grund genug, von seinem Vorhaben abzulassen, würde man denken. Aber: falsch gedacht. Bower, ein 27-jähriger Software-Ingenieur, zog vor Gericht. "Ich beschwerte mich noch einmal bei Brewdog und informierte sie, dass ich vorhabe, sie wegen dieser Sache vor Gericht zu ziehen, aber das Problem lieber außergerichtlich aus dem Weg räumen würde. Ich wurde ignoriert." Also zog er vors Bagatellgericht und gab an, die Klage fallenzulassen, sollte sich das Unternehmen öffentlich bei ihm entschuldigen.

Brauerei muss für "Demütigung" zahlen – aber wäre das in Deutschland auch so?

Und, ob man es glaubt oder nicht, ein Richter gab dem Mann nun Recht und verurteilte Brewdog zu einer Entschädigungszahlung von 1000 Pfund. In der Erklärung heißt es: "Es ist offensichtlich, dass der Kläger in diesem Fall direkt diskriminiert wurde – und zwar aufgrund seines Geschlechts. Die Tatsache, dass er das Bier aufgrund seiner Identifikation als weiblich trotzdem bekam, macht hier keinen Unterschied." Bower habe sich "gedemütigt" gefühlt und es sei "keine angenehme Erfahrung" für ihn gewesen.

Auf Anfrage teilte Brewdog mit, dass es die Aktion in Deutschland auch gegeben habe: "Da der Gender Pay Gap (leider) ein weltweites Thema ist, war das auch eine weltweite Aktion. Eine solche Klage oder Beschwerden dazu gab es aber in Deutschland nicht." Selbst wenn, wäre man damit hier vermutlich aber auch nicht besonders weit gekommen: "Grundsätzlich gilt in Deutschland die Vertragsfreiheit, so dass ein Unternehmen frei ist, mit wem es wann zu welchen Preisen privatrechtliche Verträge schließt," so Arne-Patrik Heinze, Fachanwalt für Verwaltungsrecht aus Hamburg. "National gibt es zwar einen besonderen Gleichheitsgrundsatz (Art. 3 Abs. 2 S. 1 GG: Gleichberechtigung von Männern und Frauen), jedoch gelten diese im Privatrecht nur mittelbar über so genannte Generalklauseln, so dass es aus nationaler Sicht nach deutschem Recht meines Erachtens möglich wäre, Frauen im Rahmen eine Vergünstigung zu gewähren, weil der Gleichheitsgrundsatz nicht derart in das Privatrecht einstrahlen würde, dass ein unverhältnismäßiger Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz anzunehmen wäre." Gleiches gelte im Hinblick auf das Diskriminierungsverbot aus Art. 14 EMRK. 

Thomas Bower sagt übrigens, er habe seine eigenen Kosten von dem ihm zugesprochenen Geld abgezogen und den Rest zu gleichen Teilen an zwei Charity-Organisationen gespendet: "An den Young Women's Trust, die Frauen helfen, bessere Gehälter zu verhandeln und an die Campaign Against Living Miserably, die unter anderem eine Suizid-Hotline für junge Männer führen."

Johann Waschnewski

Quellen: "Wales Online" / "Brewdog Blog"

jgs