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Kommentar

Speyer: Eklat beim Poetry Slam: Der AfD-Nachwuchs steht schon in den Startlöchern

Bei einem Poetry Slam in Speyer sorgt eine 14-Jährige mit rassistischen Aussagen für einen Skandal. Die Ideologie der AfD hat längst auch die Jugend erreicht – die Partei rekrutiert bereits die Führungskräfte der Zukunft.

Ida-Marie beim Poetry Slam in Speyer

Der Auftritt der 14-jährigen Ida-Marie hat nicht nur beim Publikum in Speyer kontroverse Reaktionen hervorgerufen. Auch im Netz wird heftig über den Poetry Slam diskutiert.

Die 14-jährige Ida-Marie hat mit ihrem Auftritt bei einem Poetry Slam im rheinland-pfälzischen Speyer für viel Aufsehen gesorgt. Ihre Beiträge strotzten vor rassistischen und fremdenfeindlichen Aussagen in Versform, weshalb ihr die Veranstalter zunächst das Mikro abdrehten und ihr anschließend auch noch den ersten Preis, der ihr den Regeln zufolge eigentlich zustand, aberkannten. (Hier lest ihr die Meldung zum Poetry Slam.) Sogar internationale Medien berichteten über den Vorfall. Besonders pikant: Ida-Marie ist die Tochter der AfD-Bundestagsabgeordneten Nicole Höchst.

Die Politikerin bestritt im NEON-Gespräch zwar, ihre Tochter inhaltlich beim Verfassen der Gedichte unterstützt oder sie gar dazu animiert zu haben. (Hier lest ihr das Interview mit Ida-Maries Mutter.) Doch dass die Mutter einen großen Einfluss ausgeübt hat, dürfte wohl außer Zweifel stehen. Die öffentlichkeitswirksame, populistische Politik der AfD zieht nicht nur Wahlberechtigte an, sie zeigt auch Wirkung bei Jugendlichen und Kindern: Der Nachwuchs der AfD steht schon bereit. Und das bedeutet, dass Deutschland dieses Thema noch lange beschäftigen wird.

Jugendliche tendieren normalerweise zu Grünen

Bei der Bundestagswahl 2017 erhielt die AfD die meisten ihrer Stimmen von 35- bis 44-Jährigen, bei den Erstwählern erzielte sie das schlechteste Ergebnis aller im Bundestag vertretenen Parteien. Oft verortet man die Klientel der Partei eher bei den Menschen, die fest im Leben stehen und um diesen Halt fürchten oder ihn bereits verloren haben: die enttäuschten CDU-Wähler, die Wendeverlierer, die Besserverdienenden, die ihren Wohlstand durch die Zuwanderung gefährdet sehen. Mit Alexander Gauland lenkt ein 77-Jähriger als Vorsitzender die Geschicke von Partei und Fraktion.

Die jüngere Generation, insbesondere diejenigen, die noch nicht selbst wählen durften, tendierten stattdessen klassischerweise eher ins links-grün-alternative Lager.

Bei den U18-Wahlen, die seit 2013 unter anderem vom Deutschen Kinderhilfswerk organisiert werden und bei denen Minderjährige die großen politischen Wahlen simulieren, sind stets die Grünen im Vergleich zu den tatsächlichen Wahlergebnissen überrepräsentiert. Vor der Bundestagswahl 2013 kam die Piratenpartei auf mehr als 12 Prozent. CDU/CSU sind bei den Minderjährigen dagegen traditionell eher unbeliebt.

AfD ködert junge Mitglieder

Doch die Saat der AfD fällt auch bei Jugendlichen auf fruchtbaren Boden – zwar nicht ganz so stark wie bei den Erwachsenen, doch der Effekt ist sichtbar. Er zeigt sich in den virtuellen Wahlergebnissen, wo die AfD vor der Bundestagswahl 2017 bundesweit bei den unter 18-Jährigen immerhin auf 6,8 Prozent,  in Sachsen und Thüringen aber beispielsweise auf mehr als 15 Prozent kam und damit zweitstärkste Kraft hinter der CDU wurde. Bei den U18-Wahlen zur Bayernwahl am Sonntag sind es ebenfalls acht Prozent. Der Effekt zeigt sich in dem Auftritt von Ida-Marie, die auf das Weltbild ihrer Mutter angesprungen ist. Und er zeigt sich auch in den Reaktionen auf diesen Poetry Slam, die nicht nur entrüstet ausfielen.

Die 14-jährige Ida-Marie ist damit zu einer Art Galionsfigur in der AfD geworden, ein Symbol für die nächste Generation der Partei, die Deutschland in eine rückwärtsgewandte Zukunft führen will. "Sei wie Ida" heißt es seitdem auf den Internetseiten der Jungen Alternative, der Jugendorganisation der AfD. Die Rechtspopulisten rekrutieren bereits die Nachfolger für ihre aktuelle erste Reihe.

Rechtspopulismus bleibt Thema in Deutschland

Wahrscheinlich also wird die AfD sich nicht einfach irgendwann in Luft auflösen, wie es immer noch viele zu hoffen scheinen. Sie wird nicht wie die Piratenpartei in der Versenkung verschwinden – dazu hat sich das Gedankengut bereits zu weit fortgepflanzt. Und selbst wenn die Partei irgendwann aus dem Bundestag gewählt werden sollte: Das Weltbild wird damit nicht aus der Welt geschafft sein. Ida-Marie mag ein besonders spektakulärer Einzelfall sein, die Einzige ist sie aber bei weitem nicht. Sie traut sich, auf der Bühne und in Interviews ihre unpopuläre Meinung zu sagen, während viele andere damit hinter dem Berg halten – um dann dennoch ihr Kreuz bei der AfD zu machen, wenn es so weit ist.

Die 14-jährige Ida-Marie gibt nun Interviews in großen Blättern, sie hofft, ihre Verse als Buch zu veröffentlichen und will einen eigenen Youtube-Channel starten. Das könnte erst der Anfang sein.