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Meinung

Debattenkultur: Nach Lindners Klima-Aussage: Wir müssen über das Maß an Empörung nachdenken

FDP-Chef Christian Lindner steht nach einer streitbaren Aussage zur Klimadebatte in der Kritik, die Welle der Empörung ist groß. Zu groß, findet unser Autor – und appelliert dafür, nicht alles und jeden nach einer pietätlosen Äußerung direkt lynchen zu wollen.

Christian Lindner zieht bei einer Pressekonferenz eine Halbzeitbilanz der Legislatur.

Christian Lindner hat der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ein Interview gegeben – und die Empörung ist enorm. Dabei resultiert die Aufregung nicht daraus, dass ein Politiker einer Partei, die es bei den vergangenen zwei Landtagswahlen nicht einmal in eines der beiden Parlamente geschafft hat, von einer großen Zeitung zu seiner Sicht der Dinge auf die aktuelle bundespolitische Lage gefragt wird. Es geht vielmehr darum, was Lindner in dem Gespräch gesagt hat.

Angesprochen auf die aktuelle Klimapolitik bediente er sich dort eines Vergleichs, der nun von vielen harsch kritisiert wird: "Wir werden den Planeten nicht retten, indem wir einen Morgenthau-Plan für Deutschland umsetzen und die Deutschen zu veganen Radfahrern machen", so der Politiker.

Das Problematische an der Äußerung ist Lindners Anspielung auf den Morgenthau-Plan. Im US-Finanzministerium gab es 1944 die Idee, Deutschland nach dem Sieg in einen Agrarastaat umzuwandeln, um künftige Angriffskriege zu verhindern. Der Plan wurde allerdings im Vorfeld bekannt – und deshalb nicht umgesetzt.

Christian Lindner – und die Empörungsstufe rot 

Dieser historische Bezug, von dem Lindner spricht, löst bei vielen Journalisten, Politikern und Nutzern im Netz nun eine Welle der Empörung aus. "Spiegel"-Journalist Mathieu von Rohr etwa wirft Lindner vor, so spräche kein Liberaler, sondern nur Demagogen. Und Jan Böhmermann twitterte: "Wenn die Schamlosigkeit noch größer ist als die Verzweiflung: Christian Lindner." Kurzum: Es geht mal wieder drunter und drüber.

Aber: Ist die Kritik in diesem Maße überhaupt gerechtfertigt? Damit soll die grundsätzliche Debatte, die Kritik an Lindners Äußerung, nicht in Frage gestellt werden. Der Vergleich von einem vermeintlich liberalen Politiker wie Christian Lindner ist pietätlos und populistisch. Man kann dem Fraktionsvorsitzenden der FDP durchaus vorwerfen, mit dieser Art der Argumentation jene Wähler gewinnen zu wollen, die die aktuelle Pro-Klima-Debatte als zu radikal und überzogen empfinden.

Nichtsdestotrotz ist die Empörung, die der Satz von Lindner bei vielen auslöst, ein Paradebeispiel dafür, wie empfindlich und irrational inzwischen auf Äußerungen in der Öffentlichkeit reagiert wird. Und das soll nicht bedeuten – um es noch einmal zu betonen –, dass es falsch ist, sich über diese Äußerung zu empören. Es geht um das hohe Maß an Aufregung. Ein Phänomen, das seit einigen Jahren immer wieder zu beobachten ist. Wenn beispielsweise wochenlang über eine rassistisch diskriminierende Äußerung  von Clemens Tönnies, dem Aufsichtsratsvorsitzenden des FC Schalke 04, geredet wird, weil er über "schnackselnde" Afrikaner Witze macht, und die daraus resultierende Debatte das Gefühl vermittelt, er habe zehn Menschen umgebracht und dabei lauthals "Highway to hell" von AC/DC gesungen.

Wenn die Stufe der Empörung schon bei einem solchen Fall bei zehn von zehn Punkten liegt, wo soll sie dann bei Sätzen wie von Herrn Gauland sein, der die NS-Zeit als "Vogelschiss" der deutschen Geschichte betitelt? Auf der gleichen Stufe?!

Die Grenzen des Sagbaren

Durch Debatten wie über Lindners Aussagen werden die Grenzen des Sagbaren im Gefühl der Menschen verschoben. Viele fragen sich: Wenn ich das schon nicht sagen darf, darf ich überhaupt noch irgendetwas sagen (Nein, das ist nicht auf Tönnies bezogen – natürlich darf man einen solchen Witz nicht als Aufsichtsratsvorsitzender des drittgrößten Fußballvereins in Deutschland machen)?! Dennoch löst das bei vielen Menschen eine Unsicherheit aus. Diese führt wiederum zu Unzufriedenheit, was letztendlich dazu beträgt, dass manche Menschen das Gefühl bekommen, mit ihrer Meinung an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden.

Alles nur, weil wir Debatten oft dermaßen überemotionalisieren – und gar nicht mehr abwägen: Ja, eigentlich ist das, was er gesagt hat, gar nicht so schlimm, wie es nun von weiten Teilen der Öffentlichkeit dargestellt wird. Und: Stehe ich mit meiner Meinung vielleicht irgendwo zwischen den Fronten? Muss ich mich auf eine Seite schlagen? Gibt es statt schwarz und weiß nicht auch noch grau? Oft gibt es das nicht – und genau das ist gefährlich. Wir brauchen bei aller stattfindenden und berechtigten Empörung immer auch noch Luft nach oben für einen Gauland!