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Meinung

Midterms: Stephen Colbert: Dieser Typ bereitet dich besser auf die Wahlen in den USA vor als jeder andere

Late-Night-Moderator Stephen Colbert redet Tag für Tag gegen Donald Trump an und bringt dabei so leidenschaftlich wie verzweifelt seine tiefe Abneigung gegen den US-Präsidenten zum Ausdruck. Colbert spendet Trost für die Midterms – und für die gesamte Ära Trump.

Stephen Colbert

Erklärter Trump-Gegner: Stephen Colbert während der Verleihung der der 69. Emmy Awards 2017 in Los Angeles

Vor ein paar Tagen habe ich mal wieder die Late-Night-Show von Klaas Heufer-Umlauf gesehen. Im deutschen Showgeschäft gibt es keinen Besseren als ihn, und wenn wir uns in Deutschland trotz der schlechten Erfahrungen der Vergangenheit wirklich noch einmal am klassischen Format der Spätabendshow versuchen, dann doch bitte mit Klaas.

Und die frühere Hälfte von Joko & Klaas macht seine Sache bisher auch ganz gut. Trotzdem lässt mich "Late Night Berlin" – genauer gesagt: der Stand-up-Teil der Show – seltsam kalt. Weil Moderator Klaas bei seinem Monolog nicht wirkt, als fühle er sich wohl in seiner Haut. Er kommt mir immer ein bisschen verkrampft vor.

Notwendige Erinnerung an ein besseres Amerika

Aber wahrscheinlich bilde ich mir das nur ein. Weil ich verwöhnt bin. Schuld daran trägt, wie so oft in dieser Branche, eine amerikanische Vergleichsgröße: Ich habe mir in den letzten Wochen, Monaten, Jahren unzählige Clips der "Late Show with Stephen Colbert" auf Youtube angesehen.

Warum? Weil Colbert Trost spendet in Zeiten, in denen in meinem einstigen Lieblingsland USA so unfassbar viel falsch läuft, noch viel offensichtlicher falsch läuft als es das ohnehin schon immer tat: soziale Ungerechtigkeit, Rassismus, fragwürdige Bildungs- und Gesundheitspolitik – unter Präsident Trump zeigt eine ganze Nation die hässliche Hälfte ihrer Visage so unverhohlen wie selten zuvor.

Colbert schenkt mir die so dringend notwendige Erinnerung daran, dass in den Vereinigten Staaten eben nicht nur sehr viele sehr schlichte Gemüter zuhause sind, sondern dass dies auch immer noch das Land einiger der größten Dichter und Denker der Welt ist, und dass die (Pop-)Kultur, wie wir sie kennen, zu keinem geringen Teil von dieser Nation geprägt wurde.

In der Ära Trump, die so eine harsche Beleidigung für jeden Bürger mit halbwegs ausgeprägtem Intellekt darstellt, veranstalten die Late-Night-Moderatoren mit ihrer Einordnung, ihren politischen Kommentaren, ihrer messerscharfen Satire das allabendliche Lagerfeuer, um das sich die geistig Gesunden versammeln. Stephen Colbert, Seth Meyers, Trevor Noah, John Oliver: Sie sind die humoristische Antithese zu Hass und Hetze.

Und Colbert ist ihr ungekrönter König: Im Gegensatz zu Klaas kaufe ich ihm jeden seiner Monologe ab, weil er sie verkörpert, weil er sie fühlt, weil er sie lebt. Colbert ist real. Der Mann, der früher neun Jahre lang die Satire-Show "The Colbert Report" verantwortete, startete im September 2015 mit seiner "Late Show".

Stephen Colbert tritt Tag für Tag gegen Trump an

Was für ein Timing, denn seitdem redet Colbert Tag für Tag gegen den damaligen Kandidaten und heutigen Präsidenten Trump an. So leidenschaftlich wie verzweifelt bringt der 54-Jährige dabei seinen fassungslosen Hass auf Trump zum Ausdruck. Damit ist er im politischen Sturm des Landes längst zum Leuchtturm geworden.

Jede Colbert-Show ist eine neue Abrechnung mit der aktuellen US-Regierung, die für den Moderator natürlich Fluch und Segen gleichermaßen ist: Einerseits ist Colbert ganz offensichtlich ethisch und moralisch angewidert von allem, was das Weiße Haus unter Trump repräsentiert; andererseits kann ihm aus professioneller Sicht nichts besseres passieren als ein Präsident, der in seiner grotesken Inkompetenz, Widersprüchlichkeit und Verlogenheit mit größter Zuverlässigkeit jeden verdammten Tag neue Schlagzeilen der Schande produziert.

Eine amüsante Mischung aus Süffisanz und Ekel

Und mit seiner stets amüsanten Mischung aus Süffisanz und Ekel, die an den frühen Harald Schmidt erinnert, greift Colbert diese Vorlagen auf und navigiert die Amerikaner (und uns, die staunenden Beobachter in sicherer Entfernung) durch den Wahnsinn, der von Washington ausgeht. Dabei merkt man Colbert in jeder Minute an, dass er sich verantwortlich fühlt für die guten Menschen unter seinen Landsleuten und für den Rest der Welt, der sich Sorgen macht um seinen einstigen Verbündeten.

Er will uns sensibilisieren und gleichzeitig Mut machen, indem er das bittere Phänomen Trump seziert und es uns jeden Abend aufs Neue versucht zu erklären – sofern Erklärung überhaupt möglich ist. Colbert ist die Konstante, die uns behutsam auf alles vorbereitet, was da noch kommen möge. Zum Beispiel die Midterm-Wahlen am kommenden Dienstag. Colbert wird, dem Anlass angemessen, den ganzen Abend live senden. Es könnte keinen Besseren für den Job geben. Denn auch wenn nichts sicher ist in diesen Zeiten – mit seiner gewohnten Phrase am Ende jedes Eröffnungsmonologes wird Colbert auch dann wieder die Wahrheit sprechen: "We have a great show for you tonight ..."

Highlights aus der "Late Show with Stephen Colbert":