Ende der Skepsis: EU will Atomkraft künftig stärker unterstützen

Atom-Treffen in Boulogne-Billancourt
Atom-Treffen in Boulogne-Billancourt
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Nach Jahren der Skepsis wendet sich die EU wieder verstärkt der Atomenergie zu: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnete die Abkehr von der Atomkraft am Dienstag als "strategischen Fehler". Bei einem Atomenergie-Gipfel in Frankreich kündigte sie zugleich neue Finanzhilfen der EU für Atomenergie an. Die EU werde 200 Millionen Euro für Bürgschaften für private Geldgeber zur Verfügung stellen, die in neue Atomtechnologien investieren wollen, sagte von der Leyen. Dies solle durch den Emissionshandel finanziert werden. 

"Ich glaube, dass es für Europa ein strategischer Fehler war, einer zuverlässigen, bezahlbaren Quelle für emissionsarmen Strom den Rücken zu kehren", sagte von der Leyen bei dem Treffen in Boulogne-Billancourt bei Paris. 1990 stammte etwa ein Drittel des europäischen Stroms aus Kernenergie, heute seien es nur knapp 15 Prozent, erklärte sie. 

Die EU setze in erster Linie auf die Entwicklung sogenannter kleiner modularer Reaktoren (SMR - small modular reactors). "Wir wollen, dass diese neue Technologie in Europa bis Anfang der 2030er Jahre einsatzbereit ist", sagte von der Leyen. Die neuen Reaktoren sollten neben herkömmlichen Atomkraftwerken eine "Schlüsselrolle" spielen. 

Die EU-Kommission forderte in ihrer am Dienstag veröffentlichten Strategie zur Entwicklung von SMR-Reaktoren unter anderem besseren Zugang zu Kapital, einheitliche Genehmigungsverfahren und standardisierte Baupläne. Die Kommission will zudem eine europäische Lieferkette für die dafür benötigten Bauteile unterstützen.

Von der Leyen schloss nicht aus, auch andere Atomvorhaben zu unterstützen. "Wir müssen das gesamte nukleare Ökosystem stärken, von den Brennstoffen bis zur Technologie, von den Lieferketten bis zu Kompetenzen", sagte die EU-Kommissionspräsidentin.

Damit kam sie Forderungen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron weit entgegen. Dieser hatte den Gipfel einberufen, um den globalen Aufschwung der Atomenergie weiter zu befeuern - und nicht zuletzt die eigene Industrie davon profitieren zu lassen. 

Zum Auftakt des eintägigen Treffens forderte Macron neue Finanzierungsmöglichkeiten für Atomenergie. "Wir müssen es schaffen, diese Projekte besser zu finanzieren, sowohl konventionelle als auch innovative Atomvorhaben", sagte er. Der Präsident bekräftigte Frankreichs Forderung nach "technologischer Neutralität", womit er die Gleichstellung von Atomenergie mit erneuerbaren Energien meint - insbesondere mit Blick auf finanzielle Unterstützung. Zudem plädierte Macron für eine bessere grenzüberschreitende Zusammenarbeit.

Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) warf der EU hingegen eine "rückwärtsgewandte Strategie" vor und bekräftigte, dass Deutschland am Atomausstieg festhalte. "Wenn eine Risiko-Technologie nach einem Dreivierteljahrhundert noch immer am staatlichen Tropf hängt und es längst bessere Alternativen gibt, sollte man daraus Konsequenzen ziehen", erklärte Schneider.

Die von der EU favorisierten kleinen Atomkraftwerke würden "schon seit Jahrzehnten angekündigt, schaffen aber den Durchbruch nicht und ringen stattdessen um Subventionen", sagte der Umweltminister. Strom aus Wind und Sonne sei günstiger, treibe längst die Energiewende an und produziere keinen strahlenden Müll.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erklärte, er teile von der Leyens Einschätzung. Der Ausstieg aus der Kernkraft sei jedoch von früheren Bundesregierungen beschlossen worden und "irreversibel". "Ich bedaure das, aber es ist so", sagte Merz.

An dem Atomenergie-Gipfel in Frankreich nahmen Vertreter von etwa 40 Staaten und Organisationen teil, unter ihnen neun Staats- und Regierungschefs. Deutschland war nicht vertreten. Es war das zweite Treffen in diesem Format. In der EU haben sich 15 Mitgliedstaaten zu einer von Frankreich initiierten Atom-Allianz zusammengeschlossen, darunter Italien und Schweden. Andere Länder haben der Atomenergie dauerhaft den Rücken gekehrt, darunter Österreich und Spanien.  

AFP