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Aus dem Leben einer Mutter

Zurück im Klassenzimmer: Elternabend: Wenn Mütter zu Löwinnen werden und Väter zu Gorillas

Elternabende sind lästig, finden die meisten Eltern. Dabei sind sie auch immer improvisierte Realsatire, wo manche von uns an ihre Grenzen kommen.

Von Andrea Müller

Klassenzimmer

Elternabend: Unterm gnadenlosen Neonlicht des Klassenzimmers hat die Maskerade ein Ende

Unsplash

Im Lebensraum reproduzierter Menschen dient der Elternabend vielen als eine Art Laienbühne. Einige Eltern führen dort ein Theaterstück auf, was manchmal auch an eine Gruppentherapie erinnert, wo sie mal wieder so richtig die Sau rauslassen können. Was egal ist, solange keiner beleidigt nach Hause muss.

Der Unterhaltungswert von Elternabenden ist gerade in den Elbvororten höher als zum Beispiel der einer Fair-Trade-Modenschau, wo traditionell alles beige und für läppische fünfstellige Summen erhältlich ist. Was zwar gewisse Schnittmengen an Protagonisten mit sich bringt, jedoch einen feinen Unterschied: Unterm gnadenlosen Neonlicht des Klassenzimmers hat die Maskerade ein Ende.

Auf den harten, kleinen Stühlen mit Blick auf den Diaprojektor werden wir alle plötzlich wieder die, die wir einmal waren. Egal wie toll oder wie arschlochmäßig unsere Mini-Mes im sozialen Gefüge der Klassengemeinschaft etabliert sind. Es geht dabei immer auch um die unschuldige Version unserer Selbst.

Uns damals, als wir gemobbt, ausgeschlossen, oder zu Unrecht anstelle anderer bestraft oder reingelegt wurden. Uns, als Opfer, die wir (vermeintlich) endlich hinter uns gelassen haben. Da werden Mütter zu Löwinnen und Väter zu Gorillas. Und doch enden Elternabende manchmal wie Hollywoodfilme: Am Schluss werden die Schlechten rehabilitiert und sind dann plötzlich die Guten.

So ging es zumindest mir.

Ich, früher Letzte-Reihe-Sitzerin, heute Mutter von Letzte-Reihe-Sitzer

Ausnahmsweise war ich pünktlich. Wir, 28 Elternteile der achten Klasse Gymnasium, zwar leicht in die Jahre gekommen, jedoch nicht so sehr, dass die ehemaligen Schüler in uns nicht noch deutlich erkennbar wären.

Ich, früher Letzte-Reihe-Sitzerin, heute Mutter von Letzte-Reihe-Sitzer, werde dummerweise ganz nach vorne gedrängt, blickdicht eingequetscht zwischen zwei Erste-Reihe-Müttern (die früher wahrscheinlich gestrickt und geschnippt haben). Thema des Abends: Der Transport unserer halbwüchsigen Wertgegenstände nach Südfrankreich, zum Schüleraustausch. Die Lehrerin referiert über Flugpreise, die so sind, wie Flugpreise eben sind. Jedenfalls nicht so billig wie nach Mallorca.

Ich melde mich als Erste. "Ja also – äh, wir früher sind ja mit der Klasse mit dem Bus verreist. Wir sind dann zum Rheinfall nach Schaffhausen, das waren von uns aus so vier Stunden, und dann sind wir dort eine Nacht in der Jugendherberge ..." Ein Vater pfeift auf zwei Fingern. Cool, Beifall, denke ich.

Doch dann redet er: "Sie wissen schon, dass Südfrankreich nicht an der Nordsee ist? Können Sie googeln? Sollen unsere Kinder 15 Stunden Bus fahren oder was ...?" (Komme mir vor, als hätte ich vorgeschlagen, sie mit Gewichten an den Füßen über den zugefrorenen See zu jagen.)

Ich: "Äh, man könnte doch zum Beispiel im Elsass übernachten, dann sehen die Kinder gleich das französisch-deutsch im Wechsel historisch und landschaftlich bedeutende Gebiet, was ja für beide Kulturen einmalig ist und … Wir sind ja schließlich die Französischklasse ..."

Vater zwei, einzelne Silben betonend, zur Decke schauend: "ER-BAR-MEN!".

Elternabend und Cashmere-Sakko hat keine Zeit, zu diskutieren

"Ruhe bitte", sagt die Lehrerin. "Sie sind ja schlimmer als Ihre Kinder. Also ein Zwischenstopp im Elsass, hübsche Idee. Aber es würde knapp die Hälfte der verfügbaren Zeit des Austausches in Anspruch nehmen ..."

Vater drei klingt wie ein defekter Leierkasten: "Also meiner Elaine wird es im Bus schlecht, Elaine kann nicht hinten sitzen im Auto, Elaine wird auch sofort seekrank ... Sie hat einen hypersensiblen Magen."

Jetzt geht dezent kariertes Cashmere-Sakko resolut dazwischen: "Also könnten wir bitte jetzt die Flugpläne durchgehen. Ich habe nachher noch Telekonfi mit Genf und kann nicht ewig hier über Reisen zu Zeiten der Postkutsche diskutieren ..."

Ich: "... also bitte, was heißt hier Postkutsche, ich bin mit Caspar mit dem ICE und ab Straßburg dann mit dem TGV nach Marseille gefahren, das war zwar lang, aber wir hatten beide was zum Lesen dabei, er hat zum Beispiel zwei Ausgaben von 'Agent 21' gelesen …"

Vater eins: "Ich fass' es nicht, jetzt zählt sie uns auch noch ihre Heimbibliothek auf ...!"

Eine Mutter mit offenbar trockenem Humor in der letzten Reihe beendet die Diskussion: "Wir schicken die Kinder per Schweinetransporter, installieren ein iPad zum Youtube-Glotzen, dann merken die gar nicht, womit sie reisen ... "

Nach kurzem Gelächter werden Flugpläne geklärt und abgehakt.

Sind Klassenreisen per Flugzeug heute Standard?

Trotzdem frag ich mich: Können Teenies nicht 13 Stunden Zug fahren? Sind Klassenreisen per Flugzeug heute Standard? Liege ich, ehemalige Bergdorf-Bewohnerin, versehentlich beim elaborierten Gelage eines großbürgerlichen Großstadtgymnasiums, falsch? Wenn Caspar groß ist, geht er auf Interrail-Tour, trampt, wandert, fährt mit dem Fahrrad und per Bus durch die Welt. Können die anderen hier ihren Ablegern ja eine Kabine auf der "Queen Mary" buchen (falls es Eläääään da nicht übel wird).

Reisekosten, Punkt zwei, dauert ganze 30 Minuten. Es geht um 2,30 Euro für das Busticket vor Ort. Ob wir das selbst bezahlen, die Schule oder die Gasteltern.

Als die Reiseplanung soweit abgehakt ist, springt der Telekonfi-Vater durchs Klassenzimmer wie Flip, der Grashüpfer. Ich reihe mich in die übliche Schlange vor der Lehrerin. Sie hatte mir gemailt, Caspar sei mit den Gedanken so sehr "dans la lune", dass sie befürchte, ihn in Frankreich zu verlieren. Ich will ihr nur kurz sagen, dass er sich freut und fest entschlossen ist, die Regeln der Reisegruppe zu befolgen.

Doch vor mir steht ein Problem. Elaines Vater.

Er leiert eine Gebrauchsanleitung für Elaine. Elaines Magen. Elaines Sensibiliät. Sie sehe aus wie 18, sei so blond und so schön (glaubt er). Aber die Typen in Südfrankreich: machohaft, aufdringlich, gefährlich! Elaine habe so sehr mit der Trennung ihrer Eltern zu kämpfen. Nix da, du hast mit Deiner Trennung zu kämpfen, denke ich. Die Lehrerin, Frau S., rollt die Augen nach oben. Ich rufe an Elaines Vater vorbei: "Ich schreibe Ihnen eine Mail, okay?" Frau S. will mir antworten, doch Elaines Vater leiert unbeirrt weiter. "Elaine" – im Leierkastensound werden die "ääs" immer länger, bin kurz davor, ihm eine zu knallen. Ich muss raus.

"Also am besten war ja die Tussi, die mit dem Zug nach Südfrankreich wollte"

Kann wahrscheinlich froh sein, wenn mir keiner Schläge androht, in der kleinen Elterngruppe vor dem Klassenzimmer, die nun auf ein Glas Wein zur Nachbesprechung will. Wir gehen zu Fuß zur nächsten Kneipe. Unterwegs sagt der (einzige)  Vater: "Also am besten war ja die Tussi, die mit dem Zug nach Südfrankreich wollte. Alter Schwede!" Dann lacht er laut. "Witzig", sag ich. "Das war ich!"

Früher und heute, Zug oder Flieger, die ewige Diskussionen darüber, was besser ist, bestimmt den Abend. Drei von sechs Eltern kommen zu dem Schluss, dass eine Zugfahrt auch völlig okay gewesen wäre. 

Der Vater referiert beim zweiten Glas Rotwein über seinen Trip, damals mit 'nem Kumpel im Buick über die Route 66 von Oklahoma bis Santa Monica. Er will das nun mit seinen Kindern wiederholen, vielleicht im Sommer. Am besten gleich von Chicago aus, dann wären sie eine Woche lang nur im Auto – voll romantisch. Am Ende des Abends bezahlt er meinen Wein und hofft, dass wir uns bald wiedersehen. Also spätestens beim nächsten Elternabend. So gab es doch noch ein Happy End.

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