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Selbstversuch: Die Woche der Wahrheit: Was passiert, wenn man seine Kinder mal nicht anlügt

Wir alle lügen hin und wieder, um uns das Leben leichter zu machen. Was passiert, wenn wir unseren Kindern nur noch die Wahrheit sagen? Unsere Autorin hat es ausprobiert.

Von Katja Lewina

Mutter und Tochter

Jahrelang hat unsere Autorin ihren Kindern kleinere und größere Lügen erzählt – doch damit ist jetzt Schluss (Symbolfoto)

Unsplash

Dass die Wahrheit wehtun kann, weiß ich. Manchmal, wenn ich mit meinen Kindern morgens kuscheln will, bekomme ich zu hören: "Igitt! Du stinkst ja fürchterlich aus dem Mund!" Nicht gerade die Liebkosung, die ich mir vorgestellt habe. Aber sich vor der Wahrheit zu verstecken ist zwecklos. Da hilft nur die Zahnbürste.

sind gnadenlos ehrlich. Wundern sich lautstark über Fettleibige. Heucheln keine Freude, wenn Großtanten anrücken, um sie in ihre Pausbäckchen zu kneifen. Weinen ganze Sturzbäche, wenn sie keine Lust auf Kindergarten haben. Zumindest wenn sie klein sind. Später dann lernen sie, es zu machen wie die Erwachsenen: Klappe halten, lächeln, Gesicht wahren.

Zweihundert Mal, sagen die einen Studien, zwei Mal, die anderen, lügen wir durchschnittlich am Tag. Wie dieser Riesen-Unterschied zustande kommt? Die einen zählen nur bewusste Fehlinformationen. Die anderen auch all die kleinen Über- und Untertreibungen, Höflichkeiten und Beschönigungen, von denen unsere soziale Kommunikation nur so trieft. Auch die mit unseren Kindern. Wir rufen "Toll siehst du aus!", auch wenn wir eigentlich kotzen könnten angesichts des Pailletten-Fetischs, den das Kind partout nicht ablegen will. Sagen "Klar hab ich Lust auf Vorlesen", auch wenn wir nach diesem unterirdischen Tag nichts dringender bräuchten als einen Whisky. Und zwar allein. Wir wollen unseren Kindern ein gutes Gefühl geben, sie mit unserem Verhalten nicht verunsichern. Unsere Beziehung mit ihnen bewahren. Ihnen bloß nicht wehtun. Und all diese kleinen und großen Unwahrheiten sind dabei unsere Helfer.

"Bullshit" nennt der amerikanische Psychotherapeut Dr. Brad Blanton diese Strategie. In seinem Buch "Radikal ehrlich. Verwandle dein Leben, sag die Wahrheit" beschreibt er, wie wir alle ständig lügen, um uns oder andere nicht leiden zu lassen – und uns damit in noch größeren inneren Stress hineinmanövrieren. Ganz abgesehen davon, dass unsere Beziehungen auf diese Weise weit entfernt davon sind, authentisch und intim zu sein. Das Schlimme: Wir bringen unseren Kindern bei, es uns gleichzutun, indem wir es ihnen vorleben und sie dazu erziehen, ihre Gefühle zu übergehen. Blantons Lösung: immer, wirklich immer die Wahrheit sagen.

"Na endlich", sagt mein Mann, als ich ihm von meinem Vorhaben erzähle

Als ich das lese, fühle ich mich ertappt. Dabei neige ich weder zum Moralisieren, noch zwinge ich mich zur Höflichkeit. Nicht mal größere Geheimnisse gibt es bei uns – selbst unsere offene Beziehung machen mein Mann und ich vor den Kindern (zehn, fünf und vier Jahre) nicht zum Tabu. Doch eines habe ich bisher noch nicht getan: aufgehört mit den Convenience-Lügen. Peng! Da muss ich ran.

"Na endlich", sagt mein Mann, als ich ihm von meinem Vorhaben erzähle. Er ist der deutlich Rechtschaffenere von uns beiden und ärgert sich regelmäßig, wenn ich "Keine Ahnung, wo das Glas mit den toten Marienkäfern geblieben ist" lüge. Der Zeitraum, in dem ich mich versuchen will, ist vorsichtshalber überschaubar gewählt: eine Woche absolute Ehrlichkeit. Morgen geht es los.

Gleich nach dem Aufwachen bekomme ich meine erste Chance. "Und, hast du mich geküsst, als du gestern nach Hause kamst?", fragt mein ninjamäßig vermummter Vierjähriger. Ich nehme einen großen Schluck Kaffee, um Zeit zu gewinnen. Das ist unsere Abmachung: Kommst du heim, wenn die Kinder schon schlafen, gibt's für jeden einen Kuss. Leider vergesse ich das meistens. Und behaupte trotzdem, es getan zu haben. Merkt ja eh keiner. Bis jetzt. "Tut mir leid. Ich hab's vergessen." Stille. Aufsteigende Tränen. Geheul. Weinende Ninjas sind herzzerreißend, erst recht wenn sie sich nicht trösten lassen wollen von ihrer unzuverlässigen . Ich bin erst mal untendurch, trotz aller Entschuldigungen. Fängt ja gut an, die Woche.

Alles in mir sträubt sich zu sagen, wie es ist

Ein paar Stunden später baut meine zehnjährige Tochter ihre Nagellacksammlung auf dem Esstisch auf. Sie will meine Fingernägel lackieren. Körperpflege – egal in welcher Form – ist Quality-Time. Super Sache, kann man dem Kind nicht abschlagen. Also ließ ich mir in der Vergangenheit bereitwillig meine Fingerkuppen anpinseln, um sie abends mit einer halben Flasche Nagellackentferner zu schrubben (und noch immer nicht sauber zu bekommen). Doch heute nicht. Meine Tochter ist konsterniert. "Warum nicht?", will sie wissen. Ich seufze. Das wird wehtun, und alles in mir sträubt sich zu sagen, wie es ist. Raus damit, verdammt. "Weil ich fürchte, dass du drübermalen wirst. Und ich hab gleich noch einen Termin, bei dem ich ordentlich aussehen muss." Das war nicht diplomatisch genug. Kann es gar nicht sein: Wer will schon hören, dass er es nicht draufhat, und dann noch von der eigenen Mutter? Meine Tochter senkt den Kopf. "Ich weiß ja, dass ich darin nicht so gut bin wie du." "Alles Übungssache", sage ich. "Ich habe das einfach so viel öfter gemacht." Und dann biete ich meine Finger aus Mitgefühl schließlich doch als Übungsfläche an. Allerdings nur in Zartrosa. Damit man die Rückstände nicht so sieht.

Es liegt auf der Hand: Gestern war mein Leben noch schön. Und das meiner Kinder auch. Wir hatten nur Konflikte und Verletzungen auszuhalten, die sich nicht vermeiden ließen. Über allem anderen lag ein sanfter Schleier aus ganzen und halben Unwahrheiten. Und heute? Fühle ich mich grauenvoll, weil ich den Schleier gewaltsam entfernt habe.

Der nächste Tag beginnt schon wieder mit Stress. "Los, los, zieht euch endlich an", blöke ich. "Ich muss zur Arbeit", setze ich, ohne nachzudenken, hinterher, um die kleinen Soldaten zum Marschieren zu bewegen. Dabei stimmt das gar nicht, jedenfalls nicht direkt. Vor der Arbeit will ich ein paar Bahnen im Schwimmbad ziehen. Würde ich aber nie freiwillig erzählen, aus Gründen, die sich selbst erklären. "Hast du gleich einen Termin?", fragt meine fünfjährige, tüllbesetzte Eiskönigin. Schließlich weiß sie genau, dass es in meinem Büro im Kreativhaus niemanden gibt, der auf mich wartet.

Und ich weiß genau, was jetzt kommt: Geschrei. Mami geht ins Schwimmbad, und zwar ohne uns. Durchatmen, alles im Dienste der Wissenschaft. "Waruhuuum? Warum bist du so gemeihein?", tönt es nach meinem Geständnis zweistimmig durch den Flur. Ich fange an zu erklären, das Geschrei wird nicht leiser. Bis ich vorschlage: "Heute gehe ich allein, und am Wochenende gehen wir zusammen." Das Geschrei verstummt, noch ein letztes Mal Rotz hochziehen, alles klar, so machen wir es. Ich bin überrascht: So einfach? Ich brauche meinen Badeanzug nie mehr agentenmäßig in den Rucksack zu schmuggeln und irgendwelche Ausreden zu erfinden? Großartig!

Es wird viel geweint in diesen Tagen 

Es fühlt sich an wie eine Befreiung. So gelöst und gleichzeitig gestärkt bin ich bereit für den Rest der Woche. Und merke erst so richtig, wie viel ich in der Vergangenheit gelogen habe, um es mir leicht zu machen. Jetzt behaupte ich nicht mehr, die Gummibärchentüte sei leider, leider schon leer. Gebe ehrlich zu, all die herumfliegenden Klopapierrollen, halben Kastanienmännchen und zerkratzten CDs weggeschmissen zu haben. Tue nicht mehr so, als würde ich Monologen über Dinosaurierarten lauschen, wenn ich eigentlich gerade ein Buch lese. Und höre auf, mich zu verstecken, wenn ich eine rauchen will. Es wird viel geweint in diesen Tagen und diskutiert, und manchmal bin ich so erschöpft von alldem, dass ich keine Lust mehr habe weiterzumachen. Vor allem, weil ich spüre, dass jede kleine Tatsache, die ich eigentlich verschweigen möchte, all das offenbart, was ich über mich selbst nicht wahrhaben will. Dass ich manchmal keinen Bock auf meine Kinder habe. Dass ich rauche und damit ein schlechtes Vorbild bin. Dass es übergriffig ist, wenn ich Dinge wegschmeiße, die mir nicht gehören. Ich sehe mich selbst in meiner ganzen schrecklichen Pracht, und ich schäme mich.

Glücklicherweise ist mein Mann, der Zaungast meines Experiments, auch noch da. Er sagt: "Dann bist du halt nicht so toll, wie du immer dachtest. Aber das, was danach übrig bleibt, ist immer noch ziemlich gut." Daran klammere ich mich. Und an diese Lichtblicke, die mich ahnen lassen, dass ich irgendetwas richtig mache: Meine Hipster-Tochter zum Beispiel kann mit ihren zehn Jahren derart künstlich lächeln, dass es einem das Herz bricht. Um dann plötzlich, am Ende dieser Woche, nach ihrem Geburtstag eine Nachricht an unsere Babysitterin zu schreiben: "Danke für das T-Shirt, es war leider nicht mein Geschmack. Ich habe es Elsa geschenkt." In mir rebelliert alles gegen dieses unhöfliche Bekenntnis. Und gleichzeitig jubelt es: Das Kind fängt wieder an, die Wahrheit zu sagen, ganz gleich, ob diese Wahrheit erwünscht ist oder nicht. Es wird dieses Shirt nicht ganz hinten in seinen Schrank schmeißen, so wie ich es schuldbewusst getan hätte. Es wird nicht noch mehr Dinge in diesem Stil geschenkt bekommen, weil es so getan hat, als wäre das ein cooles Teil. Und am Ende gibt es ein Gespräch, in dem meine Tochter ganz genau erklärt, was sie mag und was nicht, und die Babysitterin freut sich, weil sie nun garantiert nicht mehr danebengreifen wird.

Mein Wort zählt wieder was

Die beiden Jüngeren hören irgendwann auf, den Papiermüll zu durchwühlen, weil sie ahnen, dass ich ihre Cornflakespackungen weggeschmissen haben könnte. Denn ich mache das nicht mehr. Und mein Wort zählt wieder was.

Noch etwas Bemerkenswertes geschieht: Ich fühle mich meinen Kindern tatsächlich näher. Vielleicht, weil ich mich nicht mehr über sie stelle, indem ich entscheide, welchen Teil der Realität ich ihnen zumute und welchen nicht. Vielleicht, weil ich ihnen nichts mehr über mich vormache. Vielleicht, weil mich jede einzelne Wahrheit dazu zwingt, mehr zu kommunizieren und die Dinge zu erklären. Warum es zum Beispiel okay ist, wenn die Älteste abends noch einen Film gucken darf und die Jüngeren nicht. Warum es zwar einen Süßigkeitenvorrat gibt, der aber nicht frei verfügbar ist. Oder warum ich einfach mal meine Ruhe brauche. Beziehung statt Erziehung – nicht nur der Psychotherapeut Brad Blanton, auch Jesper Juul wäre stolz auf mich.

"Und, willst du weitermachen?", fragt mein Mann am siebten Tag. Als ob ich eine Wahl hätte. Wenn man einmal aufhört zu lügen, fühlt sich nichts falscher an, als damit wieder anzufangen. Auch wenn ich noch immer dabei zucke, wenn ich weiß, dass die Wahrheit meinen Kindern wehtun wird. Doch ob ich will oder nicht, sie ist Realität, genau wie mein fieser Morgenatem. Und ganz ehrlich: Wenn meine Kinder schon mit dem zurechtkommen, dann kann sie im Leben nichts mehr so schnell umhauen.

Fanny H. 
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