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Vorlesegeschichte: Frau Glück und Herr Verstand

Eine Vorlesegeschichte von Michael Stavaric | Vorlesezeit: 9 Minuten | für Kinder ab 5 Jahren

Illustration von Elsa Klever

Eines schönen Tages begegneten sich das und der Verstand auf einer schmalen Brücke, die irgendwo, in einem längst vergessenen Land, über einen kleinen Fluss führte. Das Glück war eine Frau, eine junge und fröhliche. Sie trug ein wunderschönes weißes Sommerkleid, hatte blondes Haar und grüne Augen, viel grüner noch als die grünste Wiese, die man sich vorstellen kann. Der Verstand wiederum war ein Herr mittleren Alters. Er hatte wache, freundliche Augen. Er trug einen Zylinder auf seinem Kopf, einen Spazierstock in der linken Hand und in der rechten ein dickes, bestimmt schwer zu lesendes Buch, irgendetwas Philosophisches oder so.

Die beiden waren sich bislang tatsächlich noch nie begegnet. Das Glück lächelte und sprach: "Mein lieber Herr , Ihr seht doch, die Brücke ist viel zu schmal. Einer von uns wird dem anderen wohl Platz machen müssen, damit wir sie überqueren können. Und da ich eine Dame von Welt bin und Ihr zweifelsohne ein wahrer Gentleman seid, nun denn, Ihr werdet gewiss mir Platz machen, nicht wahr?" Der Verstand lächelte. Es wäre selbstverständlich keine große Sache gewesen, Frau Glück den Vortritt auf der Brücke zu lassen, schließlich und endlich, der Klügere gibt nach, das weiß doch jedes Kind. Allerdings, an jenem Tag hatte der Verstand anderes im Sinn. Er antwortete: "Madame, ich schlage Euch ein Spiel vor, das darüber entscheidet, wer künftig und für alle Zeiten dem anderen Platz machen muss." Das Glück hielt inne, lächelte aber weiter und war insgeheim neugierig, was der Verstand ausgeheckt hatte.

Unweit der Brücke befand sich ein Kartoffelfeld, auf dem sich inzwischen ein junger Bauer redlich mit der Ernte mühte. "Seht Ihr dort den jungen Mann?", fragte der Verstand. "Ich schlage Madame Folgendes vor: Ich werde in diesen Bauernsohn fahren, und er wird es bis zum König in diesem Lande bringen, die schönste Prinzessin wird er heiraten und für alle Zeiten glücklich werden. Sollte mir diese fast unmögliche Aufgabe gelingen, so werdet Ihr, liebes Glück, mir fortan überall Platz machen und Euch ehrfürchtig vor meiner Kunst verneigen. Seid Ihr einverstanden?" Es kam, wie es kommen musste: Frau Glück war einverstanden, und der Verstand fuhr sogleich in den jungen Mann.

Dieser dachte sich auch sofort: "He, was tue ich hier eigentlich auf einem Kartoffelfeld? Ich bin doch zu weit Höherem berufen. Ich muss Bücher lesen und mich bilden, ich will es schließlich im Leben zu etwas bringen." Er verließ schon am nächsten Tag den Bauernhof. Seine Eltern dachten natürlich, er hätte den Verstand verloren, dabei war es doch so, dass er endlich den Verstand in sich gefunden hatte. Es dauerte auch nicht lange, da galt er überall als belesen und klug, alle holten sich Rat bei ihm, allen konnte er helfen.

Eines schönen Tages kam ihm zu Ohren, dass eine wunderschöne Königstochter ihre Sprache verloren hatte. Von einem Tag auf den anderen war sie plötzlich stumm wie ein Fisch, was König und Königin überaus grämte. Die Zeit verging, und keiner konnte der Prinzessin helfen. Der König verlautbarte schließlich im Königreich, dass derjenige, der seine Tochter zum Sprechen brächte, diese heiraten dürfe – und später gar selbst König werden könne.

Also machte sich der belesene Bauernsohn auf. Er fuhr zum Königshof und sprach beim König vor. Er versicherte, die Prinzessin zum Sprechen bringen zu können, man solle ihm nur vertrauen. Dem König und seinen Generälen und Ratsherrn war der junge Bauer nicht ganz geheuer. Wie sollte so einer vollbringen, was die klügsten Männer der Welt nicht zuwege gebracht hatten? Doch schließlich führte man ihn zur Prinzessin.

Der Bauernsohn betrat die Gemächer der Prinzessin, die im Bett lag und mit großen Augen in die Welt blickte, sie war wirklich wunderwunderschön! Doch man höre und staune: Der junge Mann beachtete sie überhaupt nicht. Er ging schnurstracks zu einem im Zimmer aufgestellten Vogelkäfig, in dem ein bunter Kanarienvogel seine Liedchen trällerte. "Jetzt höre du mir mal zu, lieber Kanarienvogel. Ich habe ein Problem, und vielleicht weißt du Rat." Der Kanarienvogel verstummte tatsächlich, vermutlich vor Schreck, doch ein wenig schien es so, als würde er dem Bauernsohn zuhören.

Dieser erzählte ihm eine seltsame Geschichte, in der sich ein Tischler, ein Schneider und ein Bauernsohn gemeinsam auf Reisen befanden. Die drei wanderten durch einen dunklen Wald, wo es Wölfe und Bären gab. Sie beschlossen, nachts lieber Wachen einzuteilen. Die erste übernahm der Tischler. Doch die Zeit wollte und wollte nicht vergehen. Er langweilte sich fast zu Tode. Also schnitzte er aus einem Baumstamm eine wunderschöne Prinzessin. Als der Schneider die zweite Wache übernahm, staunte dieser nicht schlecht. Er habe sich nur die Zeit vertreiben wollen, erklärte der Tischler. Wenn er, der Schneider, auch was tun wolle, dann solle er doch der Prinzessin ein passendes Kleid nähen. Gesagt, getan. Während seiner Wache nähte der Schneider ein wunderschönes samtenes Kleid und streifte es der Prinzessin über.

Als schließlich der Bauernsohn mit der Wache an der Reihe war, zeigte ihm der Schneider, was er und der Tischler vollbracht hatten. Auf die Frage, was denn er, der Bauernsohn, beitragen könne, antwortete der Schneider: "Nun, am besten bringst du unserer Prinzessin das Sprechen bei." Das gelang ihm auch. Schon am nächsten Morgen konnte die aus Holz geschnitzte, in ein wunderschönes Kleid gehüllte Prinzessin sprechen. Aber plötzlich behauptete der Tischler, die Prinzessin gehöre ihm, schließlich hätte er sie geschnitzt. Und der Schneider behauptete, die Prinzessin gehöre ihm, denn er hätte ihr ein königliches Kleid geschneidert, Maßanfertigung versteht sich. Und auch der Bauernsohn machte seine Ansprüche geltend, schließlich habe er ihr das Sprechen beigebracht, das sei gewiss die größte aller möglichen Leistungen. Die Männer konnten sich einfach nicht einigen.

"Wie also, lieber Kanarienvogel", fragte der Verstand, "würdest du entscheiden? Wem gehört die Prinzessin?" Doch selbstverständlich blieb der Vogel stumm, wie hätte er auch etwas sagen können? Allerdings, plötzlich war die Stimme der echten Prinzessin zu vernehmen, die, während sie gebannt der Geschichte gelauscht hatte, aus dem Bett gehüpft war. Sie sprach mit glockenklarer Stimme: "Ohne jeden Zweifel gehört die Holzprinzessin dem Bauernsohn. Denn das allergrößte Geschenk ist natürlich die Sprache."

Alle am Hof erfuhren in Windeseile davon, dass die Prinzessin wieder sprach. Und alle fragten sich, ob der Bauernsohn sie nun heiraten dürfe. Zwar hatte der König verkündet, dass derjenige, der seine Tochter zum Sprechen brächte, diese alsdann ehelichen könne, doch kam man nunmehr doch schwer ins Grübeln: Irgendein Bauernlümmel, egal wie klug er auch sein mochte, soll unsere Prinzessin heiraten? Die Generäle und Adeligen sprachen sich entschieden dagegen aus. Dem König kam es mittlerweile auch schon seltsam vor, seine Tochter mit einem Bauernsohn zu vermählen. Er bot dem jungen Mann lieber eine fürstliche Entlohnung an. Doch dieser beharrte, bei klarem Verstand, auf dem Wort des Königs.

Man beschloss, den Bauernsohn hinzurichten, schließlich habe er sich unmöglich benommen. Die Prinzessin hatte er heiraten wollen, ja gefordert hatte er dies vom König. Das ging doch wirklich nicht. Das war eine ausgesprochene Majestätsbeleidigung.

Und so kam es dann, dass der Bauernsohn zum Henker gebracht wurde, der diesem den Kopf abschlagen sollte. Ruck, zuck! Der Verstand im Körper des Bauernsohnes suchte verzweifelt nach einer Lösung, nur fiel ihm nichts ein. Also verließ er den Körper des jungen Mannes wieder und sah stattdessen entsetzt zu, was er angerichtet hatte. Doch wie von Zauberhand war Frau Glück zur Stelle. Sie klopfte dem Herrn Verstand kurz auf die Schulter, er solle sie doch endlich vorbeilassen. Sie, das Glück, würde schon alles regeln. Und noch im selben Augenblick fuhr das Glück in den Körper des jungen Mannes. Gerade noch rechtzeitig, möchte man sagen, denn der Henker hatte bereits zum Schwerthieb ausgeholt. Doch es war kaum zu fassen, den Henker umschwirrte plötzlich eine Biene (pst, nicht weitersagen, der hatte panische Angst vor Bienen!), was ihn dermaßen aus der Balance brachte, dass er danebenschlug. Das Schwert prallte hart am Steinboden auf und zerbrach, als wäre es aus Schokolade. Ich meine, alles in allem: was für ein Glück für den armen Bauernjungen!

Und – glücklicherweise – kam noch im selben Augenblick die Prinzessin angelaufen, die sich plötzlich in den Bauernsohn verliebt hatte. Sie flehte inständig ihren Vater an, die Hochzeit ausnahmsweise zu gestatten, und – wie alle guten Väter – konnte der König seiner Tochter schlussendlich keinen Wunsch abschlagen. Nach getaner Arbeit verließ Frau Glück den Körper des jungen Mannes. Er bedurfte ihrer Hilfe nicht mehr.

Wie die Geschichte von Frau Glück und Herrn Verstand weiterging? Nun, der Verstand musste zähneknirschend anerkennen, dass er dem Glück unterlegen war. Fortan, wenn sie sich begegneten, wich der Verstand sogleich zur Seite und verbeugte sich. Aber, um ganz ehrlich zu sein, wann immer es ging, machte Herr Verstand einen weiten Bogen um Frau Glück. Denn nichts und niemand konnte es mit ihr aufnehmen, was ihn gewaltig wurmte.

Michael Stavaric, 45, kam mit sieben Jahren aus der Tschechoslowakei nach Österreich. Vor allem die Kinderbücher des Schriftstellers sind preisgekrönt, so auch "Die kleine Sensenfrau" (Luftschacht). Im März erschien sein Roman "Gotland" (Luchterhand)

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