"WARUM?“
Das ist, was Männer wie Dennis Nilsen betrifft, eine riskante Frage. Sich ihre Taten erklären zu wollen führt schnell auf brüchigstes Eis.
Empathie, und sei sie auch beschränkt auf die normalen, nichtmörderischen Elemente seines Wesens, ist einem Dennis Nilsen gegenüber eine gefährlich menschliche Tugend.
Der arbeitsame, redegewandte Angestellte aus einem Londoner Vorort, etwas distanziert zwar, aber mit von Kollegen geschätztem trockenen Humor, hatte von 1978 bis 1983 15 junge Männer aus Kneipen und Discos mit in seine Wohnung genommen und dort erwürgt oder in Eimern und seinem Spülbecken ertränkt. Er hatte ihre Leichen jeweils entkleidet, sie gebadet und abgetrocknet. Er hatte ihnen Unterhosen und Socken angezogen, sie geschminkt und in seinen Sessel gesetzt oder sie in sein Bett gelegt. Dort ließ er sie auf ihn „warten“, einen Ermordeten nach dem anderen, bis er abends aus seinem Büro in der Arbeitsvermittlung nach Hause kam. „Du wirst nicht glauben, was mir heute passiert ist!“, rief Nilsen bisweilen der Leiche im Sessel zu. Und erzählte ihr von seinem Tag im Büro. Er las dem Toten vor. Er hörte Musik „mit ihm“ oder sah mit ihm fern. Bis der Zerfall seinen „Freund“ „unansehnlich“ machte und selbst er den Gestank nicht mehr ertrug. Oder bis es den Mörder nach einem neuen Freund verlangte.
Carl Stottor, der seine Begegnung mit Dennis Nilsen knapp und nur aus dem zynischsten aller Gründe überlebte, hat einmal gesagt: „Die Leute scheinen an Nilsen nur eines besorgniserregend zu finden: dass er die Männer eine Weile in der Wohnung herumliegen ließ und sie dann zerstückelt hat.“
Über diesen so spektakulären Umgang mit den Leichen der Opfer verlor ihr Ermordetwordensein kollektiv an Bedeutung. Als wären diese 15 Männer nicht Söhne, Brüder, Väter gewesen. Als wären sie immer nur Leichen gewesen.
Nur zwei der Männer waren als vermisst gemeldet worden. Sechs der Opfer wurden nie identifiziert. Nilsen kannte ihre Namen nicht. Seine Erinnerung an sie war flüchtigst. Nummer fünf war „ein Ire mit rauen Händen“. Nummer sechs war „ein schlaksiger Callboy“. Nummer sieben war ein „englischer Vagabund“. Ein solches Maß an Missachtung lässt sich nur steigern, indem man es für barmherzig erklärt. „Der hat eh nur gelitten“, sagte Nilsen über seine Nummer sieben. „Dem das Leben zu nehmen war ein Kinderspiel.“
Am 12. Mai 2018 starb Nilsen im Hochsicherheitsgefängnis Full Sutton, Yorkshire, nach Stunden quälender Schmerzen an den Folgen einer im Bauchraum geplatzten Arterie. Seine Wärter hatten sich, so befand eine Untersuchung, Zeit gelassen, bevor sie den Krankenwagen riefen.
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Bei seiner Verhaftung ist Dennis Nilsen 37 Jahre alt.Ein hagerer Mann in dezenter Kleidung. Dunkles Haar, breiter Mund, die Augen hinter übergroßen, metallgerahmten Brillengläsern. Geboren und aufgewachsen in Fraserburgh, Schottland, einer grauen Fischerstadt gut 60 Kilometer nördlich von Aberdeen. Nilsen, ein Junge