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Super-GAU: Aachen verteilt Jodtabletten für möglichen Reaktorunfall

Das angenommene Schreckensszenario in Aachen: Im naheliegenden belgischen Kernkraftwerk Tihange kommt es zu einem Atomunfall, und radioaktive Strahlung gelangt nach Deutschland. Ein Psychologe spricht von "Scheinkontrolle".

Das Atomkraftwerk Tihange mit seinen drei Türmen, ca 70 Kilometer von Aachen entfernt

Das umstrittene Kernkraftwerk Tihange liegt am Fluss Maas und befindet sich in unmittelbarer Nähe zum "Drei-Länder-Eck" (Belgien, Deutschland, Niederlande). Im Falle eines Reaktorunfalls wären auch Menschen in der Region Aachen betroffen.

Noch nicht einmal 70 Kilometer liegen zwischen Aachen und dem wegen Sicherheitsbedenken umstrittenen Kernkraftwerk Tihange in Belgien. Bei einem Atomunfall gäbe es ein begrenztes Zeitfenster, bis die radioaktive Strahlung die Region Aachen erreichen würde. Die Stadt hat ernsthafte Zweifel darüber, ob im Ernstfall die Zeit ausreichen würde, die Bevölkerung mit lebensnotwendigen, hochdosierten Jodtabletten zu versorgen.

Am Freitag beginnt deshalb die Versorgung der Bevölkerung mit den Tabletten, die verhindern sollen, dass die Schilddrüse radioaktives Jod aufnimmt. Eine Maßnahme, die bisher bundesweit nur in Ausnahmefällen und in sehr begrenzten Bereichen zugelassen wurde.

Aachen plant den Atom-Ernstfall

Es gibt viele Unbekannte in den in Aachen durchgespielten Szenarien: Passiert der Unfall tagsüber, nachts, in der Ferienzeit, wie stark ist der Wind, regnet es? "Je nachdem wie das genaue Szenario aussieht, haben wir ganz große Zweifel, dass wir es schaffen, Jodtabletten rechtzeitig zu verteilen", begründet der Aachener Verteilungskoordinator Markus Kremer die Maßnahme.

Sofort müssten über die ganze Stadt verteilt und an fußläufig zu erreichenden Punkten Ausgabestellen eingerichtet werden, "und das in einer Zeit, wo nicht nur geringe Unruhe entsteht", beschreibt er die Herausforderung.

Viele Menschen nehmen das Angebot war

Menschen bis zu 45 Jahren, Schwangere und Stillende haben ein Anrecht auf die kostenlosen Tabletten, die Schilddrüsenkrebs verhindern sollen. Sie können in der Aachener Region bis Ende November über einen Link im Internet Bezugsscheine beantragen, die sie in beteiligten einlösen. Die Behörden rechnen damit, dass mehr als jeder Dritte das Angebot wahrnimmt. Es gebe eine hohe Sensibilität.

Auch bei der Aachener Familie Vitr. Die ist längst in die Apotheke gegangen und hat sich die Tabletten selbst gekauft. Das Ehepaar Mirco und Anika haben die Tabletten jetzt immer im Portemonnaie bei sich - auch für ihre fünf und zwei Jahre alten Kinder.

Veränderte Risikowahrnehmung 

Die Gesundheit ist nicht die einzige Sorge. Was wäre denn mit ihrem schmucken Einfamilienhaus im Ernstfall, fragen sich die Vitrs: "Man hat eine Immobilie, zahlt ab. Was ist, wenn man alles verlassen muss?" fragt Mirco Vitr. Im Bekanntenkreis sei das durchaus ein Thema. Der 38-Jährige erinnert sich an seine Kindheit, als er nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl nicht mehr im Sandkasten seines Onkels spielen durfte.

Im Zusammenhang mit Tihange haben bisher die Behörden agiert. Durch die Verteilung der Tabletten verändert sich nach Meinung des Heidelberger Psychologen Professor Joachim Funke auch das Risiko-Empfinden der Menschen in der Region: "Mit der Verteilung von Jod-Tabletten erhöht sich die Risiko-Wahrnehmung, weil die Behörden ja offensichtlich den Eindruck haben, dass sie ihre Strategie ändern müssen."

Tabletten als Kontrollmechanismus

Je nach Typ reagierten Menschen ganz unterschiedlich auf die Situation: Die einen würden mehr grübeln, die anderen meinten, sie hätten mit den alles unter Kontrolle. "Aber das ist nur eine Scheinkontrolle. Denn mit den Jodtabletten habe ich ja nicht wirklich Kontrolle über das Geschehene", sagt Funke.

Und dann gibt es vielleicht noch die Sorglosen, die die Sorgen anderer nicht ernst nehmen - und nichts tun. Für die würden im Ernstfall noch Jodtabletten ausgegeben, sagt der Aachener Ausgabekoordinator Kremer. Aber das wäre in keinem Fall so entspannt wie jetzt: "Wir appellieren, die Chance einfach jetzt zu nutzen und sich den Druck zu nehmen."

fk / DPA