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Anthropologie: Menschen im Kochtopf?

Die Aufdeckung war für die Ermittler wie für die nichts ahnenden Nachbarn gleichermaßen ein Schock: Die kannibalistische Bluttat von Rotenburg scheint beispiellos - und sie ist doch kein Einzelfall.

Kannibalismus ist nach Einschätzung des Gießener Kriminologen Prof. Arthur Kreuzer ein völlig unerforschtes Terrain. "Es gibt kein Expertenwissen, weil es solche Fälle kaum gibt", sagte der Wissenschaftler in einem dpa-Gespräch. Frühere Fälle von Kannibalismus seien aus gesellschaftlichen Systemen bekannt, in denen Normen und Werte noch nicht so klar verankert gewesen seien wie heute, berichtete Kreuzer. "Unser ausdifferenziertes Rechtssystem und unsere Wertewelten aber stellen einen kulturellen Schutzpanzer dar, der das Durchbrechen von triebhaftem Verhalten verhindert." Ein solcher Tabubruch müsse daher aus einer schweren Persönlichkeitsstörung des mutmaßlichen Täters resultieren, sagte der Kriminologe. "Es muss eine enorme Schubkraft kommen von der abnormen Persönlichkeit."

Auch Massenmedien wie das Internet könnten jedoch dazu beitragen, die Hemmungen vor dem Zeigen von sexuell-sadistischen Übergriffen zu verlieren. Er selbst habe bereits vor Jahren in den USA ein Gewaltvideo gesehen, in dem Kannibalismus dargestellt worden sei. "Wenn der Fall in Hessen Bezüge zu massenmedialer Verwertung hat, dann ist es nicht nur ein Einzelfall", dann gebe es auch Nutznießer, die an der Bedürfnisbefriedigung von Zuschauern verdienten.

Hunger- und ritueller Kannibalismus

Nach Ansicht des Mainzer Anthropologen Kurt Alt hat es im Laufe der menschlichen Geschichte durchaus Kannibalismus gegeben, doch seien Beweise dafür nur spärlich vorhanden. "Es gibt zweifelsfrei Hunger- und rituellen Kannibalismus", sagte Alt vom Institut für Anthropologie der Universität Mainz in einem dpa-Gespräch. "Ob dies die Menschheitsentwicklung begleitete oder die Ausnahme war, ist heute schwer zu sagen." So verzehrten etwa die Überlebenden eines Flugzeugabsturzes 1972 in den südamerikanischen Anden Menschenfleisch, um in der Ödnis nicht zu verhungern. Doch selbst in existenziellen Nöten müssen "erhebliche Hemmungen" überwunden werden, um Menschenfleisch zu essen.

"Es gibt - wenn überhaupt - nur indirekte Hinweise auf Kannibalismus in der Frühgeschichte des Menschen", sagte der Wissenschaftler. "Entweder hungerten die Menschen, oder sie einverleibten sich erschlagene Feinde in einem Gruppenritual." Keinesfalls erfolgte das Verspeisen von Körperteilen anderer Menschen aus reiner Freude. "Das würde ich abstreiten."

Bekannt wurde Kannibalismus etwa bei dem Stamm der "Fore" in Papua-Neuguinea. Sie aßen in Bestattungsriten das Hirn Toter und infizierten sich daher häufig mit der BSE-ähnlichen Krankheit Kuru. Nach dem Verbot des Rituals ging die Krankheit schlagartig zurück.

"In der neueren Menschheitsgeschichte wurden Zähne von Gehenkten zerrieben und verkauft; sie sollten vor Krankheiten schützen." Andere beschafften sich Mumien und verkauften Krümel davon zu Heilzwecken. Alt erinnerte daran, dass auch Menschenaffen beobachtet wurden, wie sie Angehöriger feindlicher Gruppen zerfleischten und aßen.

Erbschaft der Menschheit?

"Der Mensch steht auf einer höheren Stufe, obwohl ihn nur drei Prozent der Gene von Menschenaffen unterscheiden." Ob in französischen Höhlen vor 100 000 Jahren Kannibalismus vorkam, wie von einigen Experten angenommen, sei kaum zu beweisen. "Das können auch größere Raubtiere gewesen sein, die Menschenknochen knackten. Oder es herrschte eine Hungersnot." Ob Kannibalismus zur Erbschaft der Menschheit gehöre, könne also nicht beantwortet werden. "Wir wissen nicht, wie sich Frühmenschen untereinander verhalten haben", sagte der Anthropologe.

Völlig ablehnend steht der Experte Augenzeugenberichten von Reisenden aus der frühen Neuzeit gegenüber: "Geschichten, bei denen Arme und Köpfe aus Kochtöpfen ragen, sind als unglaubwürdig einzuordnen".

Knochenfunde mit Kannibalismus-Merkmalen

Nach Ansicht des Evolutions-Experten Tim White dagegen weisen viele archäologische Knochenfunde eindeutige Merkmale von Kannibalismus auf. Leugnen ließe sich das Phänomen des "Menschenfressens" auch auf Grund anderer Indizien nicht mehr, schreibt der Professor für Biologie an der US-Universität von Berkeley in der Fachzeitschrift "Spektrum der Wissenschaft" (November-Ausgabe 2002).

White betont, dass etwa Fundstellen sehr genau untersucht werden müssten, um eine stichhaltige "Menschenfresser"-These aufzustellen. Ein starkes Indiz für Kannibalismus sei es beispielsweise, wenn die Menschenknochen gemeinsam mit ähnlich traktierten Tierknochen an einem Ort liegen, schreibt White.

Bearbeitungsspuren wichtig für Beurteilung

Wichtig bei der Beurteilung der Knochenfunde ist laut White die Art der Bearbeitungsspuren. Starke Hinweise auf rituellen Kannibalismus seien Einkerbungen von scharfen Werkzeugen und Brandspuren, argumentiert White. Die Interpretation werde allerdings dadurch erschwert, dass Menschen erstaunlich viele Wege gefunden hätten, sich ihrer Toten zu entledigen. Viele Völker gruben Knochen wieder aus, wuschen und bemalten sie und verbuddelten die sterblichen Überreste dann bündelweise.

Trotz der Schwierigkeiten, Kannibalismus von Bestattungen oder schlicht von im Kampf verletzten Knochen zu unterscheiden, ist White davon überzeugt, dass es diese Riten gab. Die klarsten Hinweise stammten von den Anasazi, einem Indianer-Stamm im südwestlichen Nordamerika. In einer Fundstelle von Behausungen aus dem Jahr 1150 hätten Forscher sowohl an einem Gefäß als auch in menschlischem Kot ein menschliches Muskel-Eiweiß gefunden. Nach der Ansicht von White ein eindeutiger Beweis.

Andrea Löbbecke / DPA