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Berliner Kinderwagen-Brandstifter: Der Schwabenhass brennt sich Bahn

Sich selbst verwirklichende Besserverdiener aus dem Süden der Republik gehen dem alteingesessenen Berliner zunehmend auf die Nerven. Weil böse Sprüche nichts bewirken, fackelte ein frustrierter Zeitungsbote im Prenzlauer Berg reihenweise Kinderwagen ab.

Von Mareike Rehberg

Bioläden an jeder Ecke, steigende Mieten, Latte-Macchiato-schlürfende Vollzeitmütter in den Straßencafés und grün wählende Besserverdiener in Funktionskleidung - dem alteingesessenen Hauptstädter, so ist immer wieder zu hören, stinkt es gerade im Prenzlauer Berg gewaltig. Der Schwabenhass und der Argwohn gegen wohlhabende, angeblich die Gentrifizierung befördernde Neu-Berliner treibt allerdings langsam gar wunderliche Blüten.

Vor dem Berliner Landgericht muss sich derzeit Maik D. verantworten, ein 29-jähriger Zeitungsausträger, der seiner Abneigung gegen zugezogene, gut situierte Westdeutsche Ausdruck verlieh, indem er im vergangenen Sommer etwa zehn Kinderwagen und eine Bananenkiste in Hausfluren im Prenzlauer Berg anzündete. Rauch und Hitze verletzten vier Menschen, die brennenden Wagen richteten zum Teil großen Sachschaden an. Die Staatsanwaltschaft formulierte das Motiv des frustrierten Mannes, der selbst in Neukölln wohnt, wie folgt: "Abneigung gegen Schwaben und eine allgemeine Lebensunzufriedenheit". Vor der Polizei sagte Maik D., "die ganzen Schwaben kotzen mich an", vor Gericht schwächte er diese Aussage aber inzwischen ab.

Hass gegen "Porno-Hippie-Schwaben"

Brandanschläge auf unliebsame Zugezogene - ist das die logische Konsequenz aus dem seit Jahren schwelenden Schwabenhass, oder steht das Phänomen für eine neue Dimension? Bisher war der Unmut immer eher durch Worte als durch Taten zutage getreten. Schon lange verunglimpfen Alteingesessene die "Porno-Hippie-Schwaben" auf Plakaten und Graffiti an Hauswänden - ob tatsächlich Urberliner oder eher vor 20 Jahren eingewanderte Provinzler dahinter stehen, sei einmal dahingestellt.

Das Berliner Stadtmagazin "Zitty" charakterisierte diesen "Porno-Hippie-Schwaben" einmal als "Weiterentwicklung des Latte-Macchiato-Trinkers und des Urbanen Penners, allerdings mit mehr Geld". Typischerweise arbeite er als Medienmensch oder Werber, und ein Townhouse sei sein höchstes Ziel. Gegen diese Spezies also richtet sich der "Schwabenhass", der wohl allerdings mehr gegen den westdeutschen Gutverdiener im allgemeinen gerichtet ist, als gegen den Schwaben an sich. Berlinweit sind 2010 zumindest weitaus mehr Nordrhein-Westfalen und Bayern heimisch geworden als Menschen aus Baden-Württemberg. Im Prenzlauer Berg liegt die Zuzugsrate aus dem Ländle seit 2005 konstant bei rund 650 Menschen im Jahr.

Das Süddeutschen-Bashing hat aber schon länger Tradition. Bereits zu Beginn der 90er-Jahre informierte ein Witzbold auf Plakaten rings um den Kollwitzplatz: "You are now entering the Schwabisch Zone". Immer wieder formierten sich gentrifizierungskritische Proteste, 2008 gingen zornige Bürger unter dem Motto "Fuck Yuppies" auf die Straße, Plakate mit der Aufschrift "Schwaben in Prenzlauer Berg - spießig, überwachungswütig und keinen Sinn für Berliner Kultur" hingen im gleichen Jahr überall am Helmholtzplatz. Die unerwünschten Nachbarn werden gefragt "Was wollt ihr eigentlich hier?" und zu den Feiertagen wird "eine gute Heimfahrt!" gewünscht. Besonders drastisch ein Aufruf aus dem vergangenen Jahr: "Tötet Schwaben" war da an einer Wand in der Kollwitzstraße zu lesen.

Schwäbische Mütter in der Literatur

Selbst in die Literatur hat das Bild vom geizigen, ichbezogenen Schwaben Einzug gehalten. In Büchern wie "Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter" von der Journalistin Anja Maier, die früher selbst im hippen Kiez gewohnt hat, werden die begüterten Familien im Prenzlauer Berg, die das Kind als Hauptprojekt ihres Lebens ansehen, aufs Korn genommen. In einem Kapitel lässt die Autorin sich eine alteingesessene Wirtin über schwäbische Mütter beschweren, "die leiden, wenn se mehr als einsfuffzig ausgeben müssen" und mit ihren Kinderwagen den Gehweg versperren.

Einen der Hausflurbrände im vergangenen Sommer hatten übrigens Angehörige einer Gruppierung entdeckt, die zunehmend ebenfalls in den Fokus ruhebedürftiger Einheimischer geraten: Spanische Touristen, die mit ihrem nächtlichen Rollkoffergeholpere auf dem Weg in billige Hostels den Schlaf der Gerechten stören.