VG-Wort Pixel

Brasilien Dammbruch-Opfer von Brumadinho fordern millionenschwere Entschädigung vom Tüv Süd

Feuerwehrleute und ein Helikopter bei der Dammbruch-Katastrophe in Brumadinho
Bei der Katastrophe von Brumadinho in Brasilien starben 260 Menschen an den Folgen eines Dammbruchs 
© Mauro Pimentel / AFP
Hinterbliebene der Dammbruch-Katastrophe von Brumadinho verklagen den TÜV Süd in einem Musterverfahren auf Entschädigung. Der Tüv hatte den Damm in Brasilien geprüft, verweist aber auf den Bergbaukonzern, der ihn betrieb.

Der Dammbruch von Brumadinho in Brasilien wird vor dem Landgericht München neu aufgerollt. Die betroffene Gemeinde und die Familie eines der Todesopfer haben den Tüv Süd auf Schadenersatz verklagt. Dem Dammbruch fielen insgesamt 260 Menschen zum Opfer. Die brasilianische Tochterfirma des Tüv Süd hatte dem Bergbaukonzern Vale die Sicherheit des Damms ein halbes Jahr vor dem Unglück vom 25. Januar 2019 bescheinigt.

Als das Rückhaltebecken der Eisenerzmine brach, ergossen sich 13 Millionen Kubikmeter durch das Tal. Unter den Toten war auch die 30-jährige Ingenieurin Izabela Barroso, die gerade in der Kantine von Vale Mittagspause machte. Ihr Mann und zwei ihrer Brüder wollen an dem Prozess teilnehmen, der am Dienstag Vormittag in München begann.

Opfer erwarten millionenschwere Entschädigung vom Tüv

Die Gemeinde und die Familie beschränkten den Streitwert in dem Musterprozess auf rund 400.000 Euro, um Prozesskosten zu sparen. Zunächst soll das Gericht feststellen, ob überhaupt ein Anspruch besteht. Die Höhe solle dann gegebenenfalls in einem zweiten Schritt geklärt werden, so Kläger-Anwalt Jan Erik Spangenberg. Zusammen mit der brasilianisch-britisch-US-amerikanischen Kanzlei PGMBM vertrete er aber 1200 Geschädigte und erhoffe letztendlich Entschädigungen im dreistelligen Millionenbereich.

Der Tüv Süd wehrt sich gegen die Forderungen und hat für Anwalts- und Beratungskosten bereits 20 Millionen Euro zurückgestellt. Die Stabilitätserklärung habe den brasilianischen Standards entsprochen. "Der Betreiber ist für die Mine und zugehörige Dämme verantwortlich und haftet für sämtliche Schäden aus dem Betrieb des Damms", teilte der Tüv Süd vor Prozessbeginn mit.

Bergbaukonzern bereits verurteilt

Vale hatte im Februar in einem gerichtlichen Vergleich mit dem brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais fast sechs Milliarden Euro Entschädigung zugesagt. Etwa ein Drittel der Summe soll nach Angaben der brasilianischen Behörden der Gemeinde Brumadinho und der Bevölkerung dort zugutekommen. "Auch die Kläger des vorliegenden Verfahrens werden bereits umfassend von Vale entschädigt", teilte der Tüv Süd mit.

Die Milliarden-Entschädigung von Vale sei aber "eine Mogelpackung", denn es seien keine direkten Zahlungen an die Opfer vorgesehen, sagte Kläger-Anwalt Spangenberg. Die Gemeinde habe nur geringfügige Zahlungen erhalten. Die Mühlen der brasilianischen Justiz mahlten sehr langsam. Ein Verfahren gegen den Tüv Süd in München sei effizienter als gegen die Tochterfirma in Brasilien, ein Urteil sei hier leichter zu vollstrecken.

Gustavo Barroso, Kläger und Bruder der ums Leben gekommenen Ingenieurin, sagte: "Wir kommen gegen Vale in Brasilien nicht an." Die Hoffnungen ruhten auf dem deutschen Gericht.

Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft von Minas Gerais wurde das Prüfzertifikat ausgestellt, obwohl den Prüfern der schlechte Zustand der Anlage und das Risiko bewusst gewesen sei. Ein Prüfer habe ausgesagt, er habe sich von Vale-Vertretern unter Druck gesetzt gefühlt. In Brasilien laufen gegen 16 Mitarbeiter der beiden Unternehmen strafrechtliche Ermittlungen, in München gegen einen Tüv-Mitarbeiter.

Zivilkammer München kam am Dienstag zusammen

Dass die Zivilkammer in München am Dienstag bereits eine Entscheidung über die Schadenersatzforderung verkündet, ist nach Angaben einer Gerichtssprecherin unwahrscheinlich. Spangenberg rechnet aber mit einer ersten Einschätzung zu einigen wesentlichen Fragen.

Der Klägeranwalt hofft, dass das Landgericht brasilianisches Recht anwendet. Danach haften alle direkt oder indirekt an einer Umweltverschmutzung Beteiligten, "ein Verschulden ist nicht erforderlich", sagte er.

Taucher mit Anakonda

Sehen Sie im Video: Atemberaubende Aufnahmen aus dem  Formoso River in Brasilien. Zwei Taucher filmen eine gewaltige Anakonda. Dabei kommt das neugierige Tier den Männern bedrohlich nahe – doch besteht überhaupt Grund zur Sorge?

jus DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker