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30 Angeklagte: Mammutprozess startet: Unterkunftspersonal soll Flüchtlinge in NRW misshandelt haben

Wachleute einer Flüchtlingsunterkunft in Burbach sollen Flüchtlinge misshandelt und die Taten gefilmt haben. Ab Donnerstag stehen die Verantwortlichen vor Gericht. 

Wäsche hängt über einem Zaun der Flüchtlingsunterkunft Burbach

Der Zaun der Unterkunft in Burbach. Hier sollen sich die Taten abgespielt haben.

DPA

Die Bilder lösten bundesweit Entsetzen aus: Auf den vor gut vier Jahren aufgetauchten Handyaufnahmen war die entwürdigende Behandlung von Flüchtlingen in einem Notaufnahmeheim im nordrhein-westfälischen Burbach zu sehen. Wachleute sollen ihre Schutzbefohlenen auf eine mit Erbrochenem verschmutzte Matratze gezwungen und mit dem Fuß im Nacken ihrer Opfer posiert haben. Ab Donnerstag wird der Fall Burbach vom Landgericht Siegen juristisch aufgerollt.

30 Angeklagte müssen sich in dem Mammutprozess vor der Siegener Strafkammer verantworten - darunter Mitarbeiter der Unterkunftsleitung, der Sozialbetreuung und des Wachdiensts. Insgesamt geht es in dem Prozess um dutzende verschiedendster Straftaten, darunter Freiheitsberaubung und Diebstahl.

Mehrere Tage in Zimmer gesperrt 

Zwei Männer posieren vor einem Mann, der am Boden liegt. Einer drückt seinen Fuß in den Hals des am Boden liegenden Mannes

Diese Bilder empörten Deutschland: Die mutmaßlichen Täter posieren mit einem der Flüchtlinge, der hilflos am Boden liegt. 

DPA

So sollen Bewohner der in einer ehemaligen Kaserne eingerichteten Unterkunft bei Verstößen gegen die Hausordnung - beispielsweise Rauchen oder Alkoholkonsum auf den Zimmern - teils für mehrere Tage in sogenannten "Problemzimmern" eingesperrt worden sein. Beim Transport in diese Räume soll es Körperverletzungen gegeben haben, außerdem Nötigungen und Diebstähle.

Die meisten Straftaten sollen die mit der Heimleitung und der Teamleitung der Sozialbetreuer betrauten Angeklagten verübt haben. Motiv für die Misshandlungen war laut Staatsanwaltschaft, die Zahl der Meldungen von Zwischenfällen in der Unterkunft an Polizei- und Ordnungsbehörden niedrig zu halten und den Ruf der Einrichtung nicht zu gefährden.

Verhandlung muss aus Platzgründen ausweichen

Insgesamt klagte die Staatsanwaltschaft im Fall Burbach 38 Verdächtige an - zwei Verfahren gegen zusammen sechs geständige Beschuldigte wurden allerdings abgetrennt und werden voraussichtlich erst ab Anfang kommenden Jahres verhandelt. Kurzfristig wurden nach Gerichtsangaben vom Mittwoch auch die Verfahren gegen zwei weitere Angeklagte abgetrennt, die eigentlich am Donnerstag auf der Anklagebank sitzen sollten - beide sind erkrankt.

Für den nun beginnenden Prozess gegen die verbleibenden 30 Beschuldigten muss das Siegener Landgericht aus Platzgründen ausweichen: Weil das Gerichtsgebäude nicht über einen ausreichend großen Verhandlungssaal verfügt, findet das Verfahren in der Siegerlandhalle statt.

34.000 Seiten in den Akten 

Die außergewöhnliche Dimension des Prozesses veranschaulicht zudem der Umfang der Akten, in die sich die Verfahrensbeteiligten einarbeiten mussten: Der Aktenbestand umfasst nach Angaben eines Gerichtssprechers mehr als 34.000 Seiten. Für das Verfahren beraumte die erste große Strafkammer des Gerichts Verhandlungstermine bis Mai kommenden Jahres an.

Nach Bekanntwerden der Vorwürfe hatte sich das Land Nordrhein-Westfalen von der privaten Betreiberfirma der Burbacher Flüchtlingsunterkunft getrennt. Außerdem führte das Bundesland Sicherheitsüberprüfungen der in Flüchtlingsheimen eingesetzten Wachleute ein.

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Richard Heister / AFP