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Video aus Flüchtlingsheim: So ging es zu in Burbach

Wie angespannt die Lage im Flüchtlingsheim Burbach war, belegt eine Videoaufnahme, die der stern zeigt. Zu sehen ist das Ende einer Schlägerei in der Kantine – und der Einsatz der Wachmänner.

Von Matthias Lauerer

Exklusiv im stern: Video zeigt Auseinandersetzung im Flüchtlingsheim Burbach

Carmen Cerdero Jörs ist verstört, als sie die Videobilder sieht. "Da hinten, das bin ja ich!", sagt sie. Ein junger Syrer hatte die 1:10-Minuten lange Videosequenz aufgenommen, die das Ende einer Schlägerei in der Kantine des Flüchtlingsheims in Burbach zeigt.

"Stühle flogen durch den Saal"

Rückblick: Es ist der 25. September 2014 gegen 17.45 Uhr. Die Tagesschicht der Sicherheitstruppe freut sich auf den Feierabend. Plötzlich schallen Rufe über das Areal: "Alarm! Schlägerei in der Kantine!" Mitarbeiter eilen den Hügel hinauf. Carmen Cerdero Jörs sieht Frauen und Kinder aus dem Gebäude rennen. Die 42-Jährige läuft hinein: "Es war die Hölle, ein heilloses Durcheinander. Und dann der Lärm. Stühle flogen durch den Saal, Menschen schrien." Als sie versucht, Kinder vor die Tür zu geleiten, prasseln Schläge auf sie nieder.

Die Schlägerei mit gut 20 Beteiligten aus Nordafrika entzündete sich an einer Nichtigkeit, wie Zeugen berichten. "Mein Freund bat um eine weitere Scheibe Brot, was ihm an der Essensaugabe verweigert wurde. Stattdessen kam der Koch hinter dem Tresen hervor und schlug auf ihn ein", erzählt ein Mann, der anonym bleiben will. Im Nu eilen andere Flüchtlinge zu Hilfe. Drei Mitarbeiter des Sicherheitspersonals versuchen, die Prügelnden voneinander zu trennen, weitere Menschen kommen in den Saal im ersten Stock. Die Situation eskaliert, Menschen wälzen sich prügelnd auf dem Boden. Ein Polizeieinsatz folgt.

Weggesperrt in "Problemzimmern"

"Wir waren wegen des Schichtwechsels gut besetzt. Ich weiß nicht, was sonst passiert wäre", sagt Carmen Cerdero Jörs, die ehemalige Tagesschichtleiterin des Sicherheitsdienstes SKI, dem in Burbach inzwischen gekündigt wurde. Mit nur sechs Sicherheitsmitarbeitern bewachte man in Spitzenzeiten bis zu 800 Flüchtlinge. Bereits zuvor war es auf dem ehemaligen Kasernengelände zu Rangeleien und Tätlichkeiten zwischen Bewohnern und Sicherheitsmitarbeitern gekommen. So bewarfen die Bewohner Sicherheitspersonal mit Feuerlöschern, Flaschen und Billardkugeln, wie ehemalige Mitarbeiter berichten.

Frust über zu kleine Zimmer oder verdreckte Waschräume führte zu Aggressionen, die sich ihren Weg bahnten. Denn in der Regel sollten die Burbacher Flüchtlinge nur für ein paar Tage bleiben, bevor man sie in an andere Einrichtungen transferierte. Einige Flüchtlinge berichten davon, dass Security-Mitarbeiter sie stunden- oder tagelang in "Problemzimmern" wegsperrten. Heute existieren diese Zimmer nicht mehr. Nun ermittelt die Siegener Staatsanwaltschaft. Es bestehe der Verdacht auf Nötigung und Freiheitsberaubung. Im Visier: der Leiter des Burbacher Flüchtlingsheims und der Geschäftsführer des Unternehmens European Homecare. Der wollte sich gegenüber dem stern nicht äußern.

Neuer Wachdienst "immer korrekt"

Seit rund zehn Tagen arbeiten andere Wachschutzmitarbeiter vor Ort. Die Bewohner sind voll des Lobes: "Die Neuen sind immer freundlich und korrekt", erzählt einer.

Carmen Cerdero Jörs brach man bei der Schlägerei den linken Arm, verletzte sie an der Halswirbelsäule und am Knie. Seit dem 25. September findet die 42-Jährige kaum noch Schlaf, isst wenig und raucht viele Menthol-Zigaretten. Ihr Resümee: "Das war alles so unwirklich."

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