HOME

Busunglück Hannover: Kaffeefahrt in den Tod

Es war ein schöner Tag, den 33 Ausflügler auf einem Bauernhof im Münsterland verbrachten. Keiner ahnte, dass er für 20 Senioren mit dem Tod enden würde. Auf dem Heimweg verbrannten sie auf grausige Weise in ihrem Reisebus. Nun ermitteln Staatsanwälte gegen Unbekannt. Sie wollen wissen: Warum brach das schreckliche Feuer aus?

Von Manuela Pfohl

Es war eine dieser üblichen Kaffeefahrten. Geduldig hatten die Ausflügler am Dienstagmorgen in Hannover auf die Abfahrt ihres Reisebusses gewartet. Ein Tagesbesuch des Prickingshofs in Haltern bei Recklinghausen stand auf dem Plan. Mit "Produkt-Informationsveranstaltung und buntem Programm". Viele kennen diese Tour. Einige haben den Bauernhof schon mehr als zehn Mal besucht. Das Interesse ist groß. Es gibt 39 Anmeldungen. Am Ende nehmen im Mercedes-Benz 350 des Hannoveraner Busunternehmers Mommeyer jedoch nur 33 Ausflügler Platz. Die meisten sind Senioren. Sie haben viel Freude in den nächsten Stunden. Mit Musik und Tanz und Tombola. Am Abend sind 20 von ihnen tot. Verbrannt im Bus. Wenige Kilometer vor dem Ende ihres Ausflugs.

Als die Rettungskräfte kurz vor 22 Uhr am Unfallort auf der A2 zwischen Garbsen und Herrenhausen eintreffen, bietet sich ihnen ein Bild des Grauens. Der Bus ist vollständig ausgebrannt. Die Scheiben sind geborsten. Übriggeblieben ist ein schwarzes Gerippe. Darin bis zur Unkenntlichkeit verkohlte Leichen. Mehr als 150 Feuerwehrleute und Polizisten sind die ganze Nacht im Einsatz. Doch sie können nicht viel mehr tun, als die zum Teil schwerverletzten Überlebenden in einem Notfallzelt erstzuversorgen und die Unfallstelle zu sichern. Keiner der Toten kann vor Ort geborgen werden. Psychologen müssen die verzweifelten Menschen betreuen, die außer sich vor Angst wissen wollen, ob ihre Angehörigen unter den Toten sind. Volker Reemts, Klinikpfarrer an der Medizinischen Hochschule Hannover, ist einer der Notfallseelsorger. Er weiß, wie schwer es für die Hinterbliebenen ist, das Unfassbare zu akzeptieren. "In unserem Beisein kann geklagt, geweint und geschrien werden. Das ist wichtig."

Noch in der Nacht wird der beschlagnahmte Bus mit den Opfern nach Hannover ins Polizeipräsidium gebracht, wo er untersucht und die Leichen obduziert werden sollen. Ein schwieriges Unterfangen, denn keiner kennt die Namen der Fahrgäste. Mit DNA-Tests soll Klarheit geschaffen werden. Doch ehe es da Ergebnisse gibt, können Wochen vergehen. Die Ermittler wollen jetzt vor allem wissen, weshalb das Feuer ausbrach und warum es sich innerhalb von Sekunden ausbreiten konnte. Doch auch am Mittwochvormittag kann Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) noch keine Auskunft geben. "Wir haben bislang keine Erkenntnisse über die Unfallursache", erklärt er bei einer Pressekonferenz in Hannover. Die Staatsanwaltschaft Hannover hat indes ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet.

Warum brach der Brand aus?

In mühevoller Kleinarbeit haben die Brandermittler der Feuerwehr und der Polizei versucht, das Geschehen vor der Katastrophe zu rekonstruieren. Demnach hatte der 51-jährige Busfahrer an der Raststätte Garbsen-Süd noch einen Stopp für Toilettengänge eingelegt. Wann genau sich der Brand entwickelte, ist noch unklar. Laut Ortsbrandmeister Bernd Keitel spricht vieles dafür, dass es im Bereich der Toilette einen Schwelbrand gab, bei dem sich brennbare Gase entwickelten. Etwa anderthalb Kilometer nach dem Stopp merkte eine Reisende, dass Rauch aus der Toilettentür drang. Als sie die Tür öffnete, schlugen ihr Flammen entgegen - und dann ging alles sehr schnell.

Keitel: "Offenbar entwickelte sich der Brand im mittleren Teil des Busses, in dem der zweite Ausgang und die Toilette war." Dadurch sei den hinten sitzenden Passagieren vermutlich der Weg zum Ausgang versperrt gewesen. Die in der Nacht geäußerte Vermutung, dass ein Fahrgast die Katastrophe auslöste, weil er verbotenerweise auf der Bustoilette geraucht hatte, zweifeln die Ermittler inzwischen an. Brandmeister Keitel erklärt, es sei fast auszuschließen, dass eine Zigarette tatsächlich die Katastrophe auslöste.

Bedrückende Stille im Prickingshof

Den Angehörigen der Toten wird das kaum ein Trost sein. Sie wollen wissen, ob alle Sicherheitsbestimmungen eingehalten worden sind. Erste Zweifel werden laut. Uwe Prehn vom traditionsreichen Busunternehmen Mommeyer war noch am Abend zur Unglücksstelle geeilt. Geschockt vom Anblick des Grauens ringt er um Fassung und schüttelt immer wieder den Kopf. "Ich kann mir das alles einfach nicht erklären." Der vier bis fünf Jahre alte Bus sei werkstattgeprüft und in Ordnung gewesen. Der Verband der baden-württembergischen Omnibusunternehmer (WBO) fordert, es müsse über ein Frühwarnsystem durch Feuermelder in allen Bussen diskutiert werden. WBO-Sprecherin Yvonne Hüneburg meint: "Wenn man dafür sorgt, dass der Busfahrer früher Kenntnis hat, kann er schneller reagieren. Da wird man ansetzen müssen."

Über dem Bauernhof in Haltern im Münsterland liegt am Mittwoch eine bedrückende Stille. Eigentlich spielt um diese Zeit im großen Saal Musik zum Tanz auf. So wie am Dienstag auch. Doch daran mag hier keiner denken. Noch kann kaum einer der Angestellten fassen, was den Gästen aus Hannover passiert ist. Marcel Nolte, Angestellter im Ausflugslokal Prickingshof, ist tief betroffen. "Bei der Reisegruppe handelte es sich um Stammgäste, die zum Teil seit Jahren zu uns kamen. Wir haben ihnen bei der Verabschiedung wie üblich unser Hof-Päckchen mit Wurst, Brot, Eiern und Käse mitgegeben." Der Gedanke daran, dass sie nie wieder kommen werden, weil sie nach einem schönen Tag in den Tod fuhren, sei kaum zu ertragen.

Am Montag werden die Flaggen am Rathaus in Hannover auf Halbmast gesetzt und in der Johanniskirche soll es die zentrale Trauerfeier der Stadt Hannover geben.

  • Manuela Pfohl