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Castortransport ins Wendland: Gerangel um Widerstandsnest Metzingen

Mitternacht im Wendland. Oben leuchten die Sterne und unten an der Metzinger Dorfstraße ziehen Wasserwerfer auf. Auftakt zu einer heißen Nacht.

Von Manuela Pfohl, Dannenberg

SMS: "Metzingen wird gestürmt." Die Info kommt am Freitag um kurz nach 23.20 Uhr und wirkt im Lager der Widerständler wie ein Stromschlag. Malte, Benjamin, Kevin und Stef ziehen sofort los. Hin zum Camp der Castorgegner, das von der Polizei belagert wird. Was eigentlich genau los ist, wissen die Jugendlichen nicht. Egal. Eine knappe Viertelstunde Fahrt, jemand hat sie mit dem Auto bis nach Metzingen gebracht. Die Jungs kennen sich hier aus, sie sind im Wendland zu Hause. Dann stehen sie den Wasserwerfern der Polizei gegenüber und einem guten Dutzend Einsatzfahrzeugen, die die Straße mit Blaulicht blockieren. Von der anderen Seite schallt es in Richtung der Beamten: "Haut ab!" Einer der Wasserwerfer sprüht seine Ladung. Die Antwort kommt promt mit einem Steineregen, der auf die Fahrzeuge und die Beamten prasselt. "Wieso hast du keinen Helm auf", ruft ein Polizist seinem Kollegen zu. "Bist du lebensmüde?"

Malte, Benjamin, Kevin und Stef haben auch keine Helme. Nur ein Tuch vorm Mund. Das haben alle hier, die nicht erkannt werden wollen. So wie die Jungs um Malte, die sich aufgeregt für ihren Einsatz rüsten. Die Dannenberger Nachwuchsaktivisten versuchen im Camp herauszufinden, was eigentlich zu der Eskalation geführt hat und wo sie jetzt gebraucht werden. Doch die Erklärungen sind widersprüchlich. Die Widerständler sagen, die Polizei sei völlig überzogen auf ein paar Leute mit Laserpointern losgegangen und habe willkürlich Campbewohner festgenommen.

Die Polizei wiederum sagt, es hätten rund 200 Mann aus dem Camp die Straße blockiert und sich geweigert zu räumen. Fast zwei Stunden dauert das Gerangel um das Metzinger Widerstandsnest. Dann gibt der Einsatzleiter den Befehl zum Rückzug. Ein paar Minuten später liegt die Dorfstraße wieder im Dunkeln und die 500 bis 800 Aktivisten, die sich im Camp eingerichtet haben, können schlafen. Denn am Samstag soll es im Wendland erst so richtig losgehen. Auch Malte und seine Kumpel sind dabei. "Wir wohnen ja hier und haben keinen Bock darauf, dass Gorleben zum Endlager gemacht wird. An Fukushima haste ja gesehen, wie schnell die Katastrophe da ist. Und wenn was passiert, sind wir zuerst dran."

Ein Horrorszenario

Angst vor dem Atommüll, den auch unzählige andere Castorgegner haben. Seit Monaten machen die verschiedenen Initiativen mobil gegen den Atommülltransport ins Wendland. Das Horrorszenario: Elf Castoren mit ihrer strahlenden Fracht sollen am Wochenende im Zwischenlager ankommen. Und wenn die Berechnungen von Greenpeace stimmen, dann könnte das dazu führen, dass die zulässige Höchststrahlung in Gorleben damit überschritten wird. Für die Aktivisten ein Riesenskandal, denn die Gesundheit der Menschen vor Ort werde mit dem Transport auf unzulässige Weise riskiert, meint Heinz Smital, Atomenergieexperte bei der Umweltschutzorganisation.

Für die Sitzblockierer und erst recht für die "Schotterer" ist der Widerstand gegen den Transport deshalb alles andere als gesetzwidrig. Jochen Stay von der Anti Atominitiative "ausgestrahlt" meint: "Die eigentliche Eskalation geht im Gorleben-Konflikt von der Bundesregierung aus, die von weißer Landkarte redet, aber den ungeeigneten Salzstock weiter zum Atommüll-Endlager ausbaut."

Das niedersächsische Umweltministerium blieb stur

19.000 Polizisten sind im Einsatz, um den Castorzug störungsfrei und zügig an sein Ziel zu bringen. Aber auch viele Beamte hätten es lieber gesehen, wenn der Atommülltransport in diesem Jahr nicht stattfinden würde, weil sie ihn für zu gefährlich halten. Schon im vergangenen Jahr hatten Hundertschaftsführer den Beamtinnen im Einsatz geraten, möglichst Abstand zu den Castorbehältern zu halten, falls sie später mal Kinder wollen. Doch in diesem Jahr war die Gewerkschaft der Polizei sogar öffentlich in die Offensive gegangen. Im Vorfeld hatte sie "im Interesse der Gesundheit der Kollegen" gefordert, den Transport abzublasen. Umsonst. Das niedersächsische Umweltministerium blieb stur. Den Anti AKW-Initiativen hat das noch mal einen kräftigen Argumentationsschub gegeben.

Wie viele Demonstranten am Ende wirklich kommen werden, ist noch ungewiss. Aber immerhin, aus über 150 Städten haben Aktivisten ihr Kommen für die Großdemo ab Samstagmittag in Dannenberg angekündigt. Überall im Ort sind die gelben X für den Widerstand gegen den Castor zu sehen. Den ganzen Tag wurde hier organisiert und diskutiert. Vor allem die Frage, wann der Zug nun genau da sein wird, ist ein Thema. Denn danach richten sich die Gegenstrategien, die geplant werden müssen. Weder die Aktivisten noch die Polizei wollen sich dabei schon jetzt in die Karten gucken lassen. Auf die Frage, was die nächsten Tage bringen werden, kommt von beiden Seiten nur ein ebenso freundliches wie unverbindliches "schaun wir mal". Doch um kurz nach zwei Uhr morgens sind die meisten Fenster im Wendland dunkel und die Debatten über die politische Bedeutung dieses letzten Castortransportes aus Frankreich sind vertagt. Malte und seine Kumpels sind auch wieder aus Metzingen zurück. Einsatz beendet.

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