HOME

Christchurch nach dem Erdbeben: Leere Straßen, gespenstische Stille

Es ist still in Christchurch nach dem Erdbeben. In der Sperrzone suchen Suchtrupps nach Verletzten. Asphaltblasen und tiefe Risse durchziehen die Straßen. Auch im Rest der Stadt sind nur wenige Menschen unterwegs und die Geschäft geshlossen.

Pfarrer Peter Beck steht mit Schutzhelm auf dem Kopf vor dem Trümmerhaufen an seiner Kathedrale in Christchurch. Das Entsetzen ist ihm einen Tag nach dem schweren Erdbeben ins Gesicht geschrieben. Er war in der Kirche, als der Turm einstürzte -darunter eine Besuchergruppe. "Ich glaube, das hat keiner überlebt", sagt er erschüttert.

Christchurch am Mittwoch, dem Tag nach dem Schock: Es ist gespenstisch still in der zweitgrößten neuseeländischen Stadt. Die Straßen sind leer gefegt, Polizei und Armee haben das Gebiet, in dem Helfer im Großeinsatz nach Verschütteten suchen, weiträumig abgeriegelt. Auch außerhalb der Sperrzone läuft das Leben an diesem Tag auf Schmalspur. Die Geschäfte sind geschlossen. Nur ein einsamer Jogger lässt Normalität erkennen.

City Hall, das Gebäude der Stadtverwaltung, ist verlassen. Die Fensterfront ist kaputt. Dahinter ist alles dunkel. "Wie tote Augenhöhlen sieht das aus", sagt ein Mann im Vorbeigehen. Besonders schlimm zugerichtet ist die Knox-Kirche - abstrus bei einem Namen, der in Anlehnung an das legendäre US-Lager für Goldreserven nach "unverwüstlich" klingt. Riesige Löcher klaffen in den Wänden. "Es ist ja nur noch ein Gerippe in einem riesigen Schutthaufen!" ruft ein junger Mann, der ungläubig an den Trümmern vorbeigeht.

Bauingenieur David Carrabine ist unterwegs, um seine Vorratskammer zu füllen - wie viele in Christchurch. In den Läden, die offen sind, sind die Regale leer. Carrabine nahm gerade an einer Konferenz über bebensicheres Bauen teil, als die Erde wackelte. Von seinem Haus stürzten die Kamine, Regale und Schränke fielen um. Der Mann mit Bart und Pferdeschwanz aber gibt sich professionell gelassen: "Es ist schon schrecklich, aber im Grunde liebe ich Erdbeben."

Brittany MacDonald (17) und Emily Davidson (16) sind zum Hagley-Park gegangen. Dort haben Sanitäter ein riesiges Zelt aufgebaut, in dem sie Verletzte versorgen. Auch Wasser und Lebensmittel werden verteilt. Vor den Eingängen stehen lange Schlangen. Die Schülerinnen erlebten das Erdbeben in der Lunchpause und verkrochen sich unter Picknick-Tischen. "Es war schon sehr beängstigend", sagt Emily. Zum Zelt sind die Freundinnen gekommen, um zu helfen. "Wir haben ja bis nächste Woche keine Schule", sagen sie.

Der Koch Max Miller war gerade von einem langen Einsatz in einer Forschungsstation der Antarktis nach Christchurch gekommen. Er war am Dienstagmittag in einer Bücherei, als das Beben begann. Die kleine Pension, in der sein Gepäck liegt, wurde zerstört. Er steht nun verloren auf der Straße. "Ich muss mich wohl jetzt um einen neuen Pass kümmern."

Wie Narben ziehen sich die Erdbeben-Risse durch die Stadt. In manchen Straßen klaffen meterlange handbreite Spalten, in anderen hat sich der Asphalt zu grotesken Blasen getürmt. Aus den Erdspalten sind Schlamm und Matsch gedrungen. Die zähe Masse liegt zentimeterdick im Rinnstein.

Der Highway One, der aus Christchurch hinausführt, ist vollkommen verstopft. Vollgepackte Autos, Wohnwagen und Autos mit Anhängern sind unterwegs. An den Tankstellen bilden sich hunderte Meter lange Schlangen. In Stadtnähe ist das Benzin längst ausgegangen. Nur auf der Gegenfahrbahn herrscht freie Fahrt. Kaum einer ist auf dem Weg ins gebeutelte Christchurch. Die meisten wollen nichts wie weg.

von Sebastian Kretz, DPA / DPA