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Die Strauss-Kahn-Affäre Und jetzt?


Dominique Strauss-Kahn schien das ultimative Raubtier Mann zu sein, erwischt bei einer Vergewaltigung. Jetzt kommt er frei, obwohl niemand weiß, was wirklich geschehen ist. Was bleibt?
Ein Kommentar von Florian Güßgen

Dominique Strauss-Kahn schien am Ende. Unrasiert sah er aus, wüst, sein Blick war gläsern, als der damalige IWF-Chef im Mai dem New Yorker Untersuchungsrichter vorgeführt wurde. Binnen Stunden personifizierte der Franzose weltweit die Zügellosigkeit der Macht, vor allem aber die Zügellosigkeit des Männlichen an sich. Das Raubtier Sex hatte plötzlich einen Namen, sogar ein Kürzel: DSK. Hatte der Mann doch scheinbar am hellichten Tag, mal eben zur Lunch Time, das Zimmermädchen Nafissatou Diallo vergewaltigt, verschlungen, scheinbar überzeugt von der eigenen Unantastbarkeit. Strauss-Kahns Absturz aus den Höhen der Selbstherrlichkeit schien als großes Lehrstück dafür zu taugen, dass diese Hybris, angetrieben von einem Gemisch aus Sex und Macht, unweigerlich zu Fall kommen muss - ja, sogar vor den Richter.

Sex? Ja. Aber unfreiwillig?

Perdu. Vorbei. Am Montag haben die New Yorker Staatsanwälte ihre Vorwürfe fallen lassen. Sex? Ja, den gab's. Eindeutig. Aber unfreiwillig? Mit Gewaltanwendung? Das traut sich kein Staatsanwalt mehr zu behaupten. Sicher ist nur: Um 12.06 Uhr betrat das Zimmermädchen an jenem Samstag die Suite 2806 des New Yorker Sofitel-Hotels. Um 12.13 Uhr telefonierte Strauss-Kahn dann schon wieder mit seiner Tochter. Was in jenen sieben Minuten dazwischen geschah, wissen nur Diallo und Strauss-Kahn. Und dass es richtig ist, die Aussagen der Frau zu bezweifeln, kann jeder nachvollziehen, der die Begründung der Staatsanwälte nachliest. Immer wieder verstrickte sie sich in Widersprüche, widerrief, passte an, eindeutige physische Beweise gab es nicht. Es wäre unmöglich gewesen, alle Zweifel einer Jury auszuräumen - selbst wenn die Vorwürfe so plausibel erscheinen. Deshalb ist es ebenso unbefriedigend wie richtig, den Strafprozess gegen Strauss-Kahn nun abzublasen. Im Zweifel für den Angeklagten.

Was bleibt sind jedoch vor allem Verlierer. Strauss-Kahn ist politisch wohl am Ende. Juristisch ist er zwar unbescholten. Aber keiner weiß, ob er Diallo nicht doch in Wahrheit vergewaltigt hat. Der Zweifel an seiner Person wird von nun an auch Strauss-Kahns ständiger Begleiter sein. Er ist nicht verurteilt, aber gebrandmarkt. Und genau deshalb es ist schon richtig, darüber zu diskutieren, ob die Praxis der Zurschaustellung des Angeklagten im US-Rechtssystem hier das Risiko der Vorverurteilung tatsächlich überwiegt. Rechtlich ist Strauss-Kahn zudem auch noch nicht komplett aus dem Schneider. In New York ist eine Zivilklage anhängig, in Frankreich wird ebenfalls wegen Vergewaltigung gegen ihn ermittelt.

Das Image des Sex-Raubtiers wird haften bleiben

Sex hat Strauss-Kahn zudem sicher mit dem Zimmermädchen gehabt. Das Image des zügellosen Sex-Raubtiers wird an ihm haften bleiben, selbst wenn ihm das beim Wähler nicht zwingend schaden müsste: Monica Lewinskys Bill Clinton gilt ja nach wie vor als großer US-Präsident, und Bunga-Bunga-Berlusconi ist auch noch im Amt. Es ist einer der Vorzüge der Demokratie, dass Bürger selbst festlegen, ob sie sexualmoralische Integrität von politischer Kompetenz getrennt bewerten oder nicht.

Das Zimmermädchen ist eine große Verliererin, weil sie entweder die Wahrheit gesagt und ihr keiner geglaubt hat oder weil sie gelogen hat und dafür öffentlich demontiert wurde. Die New Yorker Justiz ist auch eine Verliererin, weil sie den Fall möglicherweise zu schnell zu hoch gehängt hat und sich nun den Vorwurf gefallen lassen muss, öffentlichkeitslüstern die Sorgfalt vernachlässigt zu haben. Und ein weiterer Verlierer sind all jene Frauen, die tatsächlich vergewaltigt worden sind und erwägen, ihre Peiniger anzuzeigen. Der Fall Strauss-Kahn hat einmal mehr vorgeführt, wie schwer es ist, dieses Delikt zu beweisen. Das entmutigt.

Anne Sinclair sticht heraus

Es gibt also viele tragische Figuren in diesem Drama. Und doch sticht in der an Wendungen und Wandlungen reichen Handlung eine besonders hervor, eine, die äußerlich ungebrochen geblieben ist, die aber möglicherweise eine besondere Entwicklung erlebt hat: Anne Sinclair, die Ehefrau des Ex-IWF-Chefs. Wie eine Löwin hat sie ihren Mann verteidigt, ihn unterstützt, ist nie von seiner Seite gewichen - ungeachtet dessen, was über seine sexuellen Eskapaden in den vergangenen Monaten fast täglich veröffentlicht wurde. Sie gehört nun eigentlich zu den Siegern des Verfahrens und erscheint doch auch gleichzeitig als Betrogene, als ein Opfer ihres Ehemannes. Sinclairs Geschichte ist vielleicht die spannendste und aufschlussreichste von den vielen Geschichten, die diese Affäre zu bieten hat. Aber vermutlich wird auch sie niemals vollständig erzählt werden können.


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