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Entführte Kinder aus Niedersachsen: Martyrium einer Mutter

Monatelang bangte Katja Hüls um ihre vier Kinder, die ihr Mann nach Afrika verschleppt hatte. Vergangene Woche endete das Drama glücklich. Erstmals berichtete die Mutter jetzt von ihrer Leidenszeit.

Von Mareike Rehberg

Katja Hüls muss weinen, wenn sie vom Ostermontag erzählt. Als andere Familien bemalte Eier aßen oder in die Kirche gingen, erlebte die Mutter aus Hermannsburg in Niedersachsen den "schrecklichsten Tag meines Lebens" - und den Beginn eines vier Monate währenden Martyriums. Vier Monate, in denen die 31-Jährige nicht wusste, wo ihre Kinder sind, ob es ihnen gut geht - und ob sie überhaupt noch leben. Ihr Ex-Mann, der Vater von Benjamin, Jonas, Miriam und Lisa, hatte die Kinder im Alter von vier bis neun Jahren nach Afrika entführt - wochenlang fehlte von dem christlichen Fundamentalisten jede Spur. Vor gut einer Woche spürten die ägyptische Behörden den Vater schließlich in Kairo auf - und die Leidenszeit von Katja Hüls hatte ein Ende.

Erstmals schilderte die Mutter am Donnerstag, wie sie die lange Zeit des Wartens, der Angst und der Hoffnung erlebt hat. Als sie ihre vier Kinder am frühen Nachmittag des 25. April vom Haus des Vaters abholen wollte und niemanden antraf, habe sie sofort geahnt, dass etwas Furchtbares passiert war. Die Vorahnung sollte sich bestätigen: Noch in der folgenden Nacht bekam Katja Hüls einen Anruf von der Polizei. Ihre Kinder waren mit dem Vater nach Ägypten geflogen.

Tage voller Angst und Verzweiflung

Damit begann der Albtraum. "Jeden Tag habe ich auf ein direktes Lebenszeichen gehofft", sagt die Mutter mit zitternder Stimme, "ich habe keines bekommen". Eine Woche nach dem Verschwinden ihrer Kinder keimte kurzzeitig Hoffnung in Katja Hüls auf: Für den 2. Mai hatte ihr Ex-Mann einen Rückflug gebucht, doch ihre Enttäuschung war groß, als sie vergeblich auf Miriam, Lisa, Jonas und Benjamin wartete. Und die Wochen vergingen.

Um sich abzulenken, berichtet Katja Hüls, habe sie wieder angefangen zu arbeiten, im Garten geschuftet, ihren Alltag gelebt. Doch immer wieder holte sie der Schmerz ein. "Es gab Tage, an denen ich mich voller Angst um die Kinder zurückgezogen habe", erzählt die junge, blonde Frau aufgelöst. Vor allem an den Geburtstagen und am Tag der Zeugnisvergabe habe der Verlust der Kinder unendlich geschmerzt.

In den folgenden Monaten entwickelte die 31-Jährige eine Strategie, um mit ihrer Situation klarzukommen. Sämtliche Spielsachen, die in der Wohnung verstreut lagen, verbannte sie in die Kinderzimmer, die sie ohnehin nur betrat, um einmal in der Woche zu lüften. Die leeren Betten, die Fotos und die selbstgemalten Bilder hätten ihr das Herz zerrissen, sagt Hüls mit tränenerstickter Stimme.

"Mama, warum weinst du?"

Im Juni erhielt die Mutter ein erstes Lebenszeichen ihrer Kinder. Ein Foto, im Sudan aufgenommen, zeigte ihre zwei Töchter beim Spielen vor einer Baracke im Sudan. Allerdings war das Bild schon mehrere Wochen alt. "Es war unerträglich", sagt Katja Hüls. Die endlose Warterei sei eine einzige Qual gewesen, die Hoffnung, ihre Söhne und Töchter lebend wieder zu sehen, sei von Tag zu Tag geschwunden.

Als die Polizei sich am 7. September schließlich wieder bei ihr meldete, dieses Mal mit einer frohen Botschaft, habe sie ihr Glück kaum fassen können. Tränen liefen ihr einen Tag später am Flughafen übers Gesicht, als sie ihren Sprösslingen endlich gegenüberstand. Die Kinder konnten den Trubel überhaupt nicht verstehen. "Mama, warum weinst du?", hätten sie nur gefragt.

Miriam, Lisa, Benjamin und Jonas geht es gut. Allerdings werden die Geschwister erst einmal psychologisch betreut. Wann die Familie wieder nach Hause zurückkehrt, wann die Brüder und Schwestern wieder Kindergarten und Schule besuchen, das alles ist noch nicht klar. Ebenso wenig gewiss sind die Beweggründe des 37-jährigen Entführers. Der Vater sitzt in Untersuchungshaft und schweigt sich über seine Motive aus. Sowohl Katja Hüls als auch die Ermittler vermuten, dass seine strenge Religiosität etwas mit der Tat tun hat. Eines jedoch, stellt Hüls fest, sehe sie ihren Kindern an: "Sie sind froh, ihre Mama wieder zu haben." Die Mama will jetzt nur noch eines nach vier Monaten Leiden, in denen sie in die Öffentlichkeit treten musste, bei sternTV zu Gast war und zum Abschluss jetzt eine bewegt-bewegende Pressekonferenz gab: ihr früheres Leben leben.