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Verdacht auf Beihilfe in 3518 Mordfällen KZ Sachsenhausen: Hundertjähriger ehemaliger Wachmann angeklagt

Der Holocaustüberlebende Daniel Hanoch


Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau im heutigen Polen:


Hier werden während der Zeit des Nationalsozialismus etwa 1,1 Millionen Menschen ermordet.


Daniel Hanoch ist Holocaust-Überlebender.


Im Interview spricht der 86-Jährige über seine Zeit im Vernichtungslager der Nazis.


"Ich meine, was in Auschwitz passierte, ist unbeschreiblich. Es war hart. Wir gingen zu den Zügen, dort versuchten Leute über den Stacheldraht zu springen und wurden getötet. Aber das ist der Punkt, du konntest jederzeit getötet werden, auch wenn du nichts getan hast."


Eine Zeit, die Daniel Hanoch prägt – jedoch anders als man es erwarten würde.


"Es beeinflusst mich nicht, ich habe keine Albträume und schreie nicht. Nach Auschwitz kann dich nichts aus der Ruhe bringen."


"Es war wie eine Akademie, ein Studium und ich denke, dass es eine gute Schule war. Ich frage mich manchmal, wie ich ohne Auschwitz leben könnte. Es hat mein Leben stark beeinflusst, mir den richtigen Weg gezeigt, nichts auszulassen und das zu tun, was ich tun will."


Trotzdem sieht der 86-Jährige der Zukunft mit negativen Gefühlen entgegen.


"Ich denke nicht zu lange nach, weil ich der Zivilisation nicht traue. Die Zivilisation steht vor einer Katastrophe. Leute ruinieren die Welt, und das war‘s. Du kannst nicht viel ändern."
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Im KZ Sachsenhausen nahe Berlin soll der Mann Beihilfe zum Mord in Tausenden Fällen geleistet haben. Die Staatsanwaltschaft hält den Beschuldigten für verhandlungsfähig – obwohl er schon 100 Jahre alt ist.

Gegen einen hundertjährigen ehemaligen Wachmann des Konzentrationslagers Sachsenhausen hat die Staatsanwaltschaft im brandenburgischen Neuruppin Anklage wegen Beihilfe zum Mord in 3518 Fällen erhoben. Die Behörde bestätigte am Montag den Nachrichtenagenturen AFP und dpa einen entsprechenden Bericht des Norddeutschen Rundfunks (NDR). Der Mann soll demnach zwischen 1942 und 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen "wissentlich und willentlich" an der Ermordung von Lagerinsassen mitgewirkt haben. Er habe bis 1945 dem Wachbataillon des Lagers angehört.

Laut Recherchen des NDR lebt der Beschuldigte in Brandenburg. Die Staatsanwaltschaft hält den Mann trotz seines hohen Alters für verhandlungsfähig. Das Landgericht Neuruppin muss nun entscheiden, ob es die Anklage zulässt.

KZ Sachsenhausen: Auch eine allgemeine Dienstausübung in einem solchen Todeslager reicht für eine Anklage

Eine Strafverfolgung wegen NS-Verbrechen ist in Deutschland nur noch wegen Mordes oder Beihilfe dazu möglich, andere denkbare Vorwürfe wie Freiheitsberaubung oder Körperverletzung sind verjährt. Der Wachdienst in einem NS-Konzentrationslager allein reicht in den meisten Fällen nicht aus.

Nur bei Todes- und Vernichtungslagern, deren Zweck die systematische Tötung sämtlicher Gefangener war, gilt nach deutscher Rechtsprechung bereits die Zugehörigkeit zur Wachmannschaft auch ohne konkretere Tatnachweise als Mordbeihilfe. Seit dem Urteil gegen den KZ-Aufseher John Demjanjuk 2011 besteht die Justiz im Zusammenhang mit einer entsprechenden Tätigkeit in solchen Lagern nicht mehr auf den oft unmöglichen Nachweis individueller Schuld. Auch die allgemeine Dienstausübung in einem Lager, in dem erkennbar systematische Massenmorde stattfanden, kann juristisch geahndet werden.

Entlang dieser Linie fällten deutsche Gericht zuletzt mehrere Urteile gegen frühere SS-Wachmänner, der Bundesgerichtshof bestätigte diese Praxis höchstrichterlich. Die Urteile betrafen dabei Einsätze in den Vernichtungslagern Auschwitz-Birkenau und Stutthof. Die Angeklagten wurden dabei jeweils wegen Beihilfe zu Mord in tausenden Fällen zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Im KZ Sachsenhausen waren zwischen 1936 und 1945 nach Angaben der dortigen Gedenkstätte mehr als 200.000 Menschen inhaftiert. Zehntausende Häftlinge kamen dort durch Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit, medizinische Versuche und Misshandlungen um oder wurden Opfer systematischer Vernichtungsaktionen.

Auch eine ehemalige Sekretärin des KZ Stutthof wurde kürzlich angeklagt

Dass die Justiz noch immer an der Aufarbeitung der NS-Verbrechen arbeitet, wurde erst vor wenigen Tagen auch anhand eines ähnlichen Falls deutlich: Wegen des Verdachts der Beihilfe zum Mord in mehr als zehntausend Fällen klagte die Staatsanwaltschaft in Itzehoe in Schleswig-Holstein eine ehemalige Sekretärin des NS-Konzentrationslagers Stutthof an. Der Frau werde vorgeworfen, als Stenotypistin und Schreibkraft des Lagerkommandanten "den Verantwortlichen des Lagers bei der systematischen Tötung von jüdischen Gefangenen, polnischen Partisanen und sowjetrussischen Kriegsgefangenen Hilfe geleistet zu haben", erklärte die Anklagebehörde am Freitag. Die Frau soll zwischen 1943 und 1945 als Sekretärin des Lagerkommandanten gearbeitet haben. Sie ist inzwischen 95 Jahre alt.

anb AFP DPA

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