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Erdbeben in Nepal löst Lawine am Mount Everest aus: Eine weiße Wand bringt den Tod

Das Erdbeben in Nepal erschütterte auch den Mount Everest und löste eine Lawine aus. In den Bergsteiger-Camps zum höchsten Gipfel herrscht das Chaos. 18 Menschen starben. Unzählige werden vermisst.

Es schien, als raste ein "50 Stock hohes Gebäude in Weiß" auf ihn zu, sagte später ein überlebender Bergsteiger. Andere sprachen von einer "riesigen Druckwolke", die am Samstagmittag auf das Basislager am Fuße des Mount Everest einstürzte, nachdem ein schweres Erdbeben die Himalaya-Region erschüttert hatte. "Ich rannte, und es warf mich um. Ich versuchte aufzustehen, doch es warf mich erneut um", sagt George Foulsham über den Moment, als ihn die Lawine traf. "Ich konnte nicht atmen, ich dachte, ich sei tot."

Meeresbiologe überlebt Lawine unverletzt

Der Meeresbiologe Foulsham befand sich wie hunderte andere Bergsteiger, Führer und Träger in dem Basislager in 5270 Metern Höhe an der Grenze zu China, um sich auf die Besteigung des höchsten Berges der Welt vorzubereiten. Als die Lawine große Teile des Lagers überrollte, hatte Foulsham unglaubliches Glück. "Als ich schließlich aufstand, konnte ich nicht glauben, dass es über mich hinweg gegangen war und ich fast unverletzt war", sagt er einer Reporterin, die zum Zeitpunkt des Unglücks im Basislager war. Doch für 18 Menschen brachte die Lawine den Tod.

Erst im vergangenen Jahr hatte eine Lawine am Everest 16 Nepalesen in den Tod gerissen, die an der Aufstiegsroute Sicherungen legten. "Nach der Lawine letztes Jahr, hatte ich keine Angst zurückzukehren", sagt der nepalesische Koch Kanchaman Tamang. "Ich sagte meiner Familie, ich arbeite im Basislager, das ist sicher." Doch nun sei alles anders. "Die Saison ist vorbei, die Route wurde zerstört, die Eisleitern sind zerbrochen", sagt Tamang. "Ich glaube nicht, dass ich nächstes Jahr zurückkomme. Dieser Berg bedeutet zu viel Leid."

Der Bergsteiger Foulsham, der die Lawine knapp überlebte, gesteht ein, dass sein Traum von der Besteigung des Everest nun womöglich nie wahr wird. Er hatte bereits letztes Jahr versucht, den Everest zu bezwingen, doch nach der tödlichen Lawine war die Klettersaison abgesagt worden. "Ich habe über Jahre gespart, um den Everest zu besteigen", sagt Foulsham, während er mit anderen Bergsteigern auf einen Helikopter wartet, um ins Tal zu fliegen. "Doch es scheint, der Berg sagt, dass er das derzeit nicht will."

Kardiologin versucht unter schwersten Bedingungen Leben zu retten

Unter den Bergsteigern im Basislager war auch die Kardiologin Ellen Gallant. Nach der Lawine sei sie zusammen mit einem anderen Bergsteiger, einem Arzt der indischen Armee, ins Krankenzelt geeilt, um sich um Kopfverletzungen zu kümmern, berichtet sie. "Wir haben die ganze Nacht durchgearbeitet, uns abgewechselt, Medikamente verteilt, Infusionen gelegt", sagt Gallant. Die medizinischen Mittel seien rudimentär gewesen. Einen der neun Verletzten habe sie nicht retten können, einen 25 Jahre alten nepalesischen Sherpa.

"Sein Blutdruck war gefallen, es gab nichts, was wir tun konnten", sagt Gallant sichtlich erschüttert. Nachdem am Morgen der Schneefall aufgehört hatte, seien mehrere Helikopter eingetroffen und hätten acht Verletzte fortgebracht, sagt Gallant. "Wenn du Medizin studierst, lernst du, dich auf die anstehenden Aufgaben zu konzentrieren. Doch nun, da die Dinge sich beruhigt haben, hat es mich hart getroffen. Dieser junge Mann, der vor meinen Augen starb - ein 25-Jähriger sollte nicht sterben müssen."

Frischvermählte Engländer melden sich per Blog

Auch ein junges Paar aus England befand sich auf dem Weg zur höchsten Bergspitze der Welt, nachdem sie ein Jahr zuvor hatten umkehren müssen. Alex und Sam Chappatte sind in den Flitterwochen, nachdem sie zwei Wochen zuvor in Afrika geheiratet hatten. Für ihren Traum den Mount Everest zu besteigen, gaben sie sogar ihre Jobs auf.

Die beiden 28-Jährigen, die seit Teenagertagen ein Paar sind, meldeten sich gestern auf ihrem Blog und versicherten, dass es ihnen gut ginge, sie aber im Camp eingeschlossen seien. Da sie berichteten, den Khumbu-Eisbruch noch überwunden zu haben, ist damit wohl das Camp 1 gemeint.

Das Erdbeben ereignete sich ungefähr eine halbe Stunde, nachdem sie die Zelte erreicht hatten. Der Bergführer wies sofort alle an: "Raus aus den verdammten Zelten und schnappt euch eure Eispickel!" Keine Sekunde zu früh. Denn als Alex und Sam aus ihrem Zelt hasteten, sahen sie bereits die Schneemassen anrollen. Sie suchten Schutz hinter einem Zelt und rammten die Eispickel in den Boden, um sich festzuhalten.

Inzwischen stieg die gesicherte Opferzahl des Erdbebens auf 2352. Weitere Todesfälle werden erwartet. Auch im Everest-Gebiet wird man warten müssen, bis die Erde sich beruhigt und man sich einen Überblick verschafft hat. Zur Zeit des Unglücks hielten sich rund 1000 Bergsteiger in der Himalaya-Region auf. Viele von ihnen sind bereits als vermisst gemeldet.

yps/DPA / DPA