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Erhöhte Radioaktivität nach AKW-Unglück: Strahlen-Angst in Japan wächst

Radioaktiv belastetes Wasser, verseuchter Spinat, verstrahlte Milch: Die Folgen des GAUs von Fukushima sind dramatisch. Doch die japanische Regierung beschwichtigt weiter. Alles halb so schlimm?

Von Manuela Pfohl

Tagelang haben sie den offiziellen Erklärungen ihrer Regierung vertraut. Keiner müsse sich Sorgen wegen einer atomaren Verstrahlung machen, hatten die Behörden immer wieder versichert und erklärt, aus dem AKW Fukushima entweiche keine Radioaktivität in nennenswertem Maße. Doch nun geht die Angst um in Iitate. In dem Dorf, das rund 60 Kilometer südwestlich des Unglücksreaktors von Fukushima liegt, sind extrem hohe Jodwerte im Trinkwasser gefunden worden. Messungen hätten Werte von 965 Becquerel Jod pro Liter Leitungswasser ergeben, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf das Gesundheitsministerium. Der Grenzwert liege allerdings schon bei 300 Becquerel, heißt es auf der Website des Dorfes. Nun hat die Regierung die Bevölkerung aufgefordert, kein Leitungswasser mehr zu trinken.

Nicht nur in Iitate werden die Auswirkungen des GAUs täglich deutlicher. Schon am Samstag meldete Tokio erhöhte Werte im Trinkwasser. Und nicht nur das: Nun sei auch in der Luft der Hauptstadt eine erhöhte Strahlenbelastung festgestellt worden, heißt es am Montag. In immer mehr japanischen Regionen müssen sich die Menschen Sorgen machen. Spuren von Strahlung wurden am Sonntag und Montag im Leitungswasser von neun Präfekturen festgestellt, wie die Nachrichtenagentur Kyodo berichtet. Doch die japanische Regierung beschwichtigt weiter. Die Grenzwerte der Kommission für atomare Sicherheit seien bei allen Proben - bis auf Iitate - unterschritten worden. Informationspolitik, die auch in Japan immer mehr an Glaubwürdigkeit verliert.

Immer mehr verseucht

Denn dass entgegen den tagelangen Behauptungen der Betreiber des AKW doch jede Menge radioaktiven Materials in die Atmosphäre gelangte, wurde in den vergangenen Tagen immer offensichtlicher. Fälle von Gemüse und Staub sowie von Milch und Wasser mit erhöhten Strahlenwerten schürten seit Ende vergangener Woche die Ängste der Japaner. Kein Wunder: Inzwischen wurde auch in Hitachi, in mehr als 100 Kilometern Entfernung vom AKW, radioaktives Jod in Spinat gemessen, dessen Menge den Grenzwert um das 27-fache übersteigt. Das Gemüse wies einen Jod-131-Wert von 54.000 Becquerel und einen Cäsium-Wert von 1931 Becquerel je Kilogramm auf. Die Grenzwerte liegen in Japan bei 2000 Becquerel für Jod und bei 500 Becquerel für Cäsium. Auch bei Milch aus der Umgebung von Fukushima wurde eine überhöhte Strahlenbelastung festgestellt. Die Behörden riefen die betroffenen Gemeinden auf, verstrahlte Lebensmittel nicht in den Handel zu bringen.

Häppchenweise Wahrheit, die vielen Japanern nicht mehr ausreicht. Genau deshalb setzen sie jetzt auf Selbsthilfe. Auf der Website RDTN.org haben sie begonnen, mittels dem sogenannten Crowdsourcing die Strahlungswerte aus unterschiedlichen Regionen zusammenzutragen - immer mehr Menschen messen mit Geigerzählern in ihrer Umgebung die Strahlenbelastung und tragen sie in die Landkarte auf der Website ein. Die Zahl der privaten Messstationen wächst stetig, vor allem in der Krisenregion rund um das AKW von Fukushima.

Die WHO macht sich Sorgen

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) scheint sich offenbar mehr Sorgen um die japanische Bevölkerung zu machen als deren eigene Regierung. So hat sich die WHO besorgt über die radioaktive Strahlung in japanischen Nahrungsmitteln geäußert. "Es ist sehr viel ernster als zuvor angenommen", sagte ein Sprecher des WHO-Büros für die Region West-Pazifik in Manila, am Montag. In den ersten Tagen nach der Naturkatastrophe, die die Atomkraftanlage in Fukushima schwer beschädigte, hätten sie noch mit der Beschränkung des Problems auf einen Umkreis von bis zu 30 Kilometern gerechnet. "Aber höchstwahrscheinlich sind einige kontaminierte Produkte aus der verseuchten Region herausgekommen", sagte ein Sprecher weiter.

Sollte sich die Strahlenbelastung ausweiten und immer mehr Lebensmittel verseucht sein, könnte daraus ein Riesenproblem werden. Denn wegen der vielen zerstörten Zufahrtswege und den fast 500.000 Obdachlosen nach Tsunami und Erdbeben ist die Lieferung von Wasser und Lebensmitteln in der Region um den Unglücksreaktor von Fukushima ein schwieriges Unterfangen. Noch ist völlig unklar, wie das Problem gelöst werden soll.

Während Japans Ministerpräsident Naoto Kan auch am Montag weiter beschwichtigte und von einem "langsamen, aber stetigen Fortschritt" in der Atomkrise sprach, hat die britische Botschaft in Tokio begonnen zu handeln. Sie verteilt Jodtabletten an britische Staatsbürger in Japan. Das sei eine Vorsichtsmaßnahme, um einer möglichen Belastung durch radioaktives Jod aus dem havarierten Kernkraftwerk Fukushima 1 vorzubeugen, sagte eine Sprecherin des Außenministeriums in London. "Die Menschen sollten mit der Einnahme der Tabletten warten, bis sie dazu angewiesen werden." Rund 540 Briten hätten die Pillen bekommen.

Mit DPA und Reuters
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