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Ex-Staatsjagdgebiete: Wo die Staatsführung ihre Schießwut befriedigte

Nach dem Dienst hatte Staats- und Parteichef Erich Honecker meistens nur eines im Sinn: auf zur Jagd in die Schorfheide. 15 Jahre nach dem Mauerfall haben Touristen Besitz von den einstigen Staatsjagdgebieten ergriffen.

Kein Wachtposten mehr. Wer heute nach Drewitz in Mecklenburg kommt, findet ein offenes Tor vor. "Wir freuen uns über jeden Gast", sagt Hans-Holger Hagens. Der Kaufmann übernahm vor fünf Jahren das einst teuerste Staatsjagdobjekt der DDR und schuf eine "Jagd- und Naturparkresidenz". Naturfreunde und Jäger kommen aus allen Teilen Deutschlands hierher. 15 Jahre nach der Erstürmung der Jagdprivilegien von Staats- und Parteichef Erich Honecker, Stasi-Chef Erich Mielke und anderen haben Touristen Besitz von den einstigen Staatsjagden ergriffen.

Das riesige Waldgebiet um Drewitz hatte Mielke seinem "SED-Chef" zum 70. Geburtstag für Millionensummen herrichten lassen. Das Haupthaus steht heute noch. An Honecker selbst, der noch im Herbst 1989 den Wald für seine Jagd sperren ließ, erinnert nur noch sein Kutschwagen, mit dem der Staats- und Parteichef auf die Jagd fuhr. Sein Bootshaus am Drewitzer See ist ein Tagungszentrum. Anstelle der Häuser für die Stasi-Wachleute, die sich im Oktober 1989 wütenden Demonstranten gegenüber sahen, stehen schmucke Ferienhäuser.

Feudale Art der Jagd

Die Jagdprivilegien der SED-Oberen waren den Bürgerbewegungen 1989 ein besonderer Dorn im Auge. In großen Teilen führte die Parteiführung unter Walter Ulbricht und später Erich Honecker die feudale Art der Jagd vieler NS-Größen weiter. Insgesamt waren in der DDR rund 700 000 Hektar, etwa acht Prozent der Jagdfläche, für Partei- und Staatsmänner, die Nationale Volksarmee (NVA) und die Rote Armee reserviert. Das Gros der Staatsjagdgebiete lag in Mecklenburg-Vorpommern nahe der Müritz und in Brandenburg.

"Wir sind konsequent gegen Exklusivvermarktung", sagt Thomas Kelterborn, der als Forstamtsleiter für das Jagdgebiet Drewitz zuständig ist. Große Jagdgebiete im Stück an finanzkräftige Anbieter zu verkaufen, sei deshalb nicht geplant. In Drewitz gibt es inzwischen nicht mehr so viel Wild wie früher. Allein der Rotwildbestand ist auf ein Viertel - etwa 500 Tiere - zurückgegangen. "Die größten Hirsche gibt es hier nicht mehr", sagt Kelterborn. Trotzdem müsse noch mehr gejagt werden, der so genannte Verbiss an jungen Bäumen sei noch zu groß. Pro Jahr kommen etwa 400 Jagdgäste und 80 Einheimische zum Schuss. Zwischen 4000 und 7000 Euro muss ein Jäger für einen großen Hirsch hinlegen. "Wir konkurrieren mit dem Jagd-Weltmarkt", sagt Kelterborn. Die Preise in Polen und Tschechien etwa seien deutlich niedriger.

Jagdgast in den vorpommerschen Recknitzwiesen war einst auch Wladimir Putin, der heutige russische Präsident. Auf einem Foto im bisher einzigen Buch über die DDR-Staatsjagd vom Wage-Verlag Tessin bei Rostock ist Putin mit Fliegeroffizieren zu erkennen. Was er schoss, blieb unbekannt. Das Buch wurde ein Bestseller.

Touristenattraktion Hirschbrunft

An die frühere Staatsjagd erinnert heute auch im Müritz-Nationalpark nur noch wenig. Der Jagdsitz von DDR-Ministerpräsident Willi Stoph, der hier auf angefütterte und vor die Flinte getriebene Tiere schoss, wurde abgerissen. In Wolletz bei Angermünde, wo DDR-Stasi-Chef Erich Mielke regelmäßig jagte, wird jetzt eine Rehabilitationsklinik betrieben; ein Großteil der Schorfheide gehört zu einem Biosphärenreservat. Das einstige Diplomatenjagdgebiet der DDR in Born auf dem Darß ist Teil des Nationalparks "Vorpommersche Boddenlandschaft". Auch hierher zieht es jedes Jahr zahlreiche Touristen: Sie wollen die Hirschbrunft erleben.

Winfried Wagner/DPA / DPA