HOME

Welcome Dinner Berlin: Mein Abendessen mit syrischen Flüchtlingen

Viele Flüchtlinge wollen integriert werden und die deutsche Kultur besser kennenlernen. Und das geht nun mal am besten, wenn die Geflüchteten als Gast in ein deutsches Zuhause eingeladen werden. Ein Erfahrungsbericht über ein Abendessen, das gleichzeitig ein Willkommensessen war. 

Von Wiebke Wetschera

Die Brüder Mohammad, 16 Jahre alt, und Khaled, 28 Jahre alt, sind gemeinsam aus Syrien nach Deutschland geflohen.

Die Brüder Mohammad, 16 Jahre alt, und Khaled, 28 Jahre alt, sind gemeinsam aus Syrien nach Deutschland geflohen.

Es ist Freitagabend. Zu viert sitzen wir in meiner Wohnung in Berlin Friedrichshain. Der Tisch ist vollgestellt mit allerlei gekochten Speisen. Wir essen und unterhalten uns angeregt. Wie man das eben macht, mit seinen Gästen. Doch an diesem Abend sind es keine normalen Gäste. Es sind zwei syrische Flüchtlinge, die wir zum Essen eingeladen haben. Um sie in Berlin willkommen zu heißen.

Der 28-jährige Khaled und sein 16-jähriger Bruder Mohammad sind bei mir und meinem Freund zum Abendessen zu Gast. Grund dafür ist die Initiative" Welcome Dinner Berlin", die uns für diesen Abend die beiden syrischen Gäste vermittelt hat. Nachdem ich Khaled über WhatsApp kontaktiert hatte, waren die ersten Bedenken sofort verschwunden. Schon zu Beginn bedankt er sich mehrfach für die Einladung und beteuert, dass er sich auf den Abend sehr freue. Für mich ist ein Abendessen eigentlich keine große Sache. Aber für Khaled und Mohammad ist das etwas Besonderes. Sie freuen sich. Und wir uns auch.

Willkommen in Berlin

Das "Welcome Dinner Berlin" ist eine Initiative, die dabei helfen soll, dass sich Berliner und geflüchtete Neu-Berliner kennenlernen. Das Prinzip ist ganz einfach: Berliner laden die Flüchtlinge zu einem Abendessen bei sich Zuhause ein. Sie registrieren sich online und bekommen dann Flüchtlinge vermittelt, die möglichst in der Nähe wohnen und ungefähr das gleiche Alter haben. Durch die Geste eines gemeinsamen Essens im privaten Raum soll ein Kontakt auf Augenhöhe ermöglicht und Hemmschwellen überwunden werden. Das Konzept stammt ursprünglich aus Schweden und wird in Deutschland, neben Berlin, bereits in Städten wie Hamburg, Stuttgart und Jena durchgeführt.

Seit mittlerweile sechs Monaten sind Khaled und Mohammad nun in Deutschland. Sie haben ein Bleiberecht für drei Jahre. Derzeit gehen beide in Sprachschulen. Der 16-jährige Mohammad lernt Deutsch und Englisch. Khaled hingegen spricht bereits gut Englisch, lernt in seiner Schule aber Deutsch. Er ist gelernter Zahntechniker und hofft auf einen Job in Deutschland. Khaled erzählt was er heute in der Sprachschule gelernt hat: Die Uhr, deutsche Worte rund um das Thema Freizeit und irgendwas mit "auf" sagt er. Nach einigen Minuten Überlegung von uns allen kommt er endlich darauf: Einkaufen. Ja, das hätten sie heute gelernt.

Liebe Wiebke,lieber Kevin, lieber Khaled, lieber Mohammed, ihr steht heute für unsere Hoffnungen und für das, an was wir...

Posted by Welcome Dinner Berlin on Samstag, 14. November 2015

Die Flucht aus Syrien

Was natürlich nicht ausbleibt, ist das Thema Flucht. Wie sind die beiden nach Deutschland gekommen und wie war das für sie? Mir schwirren tausend Fragen durch den Kopf. Khaled beginnt zu erzählen. 18 Tage seien die beiden Brüder unterwegs gewesen. Einmal schliefen sie in einer Flüchtlingsunterkunft mit nur sechs Zimmern - mit 300 weiteren Menschen. Teilweise seien sie sieben bis zehn Stunden am Tag gelaufen. Ohne in der Nacht davor wirklich ein Auge zu bekommen zu haben. Man kann nur erahnen, wie das für die Brüder gewesen sein muss. Und natürlich macht sich ein mulmiges Gefühl breit, als die beiden von ihrer Flucht erzählen. Doch sie geben uns nicht das Gefühl, wir dürften nicht danach fragen. Im Gegenteil.

Da sie bereits vor einem halben Jahr den Weg nach Europa auf sich nahmen, hätte es nur wenige Helfer gegeben, die sie auf dem Weg versorgen konnten, erklärt Khaled. Bei ihrer Flucht sei es demnach noch schwieriger gewesen. Sie reisten zwar mit einem Rucksack, den mussten sie aber an der mazedonischen Grenze hinter sich lassen. Die beiden durften nur eine kleine Tasche und das Handy mitnehmen. Mit dem Boot ging es von der Türkei aus nach Griechenland und dann über die Balkan-Route bis nach München. Da waren sie zehn Stunden, dann sind sie nach Berlin gekommen.

Mohammad wohnt derzeit in einem Hostel in Lichtenberg, sein älterer Bruder wohnt in einem Wohnheim für Flüchtlinge. Dort hat er allerdings nicht einmal eine Küche, sodass er keine Möglichkeit besitzt, für sich selbst zu kochen. Die beiden wollen gerne eine gemeinsame Wohnung in Berlin finden. Aber es sei sehr schwer, meint Khaled. Allgemein sei es schwer, in Deutschland Anschluss zu finden, beklagen die beiden. Auch wenn die Berliner sehr offen und freundlich seien.

Es gibt viel zu lernen

Vor Beginn des Dinners hatten wir, als Gastgeber, die englischen Namen aller Speisen auf kleine Zettel geschrieben, sodass die Gäste auch wissen, um was es sich handelt. Er freue sich auf deutsches Essen, hatte Khaled mir vorab geschrieben. Als Vorspeise gab es selbstgemachte Dips mit Ciabatta und Gemüse-Sticks. Als Hauptspeise haben wir an diesem Abend Spätzle vorbereitet, einmal mit einer Pilzrahmsoße, einmal mit einer Tomatensoße. Als Nachtisch gab es dann Kaiserschmarrn. Mohammad nimmt die Zettel mit den Namen der Speisen am Ende des Abends mit. "Als Erinnerung", sagt er. Und er will sie seiner Lehrerin in der Schule zeigen.

Khaled fragt den ganzen Abend nach deutschen Eigenheiten, die er wissen sollte, um hier leben zu können. Ich erkläre ihm, dass es unhöflich sei, Frauen nach ihrem Gewicht zu fragen. Er sagt, dass er das bereits erlebt habe. In einem Gespräch mit einer deutschen Freundin, in dem sie über alles Mögliche geredet hätten, fragte er sie nach ihrem Gewicht. Sie erklärte ihm, dass er das nicht fragen könne. Er verstand es nicht so richtig. Dann versuche ich ihm das "Du" und "Sie" auf Englisch zu erklären, was sich äußerst schwierig gestaltet. Er wolle noch mehr über die Deutschen lernen, sagt Khaled. Wenn mir weitere Eigenarten einfallen sollten, dann sollte ich sie ihm bitte mitteilen. Manchmal sprechen wir ein paar deutsche Worte mit Mohammad, der sich schon relativ gut verständigen kann, dann versteht Khaled nur Bahnhof und lacht.

Sie wirken glücklich, wie sie da so an unserem Tisch sitzen, sich das Essen schmecken lassen und immer wieder Geschichten erzählen. Wir lachen viel an diesem Abend. Googlen die Bedeutung unserer Namen, reden über uns, über sie, über alles. Als würden wir uns schon ewig kennen. Und immer wieder bedanken die beiden sich für das Essen. Das Welcome Dinner hilft uns als Gastgebern, den einzelnen Menschen kennenzulernen und keine anonyme Masse mehr vor Augen zu haben. Als ich die Tür hinter den beiden schließe, bin ich überglücklich. Denn ich weiß, dass ich den beiden mit nur einem Abendessen ganz viel geschenkt habe. Und ich bin glücklich, weil sie mir ebenso viel gegeben haben.