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Gedenken an Christa Wolf: Günter Grass fordert Entschuldigung

"Verleumdung, verfälschte Zitate und versuchter Rufmord": Schriftsteller Günter Grass hat auf der Trauerfeier für Christa Wolf in Berlin klare Worte an die früheren Kritiker der Autorin gerichtet.

Es war eine leidenschaftliche Rede, in der der Literaturnobelpreisträger Günter Grass mit der Nachwende-Berichterstattung um Christa Wolf abrechnete: Bei der Gedenkfeier für die Verstorbene hat der Schriftsteller eine Entschuldigung von ihren westdeutschen Kritikern gefordert. Grass warf führenden deutschen Zeitungen vor, nach dem Fall der Mauer eine "öffentliche Hinrichtung" an der Autorin zelebriert zu haben.

Im Streit um ihr damals erschienenes Buch "Was bleibt" sei sie mit "Verleumdung, verfälschten Zitaten und immer wieder versuchtem Rufmord" konfrontiert gewesen, sagte Grass vor hunderten Gästen in der voll besetzten Akademie der Künste. Journalisten hatten der Schriftstellerin damals vorgeworfen, sie sei zu "feige" gewesen, ihr schon 1979 entstandenes Buch zu DDR-Zeiten zu veröffentlichen. Es setzte sich mit ihrer Beobachtung durch die Stasi auseinander. Die Veröffentlichung des Romans hätte für Wolf aufgrund der DDR-Zensur eine Ausbürgerung bedeutet. Sie entschied sich, zu bleiben und in ihrer Literatur einen Kompromiss zu finden.

Im Mittelpunkt der Anklage an Wolf zur Wendezeit stand die Moral der DDR-Kunst insgesamt. Dazu gehörte die Frage, ob Autoren in dem Staat hätten bleiben dürfen, oder ob sie die Ausweisung – wie einst der Liedermacher Wolf Biermann - in Kauf hätten nehmen sollen. Grass kritisiert in seiner Rede die damals von der Presse aufgeworfenen Diskussionslinien: "Besonders hat der auf ihr literarisches Werk und auf das vieler Autoren der Nachkriegsliteratur gemünzte Begriff 'Gesinnungsästhetik' bis heutzutage alle jene Kleingeister beflügelt, die die Literatur und deren Produzenten in eine Immobilie namens Elfenbeinturm sperren wollen." Die Erwartung, die Wortführer von damals könnten sich entschuldigen, sei bis heute vergeblich. Ihnen fehle "jener Mut zum Selbstzweifel, den Christa Wolf lebenslang im Übermaß bewiesen hat".

liri/DPA / DPA