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Interview

#CoronaElternRechnenAb: Rechnung für die Betreuung des Kindes: "Es geht vieles in die falsche Richtung"

Unter dem Hashtag #CoronaElternRechnenAb haben Eltern auf Twitter "Rechnungen" geteilt, die zeigen, wie viel die Betreuung der eigenen Kinder kostet – finanziell und zeitlich. Die Schriftstellerin und Mutter Simone Buchholz erklärt, warum sie eine solche Rechnung geteilt hat und was aus ihrer Sicht falsch läuft.

Viele Eltern betreuen in Zeiten von Corona ihre Kinder zu Hause, neben dem Beruf. Schriftstellerin Simone Buchholz: "Es geht vieles in die falsche Richtung."

Viele Eltern betreuen in Zeiten von Corona ihre Kinder zu Hause, neben dem Beruf. Schriftstellerin Simone Buchholz: "Es geht vieles in die falsche Richtung."

DPA

Die Coronakrise verlangt einem vieles ab. Zum Beispiel dem Gesundheitspersonal. Aber auch viele Eltern haben es in dieser Corona-Zeit nicht leicht. Neben dem Job – der dann oft im Homeoffice erledigt wird – fällt dann noch die Betreuung der Kinder an: bei den Hausaufgaben helfen und diese kontrollieren oder Mittagessen kochen, um nur zwei Dinge zu nennen. Manche Eltern können Job und Kind in diesen Zeiten gar nicht unter einen Hut bringen und können ihrer Arbeit nicht nachgehen.

Drei Initiatorinnen haben daher unter dem Hashtag #CoronaElternRechnenAb eine "Rechnung" an die Politik gestellt, in der eine Erstattung der Betreuungsleistungen zu Hause gefordert wird. Summen von mehr als 8000 Euro werden dort genannt. 

Schriftstellerin Buchholz: "Eltern sind ziemlich allein gelassen worden"

Unter dem Hashtag finden sich bei Twitter viele Reaktionen, nicht wenige davon kritisch. Ein User schreibt etwa: "Ich schreibe übrigens keine Rechnung für meine Arbeit zu Hause mit Kindern, Schulaufgaben und Haushalt. Ich glaube, wenn man Kinder bekommt, gehört es zum Lebensrisiko, dass man sich um sie kümmern muss." Eine andere Userin aber schreibt: "ich lese sprachlos den #CoronaElternRechnenAb Hashtag durch...mir war nicht klar, dass Care-Arbeit noch immer so unsichtbar ist."

Auch die Schriftstellerin Simone Buchholz hat die "Rechnung" bei Twitter geteilt.

Mit dem stern spricht sie über ihre Beweggründe und was sie für das Problem in der Gesellschaft und Politik hält, wenn es um die Betreuung von Kindern geht.

Frau Buchholz, wie ist die Situation aktuell bei Ihnen zu Hause?

Ich bin nicht alleinerziehend, also schon mal in einer luxuriösen Lage, im Vergleich zu vielen anderen. Ich habe einen Partner, der auch viel übernehmen kann. Ab morgens, so bis zum frühen Nachmittag, helfe ich meinem 11-jährigen Sohn bei Schularbeiten. Wenn das alles durch ist, ist er natürlich auch noch viel hier. Er kann zwar inzwischen auch mal einen Freund treffen, aber anfangs haben wir ihn viel zu Hause gelassen. Als freischaffende Schriftstellerin habe ich so nur wenig Zeit zum Arbeiten, zwei bis drei Stunden etwa, meistens am Abend. Das reicht nicht aus, um ein Buch zu schreiben. Ich weiß daher nicht, wie es mit meiner beruflichen Existenz aussieht in den nächsten Jahren.

Viele Bereiche öffnen oder durften öffnen. Bei Schule und Kita ist man da zögerlicher. Wie finden Sie das?

Es geht ja nicht nur um Kitas und Schulen, sondern um eine komplette Infrastruktur, die Müttern weggebrochen ist. Also etwa Großeltern oder Sportvereine. Epidemiologisch gesehen kann man wahrscheinlich die Kinderbetreuung nicht sofort wieder aufmachen. Aber in einem Land wie Dänemark, in dem viele Mütter Vollzeit arbeiten, war es total klar, was dringlich ist. Nämlich, dass die Kinderbetreuung zuerst an den Start muss und dass es dafür Konzepte braucht, wie man das schaffen kann. Bei uns gab es zuerst einen Auto-Gipfel und dann ein Konzept für die Bundesliga. Es geht vieles in die falsche Richtung. Das ist für mich ein Signal, das jungen Frauen sagt: Bekommt keine Kinder, denn wenn es hart auf hart kommt, seid ihr die gekniffenen.

Sie haben bei Twitter eine Rechnung für Betreuungsleistungen an Hamburgs Schulsenator Ties Rabe geschickt – unter dem Hashtag #CoronaElternRechnenAb. Warum?

Es geht überhaupt nicht darum, dass ich denke, dass mir der Senat Geld schuldet. Es geht darum, dass Eltern ziemlich allein gelassen worden sind. Aber auch Schulen, Erzieherinnen und Erzieher oder Lehrerinnen und Lehrer. Niemand kann den ganzen Tag Kinder betreuen und gleichzeitig in Vollzeit noch einen weiteren Job erledigen. Wir wollten uns Gehör verschaffen und zeigen, was das für eine unglaubliche Belastung ist, und dass es Frauen in dieser Situation nicht mehr möglich ist, erwerbstätig zu sein. Es gab mal einen Deal in Deutschland: Wenn Frauen Kinder bekommen, kümmert sich der Staat um Betreuung, damit Mütter ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit behalten können. In der aktuellen Krise scheint dies – und damit die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen – aber hintenüber zu fallen. 

Auf Twitter gibt es viel Kritik an #CoronaElternRechnenAb. Manche sagen, dass Kinderbetreuung nun mal dazugehöre oder dass man erst gar keine Kinder bekommen solle, wenn man Geld für die Betreuung seiner eigenen Kinder haben will. Was antworten Sie den Kritikern?

Es kam ja aus zwei Ecken. Die Schüsse kamen zum einen aus der Richtung der Frauen. Manche haben gesagt, dass sie gerne ihre Kinder betreuen und das Kinder und Betreuung eine Privatsache sind. Das sehe ich nicht so, denn als wir ein Kind bekommen haben, gab es einen gesellschaftlichen Konsens darüber, wie das mit der Kinderbetreuung funktionieren soll. Es gab auf der anderen Seite auch viel Hass aus der rechten Ecke – viele finden wohl, dass man sich als Frau nur um sein Kind zu kümmern und ansonsten den Mund zu halten habe. Es gab auch Euthanasie-Empfehlungen an mich und mein Kind. Dazu sage ich nur: "Go f*ck yourself."

Es geht aber natürlich um eine größere Frage, nämlich: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Wollen wir in einer gerechten Gesellschaft leben? Was ist mit Alleinerziehenden? Was ist mit Eltern, die hilflos vor Sprachbarrieren stehen? Viele sind abgehängt. Aber es muss es Chancengleichheit geben im Bildungssystem. 

Die Bundesregierung will die Lohnfortzahlung für Eltern, die in der Coronakrise wegen geschlossener Kitas oder Schulen nicht arbeiten können, wohl doch nicht verlängern. Es werde aber eine "Anschlussregelung" angestrebt. Was halten Sie von diesem Schritt?

Da ich freischaffende Schriftstellerin bin, greift das für mich nicht. Wenn ich aber fest angestellt wäre und mein Kind betreuen müsste, würde das bedeuten, dass ich in der Arbeitswelt nicht mehr präsent bin und vielleicht nach drei Monaten wieder arbeiten kann. Weil die Krise und damit auch Kitas und Schulen ohne Regelbetrieb aber noch lange bleiben werden, heißt das, dass viele Mütter auch noch viel länger zu Hause bleiben müssen. Das ist dann fast wie ein Baby-Jahr oder Elternzeit. Da wieder rauszukommen, ist schwer. Außerdem gehen Arbeitsplätze verloren durch diese Krise, was es Frauen noch weiter erschweren wird. Das bedeutet dann auch, dass Frauen weniger Rente bekommen – es hat also langfristige Auswirkungen für die Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit von Frauen.

Um auf die Rechnung an den Schulsenator zurückzukommen: Es geht nicht um Geld, sondern um die Frage: Wer ist was wert? Und wollen wir eine gerechte Gesellschaft? Das gilt für Frauen, junge Mütter und junge Frauen besonders. Frauen sollen ja Kinder bekommen, um zum Beispiel auch das Rentensystem am Leben zu erhalten, von dem sie aber üblicherweise sehr viel weniger haben als Männer. Da ist eine große Ungerechtigkeit.

Wie sollte es denn Ihrer Meinung nach weiter gehen oder was muss sich ändern?

Ich bin nicht dafür zuständig, mir darüber Gedanken zu machen. Dafür werden Ministerinnen und Minister wie Hubertus Heil, Franziska Giffey, Anja Karliczek oder Ties Rabe bezahlt. Ich springe jeden Tag 16 Stunden im Viereck, das ist jetzt echt nicht auch noch mein Job.

Interview: Rune Weichert