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Argentinien: Der Friseur mit dem sozialem Gewissen

Wie lebt es sich eigentlich in Argentinien? Mit all der Inflation, der Arbeitslosigkeit, den hohen Mieten? Juan Curti lebt in Buenos Aires, ist Friseur - ein ganz normaler Argentinier. Wie so vielen nervt ihn die Ineffizienz des Staates. Doch Curti tut etwas dagegen - auf seine ganz persönliche Art.

Von Karen Naundorf

Zwölf Pesos, rund 2,40 Euro, kostet ein Herrenhaarschnitt bei Juan Curti, 8 Pesos für Rentner. "Viel zu billig, du musst die Preise anheben", sagt seine Frau immer wieder. "Meine Kunden verdienen nicht genug", entgegnet Curti dann. "Du weißt doch, die Preise steigen, aber die Löhne nicht. Wenn ich mehr verlange, kommt keiner mehr!"

Dass die Löhne in Argentinien mickrig sind, sieht Curti an einem Beispiel im eigenen Haus: Tochter Cecilia, 23, arbeitete bis vor kurzem als Verwaltungsangestellte in einer Fabrik, Vollzeit für 1400 Pesos im Monat. "Davon kann man kaum leben", sagt Curti, das weiße Hemd ist perfekt gebügelt, in der Brustasche steckt ein Kamm. Er sitzt auf dem alten Barbiersessel, auf dem sonst seine Kunden Platz nehmen.

Eine eigene Wohnung ist zu teuer

Ganz Argentinien beklagt sich über die Inflation: Kartoffeln sind innerhalb der letzten zehn Monate um die Hälfte teurer geworden, Weizenmehl und Nudeln um über 116 Prozent, Mandarinen 171,7. "Früher haben wir oft mit Freunden gegrillt, heute laden wir kaum noch Leute ein", sagt Curti. Eine 2-Zimmer-Wohnung im Viertel kostet inzwischen mindestens 900 Pesos, "das kann sich doch keiner leisten!" Es ist ganz sicher nicht die teuerste Gegend der Stadt: Lanus ist eins dieser endlosen barrios im Großraum Buenos Aires, in dem über 12 Millionen Menschen wohnen. "Viele der jungen Leute heiraten nicht, weil sie es sich nicht leisten können, bei den Eltern auszuziehen. Und einige Nachbarskinder sind nach der Wirtschaftskrise 2001 lieber gleich nach Spanien ausgewandert, weil sie hier keine Zukunft für sich sahen."

Wenn die Leute wenig Geld haben, kaufen sie nur noch das Nötigste. Und überlegen zweimal, ob sie wirklich einen neuen Haarschnitt brauchen. Curti hat deshalb Strategien zum Kundenfang entwickelt. In einem Regal im hinteren Teil des Raumes stapeln sich die Umhänge, die er den Kunden beim Haareschneiden über die Kleider streift. Sie sind Curtis Schmankerl für Fußballfans: Jeder Kunde kann den Umhang in den Farben seines Lieblingsclubs auswählen. "Boca, San Lorenzo, Independiente, habe ich alles da." Kinder können in der Wartezeit mit der Playstation spielen. Und wenn die Haare geschnitten sind, dürfen sie an einem Glücksrad drehen und können kleine Spielzeuge gewinnen.

Die Tür zum Salon stehe immer offen

Curtis Friseursalon fällt sofort ins Auge, wenn man die Straße entlang läuft: Das Geschäft hat das einzige Fenster in der ganzen Häuserzeile, das nicht vergittert ist. Vor allen anderen Fenstern und auch vielen Türen sind Metallstreben angebracht. "Auch ich bin schon ein paar Mal überfallen worden", sagt Curti, der seit 25 Jahren den Friseurladen in Lanus betreibt, "aber ich will nicht zum Gefangenen in meinem eigenen Haus werden. Die Tür zum Salon stehe immer offen. Nur wenn meine Töchter Zuhause sind, schließe ich ab, die Verantwortung für einen Überfall will ich nicht übernehmen, wenn die Mädchen da sind." Die Auslöser für die Unsicherheit im Land seien die hohe Arbeitslosigkeit, die Armut, der Hunger. "Die Leute wissen sich einfach nicht mehr zu helfen", sagt Curti. "Wir leben in einem Land, in dem es eine Gesellschaftsschicht gibt, die immer schon Macht und Geld hatte. Und die sich gegen eine Umverteilung des Reichtums wehrt. Die Armenviertel werden immer größer."

Wo der Staat schläft, versucht Curti einzuspringen: "Ich schaue, was wichtig ist und bereite Infozettel für meine Kunden vor." Das Themenspektrum ist beachtlich: Curti hat einen ganzen Ordner mit Kopiervorlagen. Auf einem der Zettel fordert er seine Kunden dazu auf, zur Prostata-Vorsorgeuntersuchung zu gehen, "einem habe ich damit schon eine schwierige Operation erspart, er ist gerade rechtzeitig zum Arzt gegangen", sagt er. Auf einem anderen Zettel erklärt er, wie man Gemüse und Gartenkräuter anpflanzt: "Den habe ich zum ersten Mal 2001 während der Wirtschaftskrise gedruckt, damals hatten wir einfach nichts mehr zu essen".

Bildungsmöglichkeiten für Jugendliche fehlen

Das größte Problem überhaupt sei, dass die Bildungsmöglichkeiten für Jugendliche fehlen und das Schulsystem am Ende sei, sagt Curti. "Was soll aus den ganzen chicos werden?" Deshalb hat er mit Freunden eine kleine Bibliothek gegründet und verteilt Handzettel an seine Kunden. Darauf stehen Tipps, wie sie ihre Kinder zum Lesen bringen.

Ganz ohne Hintergedanken sind Curtis Info-Maßnahmen allerdings nicht: "Sie sind natürlich Werbung für mich", sagt er. "Ich habe zwei Ziele", schreibt er auf dem Info-Zettel zum Thema Prostata-Vorsorgeuntersuchung: "Meinen Nachbarn zu helfen, damit sie verstehen, wie wichtig dieses Thema ist. Und dass meine Kunden 100 oder mehr Jahre alt werden." Auf dem Infozettel mit der Anleitung zum Gärtnern steht: "Vergessen Sie nicht, gut frisiert zu sein, damit die Mutter Erde Ihnen wohl gesonnen ist. Dafür brauchen Sie einen guten Haarschnitt!"