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50 Jahre Kuba-Revolution: Ein Volk mit einem Bein im Knast

Kuba ein Paradies für Touristen, für die Kubaner vor allem ein Selbstbedienungsladen: Jeder zweigt irgendwo irgendwas ab. Im Jahr 50 nach der Revolution hat sich in der Karibik eine Parallelwirtschaft entwickelt, unter der nun auch die wenigen Errungenschaften des Systems Castro zu leiden beginnen.

Von Toni Keppeler und Cecibel Romero, Havanna

Touristen, zumal wenn sie einen Pauschalurlaub gebucht haben, sehen von Havanna meist nur die Altstadt. Ein Weltkulturerbe der Unesco, herausgeputzt mit der Hilfe internationalen Geldes. Die Kathedrale, die Plaza de Armas, enge mittelalterliche Gassen mit Läden, in denen teure internationale Marken gegen die so genannten konvertiblen Pesos verkauft werden. Diese Währung ist mit harten Devisen gedeckt. Die Einheimischen verdienen kubanische Pesos. Um einen konvertiblen Peso einzutauschen, müssen sie 24 kubanische hinblättern. Der Monatslohn eines Arbeiters ist dann nicht einmal 15 konvertible Pesos wert, rund 13 Euro. Das reicht in einer der Touristen-Bars in der Altstadt gerade für drei Cocktails.

Zum Programm der Touristen gehört vielleicht noch ein Spaziergang über den Malecón, der Uferstraße entlang der Küste. Auf der einen Seite das karibische Meer, auf der anderen vor einer Arkaden-Front eine vierspurige Straße, auf der fast jedes zweite Auto ein Oldtimer aus vorrevolutionären Zeiten ist. Ein Liter Benzin kostet einen Euro. Man fragt sich, wie die Kubaner diesen Sprit schluckenden Straßenkreuzer aus grauer Vorzeit am Laufen halten.

Um das zu ergründen, muss man vom Malecón nur eine oder zwei Querstraßen ins Zentrum von Havanna gehen. Dorthin, wo die meisten Häuser seit dem Beginn der Revolution vor 50 Jahren dem Verfall preisgegeben werden. Wo jede Woche ein Gebäude einstürzt und doch alle völlig überbelegt sind. Die meisten sind alte Herrenhäuser mit einst großzügig geplanten Etagenwohnungen mit hohen Räumen. Was früher einmal eine Fünf-Zimmer-Wohnung war, beherbergt heute sieben Familien: Jedes Zimmer eine Familien-Wohnung, auch die ehemalige Küche und das Bad.

"Hier stehlen alle"

Pedro wohnt dort mit seiner Familie in einer ehemaligen Küche. Er will nicht, dass man seinen richtigen Namen nennt und es wird schnell klar, warum. Er hat sein Zimmer mit einer Zwischenwand zum Mini-Appartement ausgebaut: Hinter der Tür ein winziges schlauchartiges Wohnzimmer, im Schlafbereich daneben hat er eine Zwischendecke aus Holzbohlen eingezogen. Oben hat gerade das Ehebett Platz, unten schläft die Tochter mit ihrem Baby. Für den Schwiegersohn ist kein Platz mehr. Der wohnt unter ähnlichen Bedingungen bei seinen Eltern.

Der Umbau der Wohnung war illegal. Man braucht eine Genehmigung, aber die bekommt man nicht. Auch Baumaterial ist nur auf dem Schwarzmarkt zu bekommen - gegen konvertible Pesos. In aller Regel wurde es vom Verkäufer aus irgendeinem staatlichen Lager abgezweigt. "Ist das Dienstahl?" fragt Pedro. "Wir leben im Sozialismus. Alles gehört dem Volk." Er zuckt mit den Schultern. "Hier stehlen alle, von der Putzfrau bis hinauf zum Chef."

Pedro ist 57 Jahre alt und arbeitet im Lager eines Krankenhauses. Er verdient 300 kubanische Pesos im Monat, rund 11 Euro. "So ein Job ist schon fast privilegiert", sagt er. "Natürlich nicht wegen des Lohnes, den kannst du vergessen." Aber Pedro zweigt Lebensmittel ab. "Ich kann wirklich behaupten, dass ich meine Familie ernähre." Wie alle Kubaner bekommt er den Grundbedarf für wenige Cent in den so genannten Bodegas. Aber nur theoretisch: die subventionierte Ware ist rationiert. Jede Familie hat ein kleines Bezugsheft, in dem alle Einkäufe registriert werden. Die Rationen sind so knapp, dass sie nicht einmal für die Hälfte des Bedarfs genügen. Die andere Hälfte klaut Pedro im Krankenhaus. Eine Sparmaßnahme. Auf den Bauernmärkten, die die staatlichen Läden ergänzen, kostet alles gleich zwanzig Mal so viel.

Schwarzmarkt und krumme Geschäfte

Nun arbeitet nicht jeder in einem Vorratslager für Lebensmittel. Aber fast jeder kann irgendwo etwas mitgehen lassen. Der Verkäufer einer Apotheke klaut Medikamente. Die werden eigentlich gratis abgegeben. Aber was tun, wenn es sie in der Apotheke nicht gibt? Man kann sie direkt vor der Ladentür auf dem Schwarzmarkt kaufen, nur gegen konvertible Pesos. Das zwingt die Käufer, selbst irgendwelche krummen Geschäfte zu machen, um an die harte Währung zu kommen. Ein absurdes System, das sich längst als Parallelwirtschaft verselbständigt hat und das die sozialistische Verteilwirtschaft ausbluten lässt. Alle tun irgendetwas Verbotenes und deshalb haben auch alle Angst und keiner traut dem anderen. Denn es gibt noch immer die so genannten "Komitees zur Verteidigung der Revolution": Freiwillige, die für den Staat ihre Nachbarschaft ausspionieren. "Man muss vorsichtig sein und darf nicht übertreiben", sagt Pedro. "Wir stehen alle mit einem Bein im Gefängnis."

Selbst das Gesundheits- und Bildungssystem, die beiden großen Errungenschaften der Revolution, leiden unter der Schattenwirtschaft. Tausende von Ärzten und Lehrern haben ihre Jobs aufgegeben. Sie arbeiten lieber als Liftboy oder Parkplatzwächter. Das Trinkgeld, das sie von Touristen in konvertiblen Pesos erhalten, kann an einem Tag mehr sein als ein ganzes Monatsgehalt. Der Staat sah sich deshalb gezwungen, Lehrer in Schnellkursen auszubilden. In den Krankenhäusern operieren junge Mediziner, die noch mitten in der Facharzt-Ausbildung stecken.

Raúl hebt absurde Regeln aus

Seit der todkranke Fidel Castro vor zweieinhalb Jahren seinem kleinen Bruder Raúl die Macht übertragen hat, versucht der, die beiden Wirtschaftssysteme langsam zusammen zu führen. Er hat ein paar der absurdesten Regeln der sozialistischen Planwirtschaft aufgehoben. So dürfen Bauern nun nach Bedarf Saatgut kaufen und müssen nicht auf staatliche Zuteilungen warten. Wer es sich leisten kann, kann sich neuerdings ganz legal ein Handy oder einen Computer kaufen und in Hotels gehen, die vorher Touristen vorbehalten waren. Ganz offen spricht Raúl Castro über Korruption und selbst die Staatspresse, die vorher nur Erfolgsmeldungen brachte, veröffentlicht Reportagen über Misswirtschaft, Schlendrian und illegale Geschäfte. Aber ob es dem neuen Staatschef gelingt, den kubanischen Sozialismus mit Effizienz und einem akzeptablen Lebensstandard auszustatten, das ist am 50. Jahrestag der Revolution überhaupt noch nicht abzusehen.

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