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Raul Castro: Kubas neue Freiheitchen

Raul Castro hebt "einfachste Verbote" auf. Kubaner dürfen jetzt DVD-Spieler kaufen und Handys. Bauern ihr Saatgut, wenn sie es brauchen. Auch darf jeder nun in jedem Hotel des Landes übernachten. Nur leider kann sich kaum einer diese kleinen Freiheiten leisten.

Von Toni Keppeler

Das also ist die Freiheit, die Raul Castro versprochen hat. Der kleine, immerhin auch schon 76-jährige Bruder des schwer kranken Fidel, 81, war am 24. Februar als dessen Ersatz zum Vorsitzenden des Staats- und Ministerrats gewählt worden und hatte gleich in seiner ersten Rede angekündigt, er wolle die "einfachsten Verbote" für seine Untertanen Schritt für Schritt aufheben. Seither dürfen Kubaner so unglaubliche Dinge tun wie Computer, DVD-Spieler und Handys kaufen. Bauern müssen nicht mehr auf staatliche Zuweisungen warten, sondern können sich Saatgut und Dünger einfach so in einem entsprechenden Laden besorgen. Und neuerdings dürfen Einheimische also auch in Hotels übernachten. Vorausgesetzt, dass sie das Geld dazu haben. Hartes Geld. Das heißt in Kuba CUC: so genannte konvertible Pesos, die durch Devisen gedeckt sind und deshalb in Dollar oder Euro gewechselt werden können. Solche Pesos sind beliebt, aber selten.

Die allermeisten Kubaner aber werden nicht in CUC, sondern in CUP bezahlt: in kubanischen Pesos, und die sind weder hart noch konvertibel. Um die 25 weiche Pesos muss man derzeit hinblättern, um einen harten Peso zu bekommen. Da schmilzt ein Monatslohn von 400 oder 600 kubanischen Pesos schnell zusammen, und am Ende bleibt weniger übrig als der Gegenwert von 20 Euro. Kubaner müssen also sehr lange sparen, um einen Computer oder DVD-Spieler kaufen zu können. Es sei denn, sie haben Verwandte, die sich ins kapitalistische Ausland abgesetzt haben und die Zurückgebliebenen mit harter Währung versorgen. Im Sprachgebrauch überzeugter Fidelisten nannte man solche Kommunismus-Flüchtlinge abschätzig "gusanos": Würmer. Doch Fidel wurde seit bald zwei Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen, und vom kleinen Bruder hat man dieses Unwort noch nicht gehört. Ist auch das ein Zeichen vorsichtiger Öffnung?

Vom Parteisoldaten zum Liberalisierer

Eigentlich hatte man von Raul Castro alles andere als Flexibilität erwartet. Er galt als nicht eben intelligenter Kommisskopf und war schon kommunistischer Parteisoldat, als Fidel noch bürgerlich-demokratischen Idealen anhing und davon träumte, Abgeordneter in einem pluralistischen Parlament zu werden. Man sagte ihm nach, er sei vom chinesischen Modell fasziniert, das wilden Kapitalismus mit der harten Knute der Einparteienherrschaft kombiniert. Das war wohl eine Fehleinschätzung. Castro der Jüngere lockert nicht nur die Regeln des Konsums, er lässt auch Kritik zu. Die vorher sterbenslangweilige und absolut linientreue Parteipresse druckt immer öfter Reportagen über Missstände und ineffiziente Bürokraten und veröffentlicht neuerdings sogar kritische Leserbriefe. Von so etwas trauen sich die Chinesen nicht einmal zu träumen.

Auch die Kubaner träumten schon viel zu lange nicht mehr. Zuletzt ging es ihnen einigermaßen gut, als ihre Insel noch ein Satellit der Sowjetunion war. Sie lieferten teuren Zucker in den Ostblock und bekamen im Gegenzug billiges Öl und Maschinen und sogar ein paar Konsumgüter. Doch als die Sowjetunion implodierte, brach auch Kuba fast zusammen. Über Nacht waren drei Viertel des Auslandsmarktes der Insel verschwunden, die Wirtschaft schrumpfte um ein Drittel. Es herrschte Mangel an allen Ecken und Enden und die Regierung erfand immer neue Verbote. Das Land brauchte über zehn Jahre, um sich von diesem Schock zu erholen. Gerettet wurde es letztlich von Venezuelas Präsident Hugo Chávez. Der liefert heute das billige Öl und nimmt als Bezahlung nicht Zucker, sondern die Dienste der reichlich vorhandenen gut ausgebildeten Ärzte und Lehrer. Und so geht es den Kubanern endlich wieder verhältnismäßig gut.

Nur kleine, ganz vorsichtige Reformschritte

Raul Castro nutzt die Gunst der der Stunde und legt seinen Untertanen zum Schwarzbrot auch ein paar Computer-Spiele ins Schaufenster. Man darf sich nichts vormachen: Seine kleinen Reformschritte sind politisch noch längst keine Abkehr vom Einparteiensystem und wirtschaftlich weit, weit weg vom Privatkapitalismus. Der neue Staatschef hat nur ganz vorsichtig ein Ventil geöffnet, um Druck abzulassen. Die Kubaner sollen sich weniger gedeckelt fühlen und ein bisschen Freiheit spüren. Aber mehr als gefühlte Freiheit ist das nicht. Ein Hotel, in dem jeder theoretisch übernachten darf, es sich praktisch aber keiner leisten kann, ist nicht viel mehr als eine Illusion.

Nur einer Bevölkerungsgruppe erleichtert die neueste Reform tatsächlich das Leben: den jungen Frauen, die in Havanna "jineteras" genannt werden. Übersetzt heißt das in etwa "Reiterinnen" und meint jene kubaspezifischen Prostituierten, die nicht schnellen Sex gegen Geld verkaufen, sondern ihren ausländischen Kunden einen ganzen Urlaub lang Begleiterinnen sind. Für ihre Dienste verlangen sie meist keine Devisen, sondern Einladungen und großzügige Geschenke. Computer zum Beispiel, oder DVD-Spieler und Handys. Ausländer durften das in Kuba schon immer kaufen. Jineteras hatten nur noch ein Problem: Irgendwann spät am Abend ging ihr Lover zurück ins Hotel - und sie durften nicht mit aufs Zimmer. Das ist jetzt vorbei. Ob Raul Castro bei seiner jüngsten Reform auch an sie gedacht hat?

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