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"Wir und Corona": "Wir werden höhere Preise sehen" – ist die Zeit der Billigreisen durch die Coronakrise vorbei?

Was machen Sie im Sommerurlaub? Geht es an den Baggersee oder doch ins Ausland? Hier spricht der Tourismusexperte Roland Conrady über Risiken, Stornos – und Preise.

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Diese Woche hat die Bundesregierung angekündigt, die pauschalen Reisewarnungen für 29 europäische Länder Mitte Juni aufzuheben. Weitere, etwa Spanien, sollen bald folgen. Unklar ist noch, was mit beliebten Reisezielen der Deutschen wie der Türkei, Tunesien, aber auch Ägypten geschehen soll. Viel hängt natürlich vom "Infektionsgeschehen" ab, aber so langsam kann es theoretisch wieder losgehen mit dem Reisen, sogar ins Ausland, zumindest in Europa.

Aber wie heißt das alles denn konkret? Wie sinnvoll ist es, dass Reiseanbieter bei Stornos jetzt von der Bundesregierung abgesicherte Gutscheine anbieten können statt einer Rückerstattung? Wie fahren die Anbieter Ihre Angebote jetzt wieder hoch? Wie sicher ist das Unterwegssein mit dem Auto, mit dem Zug, mit dem Flieger oder demnächst auch dem Kreuzfahrtschiff? Das sind die zunächst naheliegenden Fragen, die in der aktuellen Folge des Podcasts "Wir und Corona" mit dem Tourismusexperten Roland Conrady besprochen werden.

Conrady ist Professor für Touristik an der Hochschule Worms und Wissenschaftlicher Leiter des Kongresses der Touristikmesse ITB in Berlin. Er kennt sich also aus in der Branche – weiß aber auch, was die Verfassung von Reiseanbietern, Hotels, Fluglinien oder der Bahn konkret für den Verbraucher bedeuten.

Reiseveranstalter bieten verbesserte Stornierungsbedingungen

In dem Gespräch macht Conrady deutlich, dass es dauern wird, bis der Tourismus wieder richtig anlaufen kann. Denn trotz der anstehenden Lockerungen bleiben gerade für diejenigen, die jetzt ins Ausland reisen, Ungewissheiten. Allein die Frage, wie sie sich über das "Infektionsgeschehen" vor Ort halbwegs zuverlässig informieren können, ist unklar. Und natürlich ist auch unklar, was passiert, wenn die lokalen oder nationalen Behörden dann plötzlich auf die Idee kommen, etwa wieder ganz eigene Quarantänebestimmungen zu verhängen.

Die Bundesregierung hat schon erklärt, dass es eine erneute Rückholaktion von Deutschen aus dem Ausland nicht mehr geben wird. Reisen im Ausland ist also vorerst, klar, noch ein Stück weit ein Abenteuer mit vielen Unbekannten. "Wir sind jetzt einen Schritt weiter", sagt Conray. "Die Reiseaktivität kann sich in Richtung Normalität bewegen. Aber bis wir den Zustand wie vor der Corona-Krise erreicht haben werden, wird noch einige Zeit vergehen".

In dem Gespräch lobt er die Versuche von Reiseveranstaltern, möglichen Kunden entgegen zu kommen, etwa mit verbesserten Stornierungsbedingungen. Einzelne Anbieter lassen Stornierungen bis zwei Wochen vor Reiseantritt zu, verzichten auf Anzahlungen und fordern den Gesamtbetrag auch erst zwei Wochen vor Reiseantritt ein. Conrady hält das für richtig, auch weil es mit einer Unsitte in der Branche der Reiseveranstalter von Pauschalreisen Schluss mache – nämlich möglichst früh Anzahlungen einzufordern, aber selbst, etwa Hoteliers, erst sehr spät zu bezahlen.

Es gäbe eine grundsätzliche Veränderung des Reiseangebots, so Conrady

Conrady spricht auch über die Zwänge, in denen sich etwa Fluglinien, aber auch die Deutsche Bahn befinden, über den Konflikt zwischen dem wirtschaftlichen Ziel, Geld mit einer möglichst hohen Auslastung zu verdienen und dem hygienischen Risiko einer hohen Auslastung. Der Mittelsitz, den Fluglinien frei halten können, aber nicht müssen, ist da ein Symbol. Halten sie ihn frei, frisst das den Profit.

Prinzipiell rechnet Conrady damit, dass sich das Reisen grundsätzlich ändern könnte. "Früher war das ein Gewohnheitsverhalten. Da war man in einem Trott drin und hat ganz automatisch, ohne Nachdenken, ohne Wertschätzung auch dem Reiseangebot gegenüber, Billigangebote massenhaft konsumiert. Jetzt wird es dazu kommen, dass die Menschen ein Stück bewusster werden und fragen: Wie viele Reisen brauche ich?".

Dabei rechnet Conrady vor allem damit, dass das Angebot knapper wird, weil Veranstalter, aber auch Hotels in der Krise Pleite gehen, vom Markt verschwinden werden. "Es deutet viel darauf hin, dass wir auf der Angebotsseite Verknappung sehen werden", sagt Conrady. "Das führt eigentlich immer dazu, dass die Preise erhöht werden". Conrady hält auch das für einen sogar notwendigen Schritt. "Die Branche sollte auch so klug sein, jetzt tatsächlich mal eine Preiserhöhung durchzusetzen. Wir haben über Jahre hinweg nur eine Preisrichtung gekannt, nämlich nach unten. Es ging immer um billiger, billiger, billiger. Auf Dauer ist das für niemanden gut. Das führt zur Verramschung des Produktes, dazu, dass Reisen Wegwerfartikel werden. Das ist nicht gut".

Chancen für bisher weniger beachtete Regionen

Wie sich die Nachfrage gerade nach Auslandsreisen entwickele, das sei derzeit noch völlig offen, sagte Conrady. Es sei völlig unklar, wie sich Verbraucher in und nach der Krise verhalten würden, wo und wie sie dann noch reisen wollten.

Auch für Deutschland rechnet Conrady schon bald mit höheren Preisen. Allerdings sei der Inlandstourismus schon vor der Krise im Aufwind gewesen. Dieser Trend werde jetzt verstärkt – und eröffne so auch Regionen Chancen, die bisher in Deutschland eher weniger Beachtung gefunden hätten. Das klingt ein wenig so wie die Berichte von jenen Homeoffice-Arbeitern, die jetzt so viel Zeit in der eigenen Wohnung verbringen, dass sie sich dort bisweilen für Winkel und Ecken begeistern können, die sie bislang kaum beachtet haben. Für den Teutoburger Wald, aber auch für das Ruhrgebiet eröffnet dieser Mechanismus große Chancen – selbst für den lokalen Baggersee.

Conrady spricht auch über die Rettung der Lufthansa, das Buchungssystem der Bahn – und über seine eigenen Reisepläne. Das Gespräch gibt’s hier im Podcast zu hören.

In der Folge erläutert Dr. Michael Wünning, Chefarzt am Marienkrankenhaus in Hamburg und medizinischer Experte des Podcasts, auch, was es mit den "Superspreadern" auf sich hat. Welche Rolle spielen die für das Infektionsgeschehen?

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