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Reportage der Woche

Hinterzimmer-Glücksspiel: Eine Nacht in der illegalen Pokerhöhle

Illegale Pokerrunden sind sehr lukrativ – vor allem für die Veranstalter. Unser Redakteur hat eine Nacht in solch einer Runde verbracht und um Hunderte Euros gepokert.

Poker wird in Deutschland legal nur mit staatlicher Konzession angeboten

Poker wird in Deutschland legal nur mit staatlicher Konzession angeboten, doch in jeder größeren Stadt gibt es zahlreiche illegale Runden (Symbolfoto)

Getty Images

Ass und Bube in Herz muss reichen. Alles oder nichts. Meine 250 Euro wandern in die Mitte, fein säuberlich gestapelt in Keramikchips zu Werten von einem, fünf und 25 Euro. Nur ein Spieler bezahlt. Mit seinem Geld zusammen liegen nun 500 Euro in der Mitte. Jetzt heißt es: Karten vergleichen. Wer mit den Gemeinschaftskarten zusammen das bessere Blatt macht, gewinnt. Mein Puls geht in die Höhe, Adrenalin schießt durch die Blutbahn. Der Kartengeber öffnet die ersten drei Gemeinschaftskarten. Allesamt klein, kein Ass, kein Bube, kein Herz. Nichts für mich dabei. Auch die vierte und fünfte Karte in der Mitte sind mir keine Hilfe. Enttäuschung macht sich breit. Puls, Adrenalinspiegel und Hoffnungen auf den Pot fallen simultan. "Nur Ass hoch", sage ich und meine, dass ich nur das Ass als höchste Karte vorweisen kann. Keine gute Hand. Mein Gegner hebt seine Karten an, schaut skeptisch auf die Mitte, wieder auf seine Karten. "Ass hoch gut", sagt er. "Ich wollt' nur gucken." Die 500 Euro werden zu mir geschoben. Das war knapp.

Poker ist ein Glücksspiel. In Deutschland ist daher die öffentliche Veranstaltung einer Runde oder die Teilnahme daran nach den Paragraphen 284 und 285 des Strafgesetzbuches verboten. Bis zu fünf Jahre Haft drohen Veranstaltern, bis zu sechs Monaten Spielern – zumindest theoretisch. Erlaubt ist Pokern um Geld (zumindest öffentlich oder gewohnheitsmäßig) nur dann, wenn der Staat die Veranstaltung genehmigt hat, wie in einem der zahlreichen staatlich konzessionierten Casinos im Land. Doch das hier ist kein Casino. 

Samstagabend in einer deutschen Großstadt. In einer Nebenstraße liegen die schlichten Büroräume einer kleinen Versicherung, links davon führt eine breite Einfahrt in den Hinterhof. Am Haus klettert eine Außentreppe aus Stein empor. Am oberen Ende eine angelehnte Tür. Leise dringt das monotone Klackern von Spielchips nach draußen. Ansonsten deutet nichts daraufhin, was hinter der Tür vor sich geht: Mehrmals die Woche werden dort illegale Pokerrunden veranstaltet. Herein kommt hier nur, wer schon mal da war oder wer jemanden kennt, der für einen bürgt. Ich komme hier rein, weil ich den Veranstalter kenne aus – sagen wir mal – der bewegteren Phase meiner Jugend. Für diesen Text soll er Jameel heißen. Wie alle weiteren Namen in dieser Reportage wird er entfremdet, um ihn zu schützen. Den Laden hat Jameel offiziell als Backgammonverein angemietet. Hinter der Tür sind mehrere Pokertische in einem rund 80 Quadratmeter großen Raum verteilt. In der Ecke ein Tresen, an der Wand hängen Flachbildschirme, bunt leuchtende Spielautomaten stehen zum Zeitvertreib bereit. Backgammon-Bretter sucht man vergebens.

Entspanntes Spiel schnell vorbei

Los geht die Runde heute um 19 Uhr, gespielt werden zunächst Blinds von einem und zwei Euro. Das sind die Einsätze, die bezahlt werden müssen, bevor man seine Karten bekommt, ergo blind. Die meisten Spieler kaufen sich für 100 Euro ein, ein paar Plätze an dem Zehn-Personen-Tisch bleiben frei. Entspanntes Spiel ist möglich, vor dem Flop – also den ersten drei Gemeinschaftskarten – gibt es normale Erhöhungen von acht bis 16 Euro. Doch das bleibt nicht lange so. Als die ersten Hunderter verloren sind, ziehen alle 200 oder 300 nach. Dann kommen neue Spieler dazu, die direkt mit 500 einsteigen. Hinter den Zwei-Euro-Big-Blind wird regelmäßig der sogenannte Live-Straddle gestellt, ein freiwilliger, höherer Blind. So starten die meisten runden bei fünf Euro, manche bei zehn oder 20. Die Erhöhungen vor den Gemeinschaftskarten steigen auf 30 bis teilweise 60 Euro.

Ich verliere meinen ersten Stack Chips, als ich mit der höchsten getroffenen Karte alles reinstelle und von einem niedrigeren Treffer bezahlt werde. Mit den weiteren Karten bastelt er sich einen Flush, also fünf von der selben Farbe, und gewinnt. Die nächsten 200 werden langsam runtergemolken. Mehrfach bezahle ich in der Hoffnung, etwas zu treffen und muss dann aufgeben, weil eben das nicht passiert. Die davon verbliebenen 100 stelle ich auf einen kleinen Treffer und eine Straßenchance rein und werde von einem Paar Fünf bezahlt. Sein Blatt hält, also muss ich die nächsten 200 aufziehen, 500 Euro habe ich bereits investiert. Wenig später kommt die Hand mit Ass Bube. Zu diesem Zeitpunkt hat mancher bereits vierstellige Summen vor sich liegen. Einer steigt direkt mit 700 Euro ein. 

Alle Getränke sind inklusive, gebracht von der Bedienung Jenny*, 20 Jahre alt und die einzige Frau im Raum. Auf Wunsch bringt sie auch Essen zum Platz, es gibt Nudeln mit Pilze-Sahne-Sauce, dazu Baguette, geliefert von einem Catering-Service und wirklich gut. Zigaretten werden ebenfalls gestellt, sogar die Marke darf man sich aussuchen. Wohlfühlen sollen sich die Zocker. 

Fünf Prozent von jedem Pot für Veranstalter

Veranstalter Jameel tut gut daran, es seinen Spielern so angenehm wie möglich zu machen. Das Geschäftsmodell von illegalen Pokerrunden ist einfach: Fünf Prozent von jedem Pot werden als Steuer abgezwackt, das sogenannte Rake. Sollte ein Pot zum Beispiel 4000 Euro groß werden, gehen 200 Euro direkt an den Veranstalter, der Gewinner erhält lediglich 3800. Allerdings sind derart große Pötte eher die Ausnahme. Die meisten Hände liegen irgendwo zwischen 300 und in der Spitze 1500 Euro. Rund 30 Pötte werden pro Stunde gespielt, eine solche Runde kann schon mal bis zu 24 Stunden laufen. Der Umsatz pro Nacht geht in die Tausende. Zum Vergleich: In vielen deutschen Casinos werden maximal drei oder vier Big Blinds pro Hand als sogenannte Tax genommen, in einer entsprechenden Runde wären das also nie mehr als acht Euro.

Warum gehen die Spieler dann nicht ins Casino? Das ist eine gute Frage. Zum einen ist es eine spezielle Klientel, die in dieser illegalen Runde zockt, die gerne unter sich bleibt, die womöglich keinen Bock auf die Dresscodes in vielen staatlichen Spielcasinos hat. "Die Jungs rauchen auch sehr gerne am Tisch", weiß Jameel. Vermutlich hat es aber vor allem mit der Atmosphäre zu tun. Denn obwohl sich die Jungs hier gegenseitig Hunderte Euro abnehmen, herrscht eine sehr freundschaftliche Grundstimmung. Nach einem größeren Pot gibt der Gewinner dem Verlierer teils bis zu 50 Euro wieder, "Bol Sans" wird das genannt, türkisch für "Viel Glück". 

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Manche spielen gegeneinander nur mit angezogener Handbremse. "Vallah, was jagst du mich?", beschwert sich einer, als sein Kumpel seine Bet bezahlt. "Ja, ja, check! Für dich, Bruder", entgegnet der und beide schieben bis zur letzten Karte und vergleichen lediglich ihre Blätter. Friendly Game. Im Casino ist es verboten, die bestmögliche Hand nach der letzten Karte und in letzter Position zu checken. Niemand soll mit irgendwem unter einer Decke stecken. Hier nimmt das keiner so eng. 

Hier gibt sogar der Veranstalter den Jungs, die ganz tief im Loch sind, später beim Abrechnen gerne mal ein paar Hunderter Rabatt. Der Großteil des Geldes wird nämlich zunächst auf Pump eingezahlt. "Einmal 300 für Farid*", ruft der Dealer dann zum Beispiel durch den Raum. Jameel nickt und notiert fleißig in sein Notizbüchlein, dann gibt es neue Chips für Farid. Vierstellige Spontankredite sind an diesem Abend keine Seltenheit. Als Ashkan* innerhalb weniger Minuten immer wieder neues Geld fordert, schaut Jameel schon mal etwas strenger zu ihm rüber. Niemals aber würde er ihn vor allen fragen, wann er denn sein Geld bekomme. Das wäre respektlos. Im schlimmsten Fall vergrault man so die Spieler und damit seine Kundschaft. Ohnehin reicht Jameels Blick aus. "Hol ich Dir heute Abend noch, Bruder. So oder so", versichert Ashkan – und bekommt sein Geld.  

Zwischen Spielern und Veranstalter herrscht eine große Vertrauensbasis. Schließlich könnte sich der verschuldete Zocker einfach nicht mehr blicken lassen. Einklagen lassen sich die illegal zustande gekommenen Schulden nicht. Immer wieder kommt es vor, dass Leute ihre Schulden nicht bezahlen, ihre Handynummer wechseln, sich nie wieder blicken lassen. Rund 30 Prozent gehe so verloren, schätzt Jameel. "Aber das gehört dazu", sagt er.

Aktuell investiert Jameel pro Woche meist zwei Nächte in das Veranstalten der Pokerpartien, ansonsten hat er frei. Das war mal anders, denn: Mittlerweile kommen hauptsächlich reine Spieler zu ihm in die Runde. Aber Jameel ist natürlich nicht der einzige Veranstalter in dieser Großstadt. An jedem Abend der Woche finden in verschiedenen Stadtteilen mehrere solcher Runden statt. Und sitzt ein Veranstalter bei einem anderen am Zockertisch, so ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass dieser dann auch zu dessen Runde als Spieler geht. "In manchen Runden sitzen acht Veranstalter, die dann auch jeweils zu den anderen müssen. Dann ist das ein Fulltime-Job, dann bist du jeden Abend unterwegs", sagt Jameel.

Ich steche etwas heraus

Wie die Namen bis hierhin womöglich schon andeuten: Ich steche an diesem Abend allein qua Erscheinung aus der Masse heraus, wie eine kleine Anekdote verdeutlicht. Als ich bei Jameel eine Cola bestelle, sagt er zu Jenny: "Einmal eine Cola für Finn, bitte. Das ist der auf Platz zwei." Woraufhin Jenny trocken entgegnet: "Als wüsste ich an diesem Tisch nicht, welcher Finn ist." Mit mir zocken neun Männer mit Migrationshintergrund, Afghanen, Iraner, Araber, grob die Hälfte verheiratete Familienväter. Das muss natürlich nicht repräsentativ für alle illegalen Runden in Deutschland sein.

An einem Punkt bittet der Dealer um einen Fünfer für die Bedienung. Sofort fliegen die roten Chips in die Mitte, 45 Euro. Einer hat das Durcheinander genutzt, um sich zu drücken. Mit einem leichten Seufzer legt der Dealer einen Fünfer aus der Rake-Ablage dazu. "Fuffi für Jenny", ruft er durch den Raum. Jameel notiert.

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Im Laufe des Abends kommen immer wieder auch Menschen, die überhaupt nicht selbst ins Spiel einsteigen. An einem Nebentisch spielen drei Männer um die 50 ein mir unbekanntes Kartenspiel, rauchen, trinken und lachen. In der Ecke sitzen zwei junge Typen an der Playstation und spielen Fifa. "Ist manchmal bisschen HDJ hier, Haus der Jugend", scherzt der Dealer. Immer, wenn es an der Tür klingelt, schaut Jameel zur Sicherheit einmal aus dem Fenster. Nicht, dass dort die Polizei steht.

Doch was hätte er zu befürchten, wenn dem so wäre? Und was könnte mir als Teilnehmer drohen? Das erklärt Rechtsanwalt Fabian Graske aus Cottbus, der zahlreiche Pokerspieler zu seinen Klienten zählt. Zwar könnten theoretisch Haftstrafen bis zu fünf Jahren für Veranstalter drohen. "In der Praxis werden in aller Regel lediglich Geldstrafen durch Strafbefehle ausgesprochen", sagt Graske zum stern. Größeres Risiko hätten vor allem Gastwirte, die illegale Pokerrunden etwa in ihrer Bar oder ihrem Restaurant zulassen. Im Falle einer Verurteilung könne diesen die Gewerbeerlaubnis entzogen werden.

Die Ermittler haben beim Verfolgen von illegalem Glücksspiel ein grundsätzliches Problem: die schwierige Beweisbarkeit. Der Geldeinsatz muss nachgewiesen werden, was nicht leicht ist, wenn auf dem Tisch nur Spielchips liegen. Beweisen könnten die Ermittler das oft nur durch V-Leute am Tisch. "In der Praxis werden V-Leute aber nur bei zusätzlichen schwerwiegenden Straftaten eingesetzt", weiß der Anwalt. Nur fürs Hochnehmen einer Pokerrunde wäre das ziemlich viel Aufwand. Anders sei das, wenn im Umfeld der Pokerrunde andere, deutlich schwerere Straftaten verübt werden, etwa im Rocker-Milieu oder wenn Spieler gezielt betrogen werden.

Und was droht mir als Teilnehmer? Vermutlich nicht viel. Auch ich habe maximal mit einer Geldstrafe zu rechnen, wenn ich dabei erwischt werde. Illegal ist übrigens auch die Pokerrunde unter Freunden, sofern sie per Gesetz "öffentlich" stattfindet. Dafür reicht laut Graske auch aus, wenn zu der regelmäßigen Runde bei mir im Wohnzimmer wechselnde Leute kommen. Grundsätzlich gilt aber: Je kleiner die Einsätze, desto kleiner auch das mögliche Strafmaß, wenn es überhaupt zu einer Verurteilung kommen würde.

Für den Veranstalter der illegalen Runde, in der ich an diesem Abend spiele, ist jedoch auch ein weiteres mögliches Risiko zu beachten. Sollte er erwischt und verurteilt werden, würde sich höchstwahrscheinlich auch das Finanzamt bei ihm melden und Steuern auf die illegal erzielten Einnahmen fordern – samt Säumniszuschlag. Denn Einkommen muss in Deutschland immer versteuert werden, egal ob es legal oder illegal eingenommen wurde.

Immer mehr Geld wird an den Tisch gebracht

Je später dieser Samstagabend wird, desto größer werden die Summen, die direkt beim Einstieg aufgezogen werden. "Hab' gestern vier K verbrannt", sagt ein Neuankömmling, als er sich neben mich setzt. "K" steht für Kilo, also tausend. 4000 Euro hat er verloren. "So'n Kroate ist mit Sechseinhalb aufgestanden. Vallah, üble Runde", ergänzt er. Nach nur wenigen Minuten an unserem Tisch hat der Mann bereits mehrfach nachgezogen und spielt 1200 Euro. Summen deutlich über meinem Wohlfühllimit. Ich habe zwar 1000 Euro von meinem eigenen Geld dabei, die Hälfte davon ist bereits investiert. Alles heute Nacht zu verlieren, wäre aber – gelinde gesagt – sehr unschön. Von der Pokertheorie her verfüge ich nicht über genügend Geld, um solch eine Partie zu spielen. Aber das tun hier vermutlich die wenigsten. Der Neuankömmling vielleicht. Akkurat gestutzter Bart, Silberschmuck und protzige Uhr am Handgelenk, ein bisschen zu viel Parfüm. Vor ihm auf dem Tisch liegt der Schlüssel für ein Mercedes Coupé. Stolz berichtet er von seiner letzten Geschäftsinvestition. "Halbe Mille" habe er in sein neues Shisha-Café gesteckt. Er meint: eine halbe Million Euro. "Halbe Mille?", fragt ein anderer ungläubig zurück. "Familiengeld", sagt er nur knapp.

Die Taschen meines Nachbarn scheinen deutlich tiefer als meine. Und so werde ich mehrfach als "Betonspieler" verhöhnt, weil ich angeblich zu wenig Hände spiele. Tatsächlich bin ich kaum dabei. Optimalerweise spielt man beim Texas Hold'em nämlich wenig Starthände und die dafür dann aggressiv. Die Selektion der Hände vor dem Flop ist das A und O. Man sollte sich auf Hände beschränken, mit denen man hohe Treffer mit hohen Beikarten machen kann, respektive einen hohen Flush oder eine hohe Straße. Nichts ist teurer als die zweitbeste Hand. 

Natürlich gehört zum Pokern auch der Bluff, das Rausdrücken des Gegners ohne starkes eigenes Blatt. Spielt man eine Hand, sollte man in der Regel der Aggressor sein. Wer die Bet des Gegners lediglich bezahlt, gewinnt nur mit den stärkeren Karten. Wer aber selbst setzt oder erhöht, hat immer zwei Chancen zu gewinnen: Entweder das eigene Blatt ist das bessere – oder keiner bezahlt die Bet und man gewinnt kampflos. Genau hier kommt das Können ins Spiel und macht aus Poker kein Glücksspiel wie Roulette oder Black Jack. Beim Poker dominiert der Glücksfaktor nur kurzfristig. Langfristig haben alle gleich viel Glück oder Pech. Spielt man besser als seine Gegner, so wird man über lang bessere Entscheidungen treffen, sein Geld auf bessere Wahrscheinlichkeiten investieren und langfristig besser abschneiden. An einem Abend kann der beste Pokerspieler der Welt gegen einen dressierten Schimpansen verlieren, aber spielen die beiden ein Jahr lang jeden Abend gegeneinander, wird der Schimpanse am Ende Baumhaus und Hof verlieren.

Und genau hier offenbart sich das größte Problem dieser illegalen Runde. Bluffen funktioniert nur, wenn die Gegner auch Angst um das Geld haben und in der Lage sind, eine getroffene Hand auch mal wegzuschmeißen. Das ist hier kaum der Fall. Zudem spielt man eine Pokerhand am besten gegen einen Gegner, heads-up. Das erhöht die Chance zu gewinnen. Er oder Ich. Hier jedoch sehen immer mindestens drei, vier Spieler den Flop, oft noch mehr, weil alle mit fürchterlichen Karten hunderte Euro bezahlen. Hier funktioniert Pokern im eigentlichen Sinne nicht. Deswegen sitze ich und warte auf starke Hände, stelle dann Geld rein und hoffe, dass mein Blatt gewinnt. Das kann profitabel sein – vor allem, wenn man sich ein bisschen wohler mit den Geldsummen fühlt, als ich es an diesem Abend tue. Es ist aber in jedem Fall stinklangweilig.

Die eine Hand, die über den ganzen Abend entscheidet

Ich warte also, spiele im Schnitt vielleicht eine Hand pro 30 Minuten. Einmal erarbeite ich mir etwa 150 Euro mit Assen, der besten Starthand. Doch auf Dauer schrumpfen meine Chipsstapel, bis ich nur noch knapp 200 von meinen 500 Euro vor mir stehen habe. Es ist kurz vor Mitternacht. Die Blinds werden, wie immer um diese Zeit, auf zwei und fünf Euro erhöht. Als würde das Geld nicht ohnehin schon nur so in die Mitte fliegen.

Der Kartengeber, in der Fachsprache "Dealer" genannt, teilt mir König und Zehn in Pik aus. Nicht super, aber ausbaufähig. Mein reicher Nachbar öffnet auf 30, fünf Spieler bezahlen bis zu mir, auch ich lege einen 25er-Chip zu meinem Fünfer. Der Flop geht auf: 2-4-7, zwei Pik ein Kreuz. Ein Flushdraw, mit dem König der zweithöchste. Das ist wichtig. Fatal ist es, auf eine Flushchance zu investieren, die selbst wenn sie kommt, verliert, weil jemand anderes den höheren Flush macht. Das wäre in diesem Fall nur der Ass-Flush. Muss reichen.

Ich stelle meine verbliebenen knapp 170 Euro in die Mitte. Mein reicher Nachbar passt, dahinter schiebt ein anderer seine letzten 300 rein, zwei Spieler mit deutlich mehr Geld am anderen Ende des Tisches bezahlen beide seine 300. Damit gibt es einen sogenannten Sidepot. Ich spiele nur soweit mein Geld reicht mit. Um alles über 170 Euro streiten nur die anderen drei. Der Pot, um den ich zocke, liegt nach Abzug des Rake bei 860 Euro. Viel Geld. Mein Herz pocht. Der Dealer klopft und öffnet eine schwarze Karte, doch leider das falsche schwarz. Eine Zehn in Kreuz. Immerhin ein Treffer, aber ich bin mir ziemlich sicher: Zum Gewinnen brauche ich meinen Flush. Der letzte Klopfer. "Vallah, mach mal Pik auf", denke ich. Ich glaube, ich bin schon zu lange hier. Da legt der Dealer die wunderschöne Pik-Sechs in die Mitte. Kawumms. Ich drehe sofort meine Karten um und sage "könighoch Flush". Ein wohlig warmes Gefühl durchfährt mich. Der Unglückliche zu meiner Linken hatte tatsächlich eine sehr, sehr starke Hand. Ein geflopptes Set, also ein Paar auf der Hand, das dann die gleiche Karte in der Mitte trifft. Aber Flush gewinnt. Mit beiden Armen streiche ich meine Chips ein und staple sie vor mir. Wer schon einmal den Unterschied zwischen null und 860 Euro von einer einzigen Karte hat entscheiden lassen, der weiß, warum Glückspiel süchtig machen kann. So viel Geld auf einen Schlag zu gewinnen – wenige Dinge fühlen sich besser an.

Reicht auch langsam, sage ich mir. Es wird spät, die Runde ist mir ohnehin zu verrückt und ich habe über 300 Euro Profit, ein sehr solider Stundenlohn von über 50 Euro. Weil es verpönt ist, direkt nach einem großen Pot das Spiel zu verlassen, sitze ich anstandshalber noch etwa eine halbe Stunde am Tisch, schaue mir zwei Flops an, die ich nicht treffe, schenke das verbliebene Kleingeld dem Dealer und lasse mir 800 Euro von Jameel ausbezahlen. Dass ich aufstehe, wird die anderen sicher freuen. Ein Betonspieler weniger am Tisch. 

Bis Sonntagnachmittag ging die Runde noch, erzählt mir Jameel später. Fast ein voller Tag Poker, rund 30 Hände pro Stunde und bei jedem Pot werden fünf Prozent unwiderruflich aus dem Umlauf genommen. Man muss kein Mathematiker sein, um auf Anhieb zu sehen, wer hier am meisten profitiert. Aber das ist auch kein Geheimnis. Niemand wird hier abgezockt. Die Jungs wissen ja um das Rake. Sie wissen auch, dass ihnen das Casino weniger Geld abzwacken würde. Und dennoch werden sie nächsten Samstag wieder hier sitzen.

*Alle Namen wurden zum Schutz der Personen verfremdet