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stern-Gespräch

Allgemeinbildung: Richard David Precht : "Irgendetwas zu googeln führt noch lange nicht zu Erkenntnissen"

Wissen ist immer noch Macht. Der Philosoph Richard David Precht warnt im stern-Gespräch vor einem umfassenden Verlust von Bildung. 

Richard David Precht : "Nur zu googeln reicht nicht"

Philosoph, Bestsellerautor, Honorarprofessor: Richard David Precht, 53

Herr Precht, Sie sagen in Ihrem neuen Buch "Jäger, Hirten, Kritiker", dass die Digitalisierung alles verändert. Grundlegend. Auch die Bildung und unser Verhältnis zum Wissen. Inwiefern?

Wir leben in einer Zeit des Informationsüberflusses, in der Menschen das, was sie empfinden und erleben, oft immer schwerer aufeinander beziehen können.

Mehr Informationen sind doch nicht per se schlecht.

Nein. Aber die leichte Verfügbarkeit von Informationen und die Haltung "Ich weiß ja, wo's steht" führen dazu, dass einige Menschen anfangen zu denken, sie könnten ohne Bildung durchs Leben gehen. Das hat Folgen. Wir laufen dadurch Gefahr, die Orientierung in der Welt zu verlieren. Teilweise im ganz wörtlichen Sinne: Nehmen Sie mal einem Jugendlichen das Smartphone weg und bitten ihn, eine Karte zu lesen. Ich weiß nicht, ob das noch bei jedem so ohne Weiteres geht.

Braucht man wirklich noch umfassendes Allgemeinwissen, wenn man alles online abrufen kann?

Irgendetwas zu googeln führt noch nicht zu Erkenntnissen. Die entstehen, wenn ich eigenständig Informationen aufeinander beziehen und miteinander verknüpfen kann. Und um das zu können, benötige ich auch einen großen Vorrat an Wissen, das in meinem Gehirn gespeichert ist. Deshalb ist es auch und gerade in Zukunft wichtig, über Bildung zu verfügen.

Sie raten sogar zum Auswendiglernen von Gedichten – das klingt etwas muffig.

Hört sich erst mal abwegig und nach Opas Schule an. Aber: Wer sein Erinnern dauerhaft an eine Maschine auslagert, kann sich irgendwann kaum noch etwas merken. Außerdem: Die Schönheit von Sprache erschließt sich oft erst, wenn man Texte auch memorieren kann.

Bekannt wurde Richard David Precht 2007 mit seinem Bestseller "Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?". Sein neues Werk trägt den Titel: "Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft", Goldmann, 288 S., 20 Euro

Bekannt wurde Richard David Precht 2007 mit seinem Bestseller "Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?". Sein neues Werk trägt den Titel: "Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft", Goldmann, 288 S., 20 Euro

Man hört aber immer wieder, auch von Bildungspolitikern: Es braucht heute vor allem Kompetenzvermittlung, wie man sich das richtige Wissen aus den Tiefen des Netzes beschafft.

Das klingt mir zu technisch. Und es ist in dieser Absolutheit auch falsch. Das mit der Kompetenzvermittlung im Bildungssystem war ja mal gut gemeint. Das kam im Zuge der Pisa-Studien. Man wollte die bloße Vorratsdatenspeicherung in den Schulen verändern und Fähigkeiten vermitteln. Aber wenn dabei herauskommt, dass man keine spannenden Geschichten mehr über die alten Römer erzählt, sondern nur noch "Quellenkompetenz" lehrt, dann geht das nach hinten los. Dann wird den Schülern das Milchpulver als die wahre Milch verkauft.

Deutschland ist aber auch Quiz-Land. Im TV wird in diesem Jahr wieder entfesselt geraten und Wissen abgefragt. Man zeigt, was man weiß.

Das ist ja schon seit Heinz Maegerleins und Wim Thoelkes Zeiten so. Da begann die Ära der Rate-Onkel. Die Deutschen sind im Großen und Ganzen – trotz aller Unkenrufe – immer noch ein gebildetes Volk, das offenbar Spaß daran hat, sich auf diesem Feld miteinander zu messen. Der Deutsche liebt den Wettbewerb. Und er korrigiert auch gern andere. Aber man sollte Quizshows nicht überbewerten. Das ist gehobenes Abfrage-Entertainment.

Anderseits klagen Universitäten vermehrt, dass Studenten, die gerade von der Schule kommen, sich zwar sehr gut präsentieren können, aber zu wenig Grundkenntnisse und zu wenig Allgemeinbildung hätten. Da passt was nicht zusammen. Ist die Jugend ungebildet?

Ach, diese Klage ist alt. Aber eines hat sich tatsächlich verändert, das kenne ich auch aus meiner Lehrtätigkeit: Das Textverständnis hat nachgelassen, die Bereitschaft, längere Texte zu lesen und sich damit auseinanderzusetzen. Parallel wird der ganze Umgang mit Bilderwelten souveräner. Da verändert sich grundsätzlich was. Wir werden visueller.

Und bequemer?

Eher schneller – und damit leider nicht gründlicher. Vielen fehlt die Geduld. Das ist ja auch kein Wunder. Wir sind umgeben von Aufmerksamkeitsräubern. Überall blinkt, piept und vibriert etwas. Und immer muss alles sofort passieren. Das macht etwas mit uns. Der alltägliche Bedarf an Außeralltäglichem wird immer höher.

Was kann man machen?

Ich rate vor allem jungen Menschen: nicht jedem äußeren Reiz sofort nachgeben. Lernen, sich lange auf eine einzige Sache konzentrieren, seine Sprache pflegen und Bedürfnisaufschub ertragen.

Und sich nicht nur auf Wikipedia verlassen...

Gutes Stichwort. Da gibt es exzellente Seiten, aber oft auch ziemlich unverständliches und teilweise falsches Zeug. Das stammt dann von Leuten, die viel Wissen hintereinandergestellt haben, aber selber nicht über Erkenntnisse verfügen und die nicht in der Lage waren, den Stoff angemessen aufzubereiten. Vorsicht bei Wikipedia!

Wie würden Sie Allgemeinbildung überhaupt heute definieren?

Über eine große innere Festplatte zu verfügen, die es uns ermöglicht, das, was wir sinnlich erleben, hören, sehen, erfahren, gründlich zu durchdenken und aufeinander zu beziehen.

Wissen als Weg zu Weltverständnis.

Und als einziger Weg zur souveränen Urteilsbildung. Es geht darum, Dinge differenziert bewerten und einordnen zu können. Und das passiert nicht dadurch, dass ich weiß, wo diese Dinge womöglich im Internet stehen. Sie können ja in einem intelligenten Gespräch nicht ständig auf dem Smartphone googeln, um argumentativ mitzuhalten.

Der Autor Peter Burke hat einmal die Information als "das Rohe" und das Wissen als "das Gekochte" bezeichnet...

Das Bild gefällt mir. Zutaten werden kombiniert und zueinander in Beziehung gesetzt. Und dann entsteht am Ende ein Bildungs-Gericht.

In welchen Bereichen sollte man aus Ihrer Sicht allgemeine Kenntnisse haben?

Empfehlenswert wäre ein gewisses Basiswissen in Geschichte, Philosophie, der Literatur, den Künsten, der Politik …

Religion?

Natürlich. Ein zentrales Thema. Nehmen Sie die aktuelle Islamdiskussion oder Herrn Söders sonderbaren Kreuzzug. Da ist es schon gut, sich ein wenig auszukennen, wenn man vernünftig argumentieren will.

In Dietrich Schwanitz' Klassiker "Bildung – Alles, was man wissen muss" kommen die Naturwissenschaften nicht vor.

Und das ist falsch. So hilfreich dieses Buch bestimmt für viele war und immer noch ist: Man sollte etwa die Prinzipien der Evolutionstheorie kennen und Grundkenntnis in Genetik haben, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Ist Wissen eigentlich auch eine Voraussetzung für Humor?

Man kann Humor schlecht zur Bildung zählen. Denn den kann man niemandem beibringen! Aber eine gewisse geistige Flexibilität ist sicher die Voraussetzung für Komik. Humor wird ja auch aus der Abweichungen von der Norm geboren, aus einer Verschiebung. Wer die schnell erkennt oder vollzieht, kann leichter intelligente Witze machen. Kant nannte Humor übrigens "die Auflösung einer gespannten Erwartung in Nichts". Freunde meinen, das bezeichne ganz gut meine umständliche Art, Witze zu erzählen.

Immer wieder taucht in der Bildungsdiskussion der Begriff Kanon auf, eine allgemein akzeptierte Reihe von Texten und Werken, die als Bildungsgrundlage dienen. Brauchen wir einen Kanon?

Nein, ich glaube nicht. Es wurde ja immer wieder versucht, und manche Versuche sind durchaus hilfreich. Für andere brauchte man ein halbes Leben und ist schon beim Anschauen der Liste frustriert. Das bringt so nichts. Zudem kann man sich mit vielen Dingen bilden, die niemals in einem Kanon auftauchen würden.

Zum Beispiel?

Für meine Bildung etwa haben die großartigen Comics von "Tim und Struppi" eine große Rolle gespielt.

Wie denn das?

Horizonterweiterung im besten Sinne. Kenntnisse über ferne Länder. Redensarten. Geistreiche Bemerkungen. Humor. Psychologie. Der Schöpfer der Bücher, Hergé, hat außerdem viele welthistorische Ereignisse vorausgesehen: die Mondlandung, den Jugoslawienkrieg und die herausgehobene Rolle des Dalai Lama.

Kann man mit "Tim und Struppi"-Exegese im Small Talk punkten?

Warum nicht? Mir sind Leute verdächtig, die ständig Thomas Mann oder Goethe im Munde führen, sich also nur mit dem Höhenkamm schmücken. Das ist selten ein Zeichen von echter Bildung, sondern eher Prätention und Statusdrang. Echte Bildung kombiniert auch das scheinbar Triviale mit dem Höherwertigen.

Bis auf "Tim und Struppi" können wir Ihnen also nichts Kanonisches herauslocken?

Nein, ich werde hier keine Listen der zu lesenden Werke aufstellen. Das ist immer unbefriedigend und gibt zu Recht Streit.

Nicht mal ein paar spontane Empfehlungen aus den Werken der Philosophie?

Ich kann hier natürlich, na sagen wir, fünf recht gut lesbare, klare und nicht zu umfangreiche Texte empfehlen, die für mich zentrale Bildungserlebnisse waren und mir Vergnügen beim Lesen bereitet haben. Wer diese Texte liest – das geht auch ohne Vorkenntnisse –, blickt vielleicht etwas anders auf die Welt.

Na, dann bitte raus damit.

Gehen wir mal chronologisch vor: Ich empfehle "Die Apologie des Sokrates" von Platon. Wunderschön und ein gutes Mittel gegen die Angst vor dem Tod. Bei mir hilft es jedenfalls, zumindest manchmal. Dann die gerade heute wieder sehr aktuelle Schrift "Zum ewigen Frieden" von Immanuel Kant. Eine Verteidigung des Völkerrechts – hochaktuell in einer Zeit, in der keiner es mehr achtet und Russen, Amerikaner, Franzosen, Iraner und Israelis einen Staat wie Syrien zu ihrem Truppenübungsplatz machen. Außerdem natürlich "Das Kommunistische Manifest" von Karl Marx ...

Klassenkampf?

Das ist große Literatur. Mit viel Schwung. Und die bis dahin profundeste Analyse des globalen Kapitalismus. Die Grundaussagen über den Drang des Kapitals zur globalen Expansion und Verwertung von allem gelten heute mehr denn je.

Wo sollte man sonst noch mal hineinschauen?

"Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne" von Friedrich Nietzsche und "Minima Moralia" von Theodor W. Adorno. In beiden Büchern geht es um nichts Geringeres als das Menschsein. Bei Nietzsche um die Frage nach Wahrheit und Sprache. Und Adorno demonstriert uns die Überformung des Individuums durch die Kulturindustrie in kurzen literarischen Aperçus. Das Thema ist sehr aktuell in Zeiten der Digitalisierung.

Ziemlich anspruchsvoll, Ihre kleine Liste.

Na ja, das Handy sollte beim Lesen schon aus sein. Und Musik hören nebenbei geht auch nicht so gut. Konzentration ist schon vonnöten. Aber man hat was davon.

"Die Schulen der Zukunft müssen Orte sein, an denen die Urteilskraft jedes einzelnen Kindes entwickelt wird", schreiben Sie, "denn der Anschlag darauf ist gewaltig!" Von welchem Anschlag sprechen Sie?

Ich spreche von dem kybernetischen Anschlag, also der Tatsache, dass die sozialen Netzwerke, Google und Co. den Menschen als Reiz-Reflex-Maschine sehen und ihn entsprechend formen und letztendlich steuern. Irgendwann kennen die uns besser als wir uns selbst. Im Silicon Valley lauert eine ungeheure Macht, die Menschen weltweit manipulieren kann. Es mag noch nicht so weit sein. Und ich muss auch Herrn Zuckerberg persönlich keine unlauteren Motive unterstellen. Aber die Waffen sind in der Welt. Und Macht ohne Missbrauch hat in der Geschichte der Menschheit schon immer wenig Reiz gehabt. Irgendwann passiert es noch viel stärker als jetzt.

Brauchen wir also eine neue Aufklärung, einen Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit, wie es Kant einst formulierte – mit dem Unterschied, dass es nun um digitale Unmündigkeit geht?

Absolut. Wir müssen die Ideale der Aufklärung, vor allem die Schulung der Urteilskraft, in den Mittelpunkt der Pädagogik stellen. Bildung ist eine Haltungsfrage. Ein gebildeter Mensch kommt auf eigene Gedanken. Nur so können wir verhindern, dass wir Sklaven von Maschinen werden.

Donovan Livingstone hält eine beeindruckende Abschlussrede in Havard