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Gespielte Katastrophe: Lebensretter trainieren am Frankfurter Flughafen

Wrackteile, Blaulicht, Hilfeschreie: Ein Flugzeug hat eine zweite Maschine auf der Landebahn gerammt. Tote liegen zwischen Hunderten Verletzten. Schnell eilen die Rettungsteams zum Frankfurter Flughafen und bringen Ordnung ins Chaos. Zum Glück ist alles nur ein Test.

Eine Frau liegt mit klaffender Wunde am Bein neben den Resten einer Turbine. Ein Mann schreit: "Hilfe, Hilfe! Alles tut weh." Um ihn herum liegen Wrackteile, Koffer und Leichen. Es ist die bislang größte Katastrophe am Frankfurter Flughafen: Zwei Maschinen sind auf der Landebahn kollidiert. Die Bilanz: 560 Verletzte und 30 Tote. Alarm wird ausgelöst, eine Sirene schrillt. Dann Stille. Für die Notfallübung am größten Flughafen Deutschlands, überhaupt die größte ihrer Art in der Bundesrepublik, gelten echte Bedingungen. Bis die ersten Feuerwehrwagen mit Martinshorn und Blaulicht über den Asphalt rasen, dauert es ein paar Minuten.

Sofort nach dem Aussteigen kümmern sich die ersten Helfer um die Opfer. Den Statisten - Reservisten und freiwillige Mitarbeiter aus dem Frankfurter Gesundheitsamt samt Verwandten und Bekannten - hängt je eine Karte um den Hals, auf der die angeblichen Symptome stehen. "Sie können den Leuten ja schlecht eine Metallstange durchs Bein bohren", sagt Leo Latasch vom Deutschen Roten Kreuz, der die Federführung für das Projekt hat. Nach den ersten Diagnosen sortieren die Rettungshelfer die Opfer in drei Kategorien. Die leicht Verwundeten werden direkt an den Rand gebracht. Schwer und lebensbedrohlich Verletzte müssen auf Notärzte und Sanitäter warten.

Wie wichtig die Aufteilung ist, macht der Leiter der Frankfurter Feuerwehr, Reinhard Ries, am Beispiel des Unglücks bei der Flugschau in Ramstein 1988 mit 70 Toten deutlich: "Damals wurden Leichtverletzte mit Rettungswagen in Krankenhäuser gebracht, während andere in Lebensgefahr schwebten und liegen gelassen wurden."

Damit sich das Chaos nicht wiederholt, werden nach und nach Sammelstellen und Zelte aufgebaut. Darüber schweben angebundene Luftballons in grün, gelb und rot. Armbänder in denselben Farben binden die Lebensretter den Lädierten um - je nach Grad der Verletzung: rot für lebensbedrohlich, grün für leicht.

Auf in den Bändern eingebauten Chips speichern die Helfer zudem Daten über Geschlecht und Alter sowie ein Foto, das sie mit einem etwa DIN-A5-großen Handcomputer machen. Die Informationen werden gleichzeitig an ein zentrales Computersystem übermittelt, das von der Einsatzleitstelle und anderen Beteiligten wie den Kliniken eingesehen werden kann. "Es geht auch darum, Patienten wiederzufinden", erläutert Ries, etwa wenn später Verwandte ihre Angehörigen suchen. In das Projekt, das nun getestet wird, hat das Bundesforschungsministerium 3,1 Millionen Euro gesteckt.

Insgesamt sind bei der Übung mehr als 1000 Mitarbeiter der Feuerwehr, Polizei und mehrerer Hilfsdienste unterwegs. "Das hat sehr gut funktioniert", sagt Latasch im Anschluss. Das Ziel, die Verletzten schnellstmöglich - aber organisiert - von der Unfallstelle weg und einige zu den Kliniken zubringen, sei erreicht. Lediglich ein paar kleine Probleme etwa bei der Versorgung Leichtverletzter habe es gegeben.

Offen bleiben am Samstag wenige Fragen wie: Hätten in der Realität die Rettungskräfte dieselbe Ruhe bewahrt? Können echte Verletzte tatsächlich so schnell versorgt werden? Wie gehen Polizei und Co. mit Schaulustigen und Pressevertretern um?

Marco Krefting, DPA / DPA