VG-Wort Pixel

Glücksspiel Das Land der Zocker: Australien zockt sich in den Ruin – und die Politik sieht zu

Glücksspiel Automat
Die Australier versenken jedes Jahr Milliarden im Glücksspiel
© agefotostock / Imago Images
Nirgendwo auf der Welt wird so viel gezockt wie in Australien. Die "Aussis" versenken jedes Jahr Milliarden im Glücksspiel, ob bei Pferderennen, am Roulette-Tisch oder an Automaten. Unzählige Menschen verschulden sich. Und die Regierung schaut zu.

Die Oper in Sydney, das Great Barrier Reef und das legendäre Outback: das sind vermutlich die ersten Bilder, die man im Kopf hat, wenn man an Australien denkt. Woran die Wenigsten vermutlich denken, sind blinkende Automaten, die in Kneipen oder Pubs hängen. Doch das Glücksspiel ist nirgendwo so ausgeprägt wie in "Down Under". Die "Pokies", wie die Glücksspielautomaten dort genannt werden, sind fester Bestandteil der australischen Kultur. Nirgendwo auf der Welt wird mehr gezockt. Und nirgendwo verlieren die Menschen so viel beim "Gambling". 

Das Land der Zocker: Australien hat ein massives Spielproblem

Wetten und Glücksspiel haben Tradition in Australien, sie gehören praktisch zur DNA des Landes. Schon in der Zeit der Kolonialisierung im 18. Jahrhundert wetteten Wärter auf Faustkämpfe von Sklaven oder Sträflingen, auf Hahnenkämpfe oder auf Cricket- und Fußballspiele. Später kamen Pferderennen nach englischem Vorbild hinzu. Aus Zeitvertreib wurde ein Teil der Kultur. 

Noch heute gehören Pferderennen in Australien zu den wichtigsten gesellschaftlichen Events. Es gibt kaum eine Hauptstraße, in der man kein Wettbüro findet. Der Wettschein gehört für die "Aussis" dazu wie das Bier für die Deutschen beim Fußball.

Neben den Sportwetten zocken Australier aber vor allem an Glücksspielautomaten. Die Pokies sind praktisch überall: in Pubs und Kneipen, in sogenannten "Clubs", ja sogar in Gemeindezentren. Allein die katholische Kirche erwirtschaftet jährlich knapp 50 Millionen Dollar mit Automaten für Poker und andere Glücksspiele, das berichtet die "NZZ". Auch wenn in Australien nur knapp 0,3 Prozent der Weltbevölkerung leben, so stehen auf dem Kontinent 2,5 Prozent aller Glücksspielautomaten – mehr als 180.000. Nirgendwo gibt es mehr Automaten pro Kopf. Wenn man die japanischen "Pachinko"-Automaten abzieht, bei denen man kein Geld, sondern nur Sachpreise gewinnen kann, stehen in Australien sogar sechs Prozent aller Glücksspielautomaten der Welt.

Und diese schier endlos wirkende Einladung zu zocken hat Folgen: Nicht nur, dass in Australien hochgerechnet die meisten Automaten pro Einwohner stehen, die Aussis verlieren beim Glücksspiel so viel wie keine andere Nation auf der Welt. Durchschnittlich 1200 Australische Dollar pro Jahr (768 Euro) – gerechnet auf alle Bürger, vom Säugling bis zum Rentner. Damit verzocken sie 40 Prozent mehr als die zweitplatzierte Nation in diesem Ranking, Singapur, so eine Auswertung der australischen Regierung. 

Besonders verheerend ist die Lage im Bundesstaat New South Wales im Südosten des Landes. Hier gibt es für 7,5 Millionen Einwohner fast 70.000 Pokies. Im Jahr 2019 wurde in New South Wales allein mit Glücksspielautomaten ein Umsatz von 83,2 Milliarden Australische Dollar (53,3 Milliarden Euro) erwirtschaftet. Die Automaten-Zocker verloren dabei 6.4 Milliarden Dollar (4,1 Milliarden Euro), und damit rund 1024 Euro pro Einwohner.

Glücksspiel trifft vor allem ärmere Bevölkerungsgruppen

Laut einer Studie der australischen Regierung treffen die Verluste im Glücksspiel vor allem die ärmere Bevölkerung. Und diese ist es auch, die am meisten verspielt. In Stadtteilen mit schlechter Infrastruktur und geringeren Einkommensverhältnissen liegt der durchschnittliche Glücksspielverlust um ein Vielfaches höher als in gut situierten Vierteln. 

Ein gutes Beispiel für diese Tendenz ist der Vorort Fairfield, der ärmste Stadtteil von Sydney. Das durchschnittliche Haushaltseinkommen lag hier bei 1222 Australischen Dollar pro Woche im Jahr 2018. Der durchschnittliche Verlust durch Glücksspiele betrug 5668 Dollar pro Jahr – also fast das Fünffache des Mittelwertes in Australien.

Ein deregulierter Markt und korrumpierte Politik

Warum aber zockt ausgerechnet Australien so viel? Für den Pfarrer Reverend Tim Costello liegt das Problem vor allem in dem vollkommen deregulierten Markt. Costello ist Vorsitzender der "Alliance for Gambling Reform", die sich dafür einsetzt, staatliche Maßnahmen gegen das Spielen einzuführen. In einem Gastbeitrag im britischen "Guardian" erklärt er: "Seit Jahrzehnten scheint die australische Politik, insbesondere in NSW (New South Wales Anm. d. Red), von drei großen Einheiten beherrscht zu werden: den beiden großen politischen Parteien und der Glücksspielindustrie." 

Seit Anfang der 1980er hätten die Glücksspielunternehmen sich tief in die Politik gegraben und den Markt so sehr dereguliert, wie in kaum einem anderen Land. Costello spricht von einem "Schattenkabinett." Das Ergebnis sind fast unglaubliche Richtlinien, die darauf schließen lassen, dass der Glücksspielmarkt in Australien eines auf alle Fälle nicht im Sinn hat: den Schutz der Spieler. 

So ist es bis heute möglich, dass in Australien mit teilweise absurd hohen Einsätzen gespielt werden kann – insbesondere an den Automaten des Landes. Laut Costello ist es möglich, zehn Dollar pro Spielrunde zu setzen. Das bedeutet, theoretisch können die Spieler bis zu 200 Dollar pro Minute verlieren. 

Australien zockt sich in den Ruin – und die Regierung schaut zu

Zwar gebe es immer wieder Anstöße der Regierung, das Glücksspiel in Down Under stärker zu regulieren, aber den Vorschlägen fehle es an Substanz, so der Pfarrer weiter. Dabei wären wirkungsvolle Maßnahmen verhältnismäßig einfach durchzusetzen. Costello orientiert sich mit seinen Forderungen an anderen Ländern, wie zum Beispiel auch Deutschland. So sei ein Limit von einem Dollar pro Spielrunde ein erster wichtiger Schritt, um die Verluste in einem überschaubaren Rahmen zu halten.

Die wichtigste Maßnahme wäre zudem eine universell einsetzbare, personalisierte und bargeldlose Glücksspielkarte, bei der die Spieler von vornherein ein Limit festsetzen müssten, das sie maximal verspielen können. Ein ähnliches System existiert beispielsweise in skandinavischen Ländern, die über diese Einführung die Anzahl an Glücksspielsüchtigen drastisch reduzieren konnten. 

Doch die Politik in Australien stelle sich bei diesen Regulierungen quer, so Costello: "Die Politiker fühlen sich weiterhin der Glücksspielindustrie verpflichtet und sie wollen ihre besten Kunden nicht verlieren."

Nicht umsonst vergleichen Einige die Glücksspielindustrie in Australien mit der Waffenlobby "NRA" in den USA. "Es ist erstaunlich, dass der blinde Fleck Australiens das Glücksspiel ist, so wie der der USA die Waffen. Der Rest der Welt ist fassungslos, wie eine einzige Branche so etwas bewerkstelligen kann", erklärt der Pfarrer. 

Ob und wann sich Australien gegen das Glücksspiel und seine Lobby stellt, ist also unklar. Costello wird aber nicht aufhören, für eine Regulierung zu kämpfen, wie er sagt: "Wie die 'Whitlams' sangen, ist es an der Zeit, die Pokies in die Luft zu jagen und sie abzureißen, weil sie zu Vielen das Essen von den Tischen gestohlen haben. Lasst uns NSW für immer aus ihren Klauen befreien, indem wir für eine echte Reform des Glücksspiels kämpfen, unabhängig davon, wer die nächste Wahl gewinnt."

Quellen: The Guardian, Studie Australische Regierung, FAZ, NZZ, SRF

Mehr zum Thema

Newsticker