Günter Dahl "Meine steile Karriere"


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stern-Reporter Günter Dahl, langjähriger Leiter des Medizin-Ressorts und Buch-Autor, verdankte seinen Anstellungsvertrag als Volontär dem glücklichen Umstand, dass er als junger Mann eine Schreibmaschine besaß, die er dem Verlag zu Verfügung stellen konnte.

Oft habe ich das Glück, im Flugzeug oder im Intercity zwischen jungen Erfolgsmenschen Platz zu nehmen, denen die Aufstiegschancen ins Antlitz programmiert sind. Beneidenswert! Ich sehe die Sprossen ihrer Karriereleiter vor mir: Abitur mit eins, Studium, Diplom, Trainee, Auslandsposten, Assistent des Vorstands, Sprung ins Management. Ich stelle mir vor, ich müsste vor diesen jungen Herren ein Referat "Karriereplanung im Jahre 1947" halten. Die würden sich totlachen, und dann würden sie sagen: "Guter Mann, das war aber eine schöne Märchenstunde."

Ich versuch´s trotzdem.

Den Floh, Journalist zu werden, hatte mir mein Klassenlehrer ins Ohr gesetzt. Er war Feuilleton-Redakteur, Kunstkritiker und Theaterdramaturg, ehe er in den Schuldienst ging und, wie er es ausdrückte, den schönsten aller Berufe aufgab. Das war 1936. Der Schüler Günter Dahl war 13.

Abitur 1942, danach Studium der Zeitungswissenschaft bis zum dritten Semester, dann wurde ich 1944 bei einem Luftangriff auf Berlin schwer verletzt. Wohnung meiner Eltern und Werkstatt meines Vaters, er war Schneidermeister, waren ein qualmender Trümmerhaufen.

Aus der Traum vom Journalismus.

Wir fanden eine Bleibe im Sudetenland. Ich geriet zweimal in Gefangenschaft, und ich wog bei der Entlassung 34 Kilo. Als ich mich nach langer Krankheit berappelt hatte, beschaffte ich mir – Anfang 1947 – die Adressen der damals existierenden Zeitungen und Zeitschriften, kaufte 110 Postkarten und ließ meine Bewerbung um eine Volontärsstelle von einem Buchhalter auf der Abziehmaschine seiner Firma vervielfältigen. Er wollte dafür eine Leberwurst. Mein Vater bekam die Wurst von einem Bauern, dem er dafür eine Mütze genäht hatte. Wir wohnten inzwischen in einem Dorf bei Hannover.

Meinem Vater war nun klar: Der Junge will wirklich Journalist werden, und ein großer Augenblick ereignete sich. Mein Vater öffnete ein Paket, dass er während der Flucht nicht aus den Augen gelassen und hier vor den Bauern versteckt hatte, und zog drei Meter Stoff, beste englische Ware, hervor, ausreichend für einen Anzug oder ein Kostüm. "Wärst du eine Tochter, dann wäre dies deine Aussteuer, deine Mitgift", sagte er, "mehr habe ich nicht, wie du weißt. Nimm das und sieh zu, wie du dafür eine Schreibmaschine kriegst."

Mit einem fingierten Telegramm beschaffte ich mir die Genehmigung, mit einem englischen Militärzug "in dringender Familienangelegenheit" von Hannover nach Berlin zu fahren, ließ in einer Tauschzentrale meinen Coupon Stoff auf 2700 Reichsmark taxieren und tauschte ihn gegen eine Schreibmaschine im Wert von 2400 Reichsmark.

Als ich in unser Dorf zurückkam, lag ein Telegramm aus Karlsruhe auf dem Tisch, Absender "Verlag Volk und Zeit". Darin stand: "Sind an Bewerbung interessiert. Erwarten persönliche Vorstellung. Übernehmen Reisekosten."

Dass die nächtliche Reise mit der überfüllten Eisenbahn zunächst draußen auf dem Trittbrett stattfand, war für die damaligen Verhältnisse (April 1947) nicht ungewöhnlich. Man musste sich nur gut festhalten.

Neben mir hing ein Mann, der ein halbes Brot im Tornister hatte, aber keinen Aufstrich, während ich eine Büchse Rübenkraut im Rucksack hatte, aber kein Brot. Wir wurden schnell einig. Er erzählte, dass er in der Nähe von Fulda Klaviersaiten gegen Papier tauschen wollte, er und drei Freunde hätten den Plan, eine Jugendzeitschrift zu machen. Und ich erzählte, dass morgen in Karlsruhe meine journalistische Karriere begänne, und außerdem sei ich Besitzer einer Schreibmaschine. Der Mann horchte auf und wollte meine Adresse, ehe er mit seinen Klaviersaiten verschwand.

Ich hatte mich zu früh gefreut: Karlsruhe wurde ein großer Reinfall. Ich bekam eine warme Suppe, das Fahrgeld und den gut gemeinten Rat, mir besser einen anderen Beruf zu suchen. Man habe einen fixen Jungreporter erwartet, der schon was Geschriebenes vorweisen kann. Sie wünschten mir alles Gute.

Zum zweiten Mal: Aus der Traum vom Journalismus.

Ende Juni 1947 bekam ich einen Brief aus Bad Pyrmont von einem "Zick-Zack-Verlag". Ob ich mich an die nächtliche Bahnfahrt erinnerte, ob ich mal vorbeikommen wolle? Dann der Satz: "Sollten sie interessiert sein, bringen Sie ihre Schreibmaschine mit."

Also fuhr ich nach Bad Pyrmont. Meine Schreibmaschine ließ ich zu Hause. Es ging doch um mich. Die Enttäuschung der Herren in Pyrmont war groß, als ich mit leeren Händen kam. Ich fand schnell heraus, warum: der "Zick-Zack-Verlag" besaß selbst keine Schreibmaschine. Der Mann, den ich nachts auf dem Trittbrett kennen gelernt hatte, und ein anderer, sehr junger, der sich als Chefredakteur ausgab (ich schätzte ihn auf 24, so alt wie ich), verschwanden im Nebenzimmer. Der dritte blätterte mit unbewegtem Gesicht in meinen Geschichten, die ich in den vergangenen zwei Monaten geschrieben hatte, und murmelte: "Na ja" und ging dann ebenfalls nach nebenan. Ich hörte sie flüstern: "Wichtig ist doch nur, dass er seine Schreibmaschine mitbringt, dafür nehmen wir den armen Kerl in Kauf. Sein Geschreibe ist nicht der Rede wert. Vielleicht lernt er's ja noch ..."

Als der Mann zurückkam, sagte er gnädig, der Verlag sei bereit, mir die Chance als Volontär zu geben. Ob ich sofort anfangen könne? Am nächsten Tag kam mein Vertrag: 150 Reichsmark im Monat und "Herr Dahl verpflichtet sich ausdrücklich, dem Verlag seine Schreibmaschine zur Nutzung zu überlassen".

So war es - "Karriereplanung 1947". Keine Märchenstunde, Ihr Herren von heute, sondern die Stunde der Wahrheit. Man hat mich dann übrigens behalten, als der Verlag die erste eigene Schreibmaschine besaß und als 1948 aus "Zick-Zack" der stern wurde. Ich bin bis heute geblieben.

Es war eine fantastische Zeit im schönsten aller Berufe.

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