Hintergrund Wie Unglücksorte mit ihrem Erbe leben


Katastrophen wie das Zugunglück von Eschede mit 101 Toten reißen tiefe Wunden und prägen Menschen und Orte. Wie hat sich das Leben in Unglücksorten verändert?

Angehörige von Opfern treffen sich im stillen Gedenken, Helfer und Hinterbliebene verschmelzen zur Schicksalsgemeinschaft. Wie "verwundeten Orte" mit ihrem Erbe leben, zeigt sich an vier Schauplätzen schwerer Unglücke:

Überlingen

Die Erinnerung an das Flugzeugunglück vom Bodensee mit 71 Toten ist noch wach. Zum Jahrestag am 1. Juli wollen Angehörige der Opfer - darunter 45 Kinder - erneut an den Schauplatz der Tragödie reisen und am provisorisch errichteten Mahnmal, einem Holzkreuz, der Toten gedenken. Am 1. Juli 2002 waren bei Überlingen (Baden-Württemberg) eine Tupolew 154M der russischen Bashkirian Airlines und eine Boeing 757-200 - eine Frachtmaschine des Paketdienstes DHL - im Sinkflug zusammengestoßen.

Die Katastrophe hat Helfer und Angehörige der Opfer aus der russischen Teilrepublik Baschkirien zusammengeschweißt. Schon direkt nach dem Unglück hatten sich auf beiden Seiten Freundeskreise gebildet. Jugendliche und eine Regierungsdelegation aus Baschkirien waren zu Gast am Bodensee, im Januar reisten Helfer von Polizei und Rettungsdiensten in die Teilrepublik. Bis zum 1. Juli sollen die Pläne für ein Denkmal an der Unglücksstelle vorliegen. Künstler aus Baden-Württemberg und Baschkirien haben Entwürfe vorgelegt.

Borken

Auch 15 Jahre nach dem schweren Grubenunglück sinkt im nordhessischen Borken noch immer die Stimmung, wenn der Jahrestag der Katastrophe mit 51 Toten naht. Eine Routinesprengung hatte am 1. Juni 1988 in der Braunkohlegrube Stolzenbach eine Kohlestaubexplosion ausgelöst. Von den 57 verschütteten Bergleuten konnten nach knapp drei Tagen nur noch 6 gerettet werden. "Den Betroffenen merkt man es sofort an, dass es wieder auf den Jahrestag zugeht", sagt Stadtsprecher Siegfried Bank. "Da ist eine Nachdenklichkeit, eine gedrückte Stimmung." Es gebe auch Angehörige, die Borken jedes Mal, wenn der 1. Juni nahe, für einige Tage verließen und verreisten.

Auf dem Areal der Zeche, die nach dem Unglück geschlossen wurde, ist inzwischen eine Gedenkstätte errichtet worden. Ehemalige Bergleute haben in ehrenamtlicher Arbeit auch ein Bergbaumuseum eingerichtet, in dem bei Führungen an die Tragödie erinnert wird. Bei Gedenkgottesdiensten schildern ehemalige Bergleute, wie sie die vergangenen 15 Jahre erlebt haben. Betroffene Kinder erzählen, wie sie ohne Vater aufgewachsen sind.

Ramstein

Im rheinland-pfälzischen Ramstein kommen die Angehörigen von 70 Opfern der Flugkatastrophe vom 28. August 1988 noch immer regelmäßig zum Jahrestag zusammen. Bei dem Unglück waren während einer Flugschau auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Maschinen einer italienischen Kunstflugstaffel zusammengeprallt und in die Zuschauermenge gestürzt. Es war das bislang größte Flugschau-Unglück. Für die Opfer wurde ein Jahr nach der Katastrophe am Absturzort ein Gedenkstein errichtet.

Da zwar die Amerikaner den Angehörigen den Zugang für ihre Trauerarbeit zugesichert haben, aber Besucher sich den bei der US-Armee üblichen Sicherheitskontrollen unterziehen müssen, gibt es mittlerweile in einem Wäldchen außerhalb des US-Geländes einen zweiten Gedenkstein. In ihn sind die Namen aller Opfer eingraviert, wie ein Sprecher der Gemeindeverwaltung berichtet. Die damals Verletzten und die Angehörigen der Toten können immer noch an Nachsorgegruppen unter psychologischer Betreuung teilnehmen.

Langenweddingen

Auch 36 Jahre nach dem schwersten Zugunglück der DDR wird in Langenweddingen bei Magdeburg nicht in der Öffentlichkeit darüber gesprochen. "Das ist weitestgehend ein Tabu-Thema", sagt Bürgermeister Erich Wasserthal, der damals noch ein Kind war. Am 6. Juli 1967 war ein mit 15.000 Litern Leichtbenzin gefüllter Tankwagen an einem Bahnübergang von einem Personenzug erfasst worden und explodiert. 94 Menschen kamen ums Leben, darunter 44 Kinder.

"Bei schweren Einsätzen sprechen heute Feuerwehrleute untereinander, aber es ist eben kein Thema für den Stammtisch", sagt der Bürgermeister. Viele damals Beteiligte lebten heute noch im Ort. "Die Alten wollen das, was sie damals gesehen haben, vergesse"», meint Lieselotte Ackermann, die seinerzeit als Krankenschwester arbeitete. Im Ortsbild erinnert nichts an das Unglück: Es gibt keine Gedenkstätte, keine regelmäßigen Treffen von Hinterbliebenen.

DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker