HOME

Israel: O'zapft is im heiligen Land

Mitten in den Golanhöhen im Norden Israels hat der bayerische Bierbrauer Nikolaus Starkmeth die erste Brauerei im Nahen Osten eröffnet. Zwischen koscherem Essen und jüdischen Feiertagen verköstigt er Weißbier, Pils und Doppelbock mit viel Schaum - wie in der bayerischen Heimat.

Von Oren Geller

Mitten in den Golanhöhen im Norden Israels eröffnete der bayerische Bierbrauer Nikolaus Starkmeth die erste Brauerei im Nahen Osten. Zwischen koscherem Essen und jüdischen Feiertagen verköstigt er Weißbier, Pils und Doppelbock mit viel Schaum, wie in Deutschland.

Die gleißende Mittelmeersonne strahlt durch das mit Tropfen bedeckte Weizenbierglas hindurch und lässt das strikt nach deutschem Reinheitsgebot gebraute israelische Weißbier verführerisch erscheinen. Nach dem ersten Schluck meint man im Englischen Garten in München zu sitzen, nicht in Kazrin, einer Kleinstadt mit 6.500 Einwohnern mitten auf den goldbraunen Golanhöhen. Der Höhenzug im Norden Israels sieht zu dieser Jahreszeit eher nach ausgedörrten afrikanischen Savannen als nach saftigen bayerischen Wiesen aus, niemand würde hier ein Stück Heimat des Weizenbieres vermuten. Lediglich das Blau des See Genezareth hat was mit Bavaria gemein.

"In Israel sind die Leute offener"

Bekannt geworden ist das Plateau nicht nur durch die verzwickte politische Lage, sondern auch durch seinen goldfarbenen Wein. Und doch beherbergt der Golan die einzige deutsche Brauerei im Nahen Osten, die auch noch von einem Münchener Braumeister betrieben wird: Nikolaus Starkmeth.

Angefangen hatte alles, als Chaim Ochajon und ein weiterer Geschäftsmann es sich in den Kopf setzten, deutsches Bier in Israel zu brauen. Als sie auf einer Ernährungsmesse in Deutschland mit dem Konzept einer Pubbrauerei in Berührung kamen, waren sie begeistert. Starkmeth sollte den Aufbau und den Anfang der Produktion überwachen und anschließend das Traditionshandwerk einem Gehilfen überlassen.

Vom Azubi ist bis heute keine Spur zu sehen und von einem kurzen Aufenthalt ist auch nicht mehr die Rede. Starkmeth ist von Israel und seinen Möglichkeiten fasziniert: "Deutschland ist festgefahren", meint der Bayer, "mit der Mentalität der Menschen in Fernost bin ich nicht zurecht gekommen, aber hier in Israel sind die Leute irgendwie offener. Jeder Israeli hat eine Geschichte, die meisten waren mal für längere Zeit im Ausland und ich meine keine Sauftouren in Palma de Mallorca."

Vom Kameramann zum Bierbrauer

So braut er vier unterschiedliche Biersorten, die er speziell für israelische Vorlieben kreiert hat. Außer dem Weißbier bietet er ein helles Pilsener an, ein rötliches altfränkisches Bier sowie ein schwarzes Doppelbock, von dem ihm die Gäste trotz der drückenden Hitze die Fässer leer trinken. Doch Starkmeth ist davon überzeugt, alle bekannte Biersorten herstellen zu können, da das hiesige Wasser "das beste Wasser der Welt" ist und er deswegen jedmögliche Hopfen-Malz-Kombination verwenden könne.

Trotz Pessach wird auch samstags gezapft

Der umtriebige Bierspezialist hat erst spät seinen Traumberuf gefunden. Bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr war er Kameramann bei internationalen Filmproduktionen, bis er erkannte, dass das viele Reisen nicht seiner bayerischen Mentalität entspricht. Niederlassen, einem "ehrlichen" Handwerk nachgehen wollte er. Er wurde Braumeister. Rund vier Jahre hielt er es in Glonn bei München aus, bis er die Möglichkeit bekam, ähnliche zehn Hektoliter-Produktionsstätten überall dort aufzubauen, wo Hopfen und Malz für Bierkenner noch nicht verloren sind. Und so war der verschmitzt drein schauende Münchner bereits in Russland, Polen, Korea und Japan aktiv.

Aber das heilige Land hat es ihm besonders angetan. Zwar waren die Anfänge in Israel nicht leicht, da die Investoren andere Vorstellungen vom Biersortiment und vom deutschen Reinheitsgebot als der bayrische Braumeister hatten. Aber der nur auf mündlichen Vertrag arbeitende Deutsche konnte sich durchsetzen.

Obwohl der 54-jährige Starkmeth Alkoholika herstellt, ist ihm stupides Saufen zuwieder. Er möchte ein Qualitätsprodukt für Kenner und Liebhaber zubereiten, die auch damit umzugehen wissen. Auch ein Grund, warum er nicht nach Mallorca gezogen ist, den er "will keinen Ballermann". Mehr noch, er möchte auf die israelische Trinkkultur Einfluss nehmen, die bis dato mehr von russischen Trinkgewohnheiten als von bayrischer Gemütlichkeit beeinflusst wurde. Er wird nicht müde, den lokalen Bedienungen zu zeigen, wie man ordentlich zapft und weist stets darauf hin, dass Schaum ins Bierglas gehört und zwar mehr, als man hier gewohnt ist.

Süddeutsche Gelassenheit liegt ihm im Blut, und er strahlt es auf seine Mitmenschen aus. Sein dolće vita kommt hier gut an. "Es gibt nicht viel Besseres, als gutes Bier, gute Musik und gutes Essen. Und wenn man das mit seinem Beruf verknüpfen kann, hat man den schönsten Beruf überhaupt", meint er lächelnd und erklärt, dass er sich zwar nicht in das laufende Geschäft einmischt, er sich aber ein bisschen um das Essen kümmert. Deswegen hat er nicht wenige Schlachten mit dem örtlichen Rabbinat ausfechten müssen, dem es ein Dorn im Auge ist, dass in der kleinen Brauerei auch am Samstag die Zapfhähne geöffnet sind. Noch schlimmer wird es beim Essen: Würste à la Germania dürfen kein Schwein enthalten, dem Sauerkraut keine Butter und dem Kartoffelpüre keine Milch beigegeben werden, da Fleisch und Milch nicht zusammen gegessen werden dürfen.

Das Essen muss woanders gekocht und darf nicht mit seinem Besteck serviert werden, um überhaupt das Prädikat "koscher" führen zu dürfen. Eine Woche im Jahr muss er den gesamten Betrieb ruhen lassen, weil man zu Pessach keinen gesäuerten Teig verwenden darf. "Das finde ich gut", meint Starkmeth, "von solchen Feiertagen müsste es mehr geben, das passt zu meiner Philosophie". Nicht, dass er sich vor Arbeit scheut, nur möchte er es ruhig angehen lassen, ohne Hetze nach dem großen Geld.

Er möchte nur ein "ehrliches" Bier brauen

So kurios es klingen mag, Starkmeth bereiten die Scharmützel mit der religiösen Obrigkeit mehr Kopfzerbrechen als die politische Großwetterlage. Das angespannte Verhältnis zu Syrien ist in seiner Arbeit kein Thema. Und wenn er dennoch auf die brenzlige Lage angesprochen wird, und man ihn fragt, ob er keine Angst davor habe, seinen Betrieb schließen zu müssen, wenn Israel das Gebiet an Syrien abtreten sollte, fällt seine Antwort so bodenständig wie sein Handwerk aus: "In Deutschland ist es wahrscheinlicher, eine Brauerei aufgrund der explodierenden Strompreise schließen zu müssen, als das Israel den Golan zurück an Syrien gibt. Ich habe deswegen bereits eine Mini-Brauerei schliessen müssen und das tat weh. Aber ich hoffe, dass es mir nicht nochmal passieren wird."

Mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu, dass es für ihn keine größere Ehre geben könnte, als bei den Friedensgesprächen sein Bier als offizielles Tischgetränk zu servieren. Sowieso ist er der Meinung, dass die Politiker dieser Region ihre Probleme bei einem Bier längst gelöst hätten, wenn sie zusammen einen Schoppen getrunken hätten.

Aber er kann die Probleme dieser Welt nicht lösen und möchte eigentlich nur "ehrliches" Bier brauen, denn eine "ehrliche" Atmosphäre ist ihm wichtig. Deshalb stellt er sich ab und wann auf die kleine Bühne und verwöhnt die Gäste mit ebenso "ehrlichem" Blues. Und wenn er in der Zukunft eine noch kleinere Brauerei in der sich erneuernden Altstadt von Yaffa aufbauen wird, wird der Münchner Brauer bei mediteraner Sonne nicht mehr brauchen, als seine drei "Ehrlichkeiten".