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Hochwasser Es schockiert mich nicht. Es macht mich traurig. Und wütend

Kordel Hochwasser
Szenen aus Rheinland-Pfalz: Der Ort Kordel stand komplett unter Wasser
© Sebastian Schmitt / DPA
Unsere Autorin ist Klimaaktivistin. Hier schreibt sie darüber, welche Gefühle die Unwetterkatastrophe in ihr auslöst. Und formuliert eine klare Forderung.
Von Clara Porak
Das erste, was ich fühle, ist Leere. Ein taubes Gefühl in meiner Brust, es frisst sich zwischen meine Rippen, macht mich müde, sprachlos, lahm.

In meinem Twitter-Feed fährt ein Feuerwehrauto nur mühsam durch eine überschwemmte Straße. Da sind Bilder von Häusern, die von Wassermassen weggerissen werden, Menschen, die mit leerem Blick in die Kamera sagen, sie hätten alles verloren. Daher kommt die Leere.

In dieser Woche erschütterten extreme Unwetter Deutschland: In Westdeutschland kam es zu massiven Überflutungen, tausende Menschen mussten evakuiert werden, Häuser, ganze Ortschaften wurden zerstört, die Zahl der Verstorbenen steigt noch immer an.

Hilflosigkeit. Trauer. Irgendwann: Wut.

Ich schließe Twitter und weiß erst nicht mehr, was ich fühlen soll. Hilflosigkeit. Trauer. Irgendwann: Wut.

Ich bin seit rund fünf Jahren Klimaaktivistin. Ich kenne diese Bilder. Ich bin in dem Bewusstsein erwachsen geworden, dass ich meine Zukunft verlieren werde. Deshalb schockiert mich nicht, was gerade passiert, so tragisch es ist. Aber es macht mich traurig und es macht mich wütend. 

Am Mittwoch noch präsentierte die EU ein Klimapaket und feierte es als Erfolg. Darin stellte sie ihren Plan vor, das neue "ambitionierte Klimaziel" zu erreichen, ihre Emissionen bis 2030 um 55 Prozent zu verringern. Das Programm trägt den Titel "#fitfor55". Die EU verkaufte dieses Paket als Erfolg. Ich werde schon bei diesem Namen wütend. Das ist kein Erfolg. Im Gegenteil.

Wie zur Hölle kann es sein, dass das alles ist, das man uns bietet? Eine Reduktion der Emissionen um 55 Prozent bis 2030 ist absolut unzureichend. Sie reicht nicht aus, um die im Pariser Klimaabkommen enthaltenen Ziele zu erreichen. Damit steuern wir auf das sogenannte "Hothouse Earth"-Szenario zu, in dem uns noch mehr Dürre, extreme Hitze, Hunger und aller Voraussicht nach Kriege erwarten. In dem menschliches Leben langfristig immer unwahrscheinlicher wird, weil die Erde zum Treibhaus wird. Konkret heißt das: Erreichen wir die Ziele des Pariser Klimaabkommens nicht, steuern wir auf den Kippunkt zu. Ab diesem Moment wird der Klimawandel irreversibel.

Die Politik versagt. Wir versagen. Weiterhin.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Natürlich finden sich in dem Paket wichtige Ansätze, es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber Schritte reichen nicht mehr. Seit den 1980ern ist bekannt, was die Klimakrise bedeutet. 40 Jahre später sind die "ambitionierten Lösungen“ nicht mehr als ein schlechter Scherz. Die Politik versagt. Wir versagen. Weiterhin. 

Dieses Paket "fitfor55" zu nennen, ist zynisch. Denn fit wird das Klima damit nicht gemacht. In Wahrheit ist es das Gegenteil, es ist ein weiteres Verhöhnen von Menschen im globalen Süden, die schon jetzt die existenziellen Auswirkungen der Klimakrise spüren, von all jenen in Deutschland, die gerade wegen der Unwetter ihre Heimat verlieren, die sie in den nächsten Jahren verlieren werden. Wie kann man das wagen? Wie kann man nur zusehen, wie Unwetter wie jene dieser Woche uns so viel nehmen ­– und dabei immer noch so tun, als sei die Klimakrise ein Problem von vielen, eines der Zukunft, der anderen?

Wochen wie diese, in der wir zu viele Menschen verlieren, in der wir Existenzen neu bauen müssen, sind jetzt schon Teil unserer Realität. Und sie werden mehr und mehr und mehr werden. Das alles hat reale Konsequenzen für unsere Leben. Überall.

Diese Menschen, in Deutschland und anderswo, wir, sind mir nicht egal. Aber bisher habe ich das Gefühl, der Politik sind sie es. Diese Katastrophe war absehbar. Wie kann es sein, dass wir noch immer nicht alles geben, sie zu verhindern?

Wir brauchen bessere, radikalere Lösungen. Wir werden, das hat diese Woche gezeigt, viel verlieren. Wir brauchen Platz für diesen Verlust. Statt einer Gesellschaft, die auf Wirtschaftswachstum ausgerichtet ist, brauchen wir eine Gesellschaft, die aufeinander schaut. In der Raum für den Schmerz ist, den so viele, den ich schon jetzt jeden Tag fühle, den wir alle jeden Tag mehr und mehr fühlen werden. Wir werden nicht alles retten, nicht alles schaffen können. Wir müssen lernen uns an den Verlust zu gewöhnen. Die Verzweiflung, die Angst.

Wir haben eine Entscheidung zu treffen. Und wir müssen sie gemeinsam treffen. Ich bin 23 Jahre alt. Mein ganzes Leben wird geprägt sein vom Kampf gegen die Klimakrise. Ich glaube, wir können uns nicht entscheiden, ob wir diesen Kampf führen. Aber wir können uns entscheiden, wie wir ihn führen. Entweder wir tun das wie gerade: Indem wir wegsehen, solange es geht. Indem wir kleinreden und runterspielen. Indem wir unsere Grenzen dichtmachen und auf Europa schauen, an Wirtschaftswachstum festhalten, an einem System, das meiner Meinung nach lange ausgedient hat.

Oder verändern wir, was verändert werden muss? Es ist möglich. Noch.

Oder wir entscheiden uns anders. Wir führen unseren Kampf gegen die Klimakrise gemeinsam. Wir schützen jene, in Deutschland und darüber hinaus, die unseren Schutz brauchen. Wir verändern, was verändert werden muss. Das wird nicht einfach, aber es ist notwendig. Und vor allem: Es ist möglich. Noch. 

Deutschland ist nur ein einzelnes Land. Wir alleine können die Klimakrise ganz sicher nicht aufhalten. Aber wir können uns für eine Gesellschaft entscheiden, die wir ohnehin zu sein glauben: Eine Gesellschaft, die alles Leben schützt. Die für Menschenrechte einsteht. Die zusammenhält. Die sich nicht unterkriegen lässt. Die eine lebenswerte Zukunft für alle schafft.

Ich bin der festen Überzeugung: Wenn wir es wollen, dann werden wir es auch schaffen.

sw

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