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Empfehlungen von Klimaexperten: Diese Experten beraten Firmen und verraten: So rüsten Sie sich für die Erderwärmung

Hagel, Sturm, Dürre: Die Folgen des Klimawandels sind bereits spürbar. Klimaexperten erklären, mit welchen einfachen Tricks man das Klima schützt, sich aber auch an die Veränderungen anpasst.

Von Annina Metz und Florian Schillat

Steffen Bender, Peer Seipold und Markus Groth, wissenschaftliche Mitarbeiter von Gerics, formulierten zusammen mit dem stern Tipps, wie man sich dem Klimawandel anpassen kann. 

Steffen Bender, Peer Seipold und Markus Groth, wissenschaftliche Mitarbeiter von Gerics, formulierten zusammen mit dem stern Tipps, wie man sich dem Klimawandel anpassen kann. 

DPA

Wenn Autodächer von tennisballgroßen Hagelkörnern zerbeult werden, Keller nach monsunartigem Regen ausgepumpt werden müssen und Rasen aufgrund wochenlanger Sommerhitze vertrocknet, dann zwingen uns die Folgen von Extremwetter zum Handeln. Das aber erst, wenn der Schaden schon angerichtet ist. Wetterlagen wie die beschriebenen werden oft mit einem lapidaren "das Wetter spielt mal wieder verrückt" abgetan. An Prävention denkt kaum jemand – was fatal ist. 

Der Klimawandel verändert auch Deutschland

Aufgrund der Erderwärmung werden diese Extremwetter in Zukunft öfter auftreten. Denn die Folgen des Klimawandels gehen weit über die bloße Erhöhung der Durchschnittstemperatur hinaus. In Deutschland muss im Winter künftig mit mehr Regen gerechnet werden, im Sommer mit Dürre. In den Städten muss die Kanalisation erheblich mehr Regenwasser abfangen, die Häuser heizen sich im Sommer stärker auf. Grünflächen und Flüsse trocknen aus, gleichzeitig steigt in der Nord- und Ostsee der Wasserspiegel und die Küstenregionen müssen vor Hochwasser geschützt werden.

Dafür benötigen Städte und Unternehmen auf sie zugeschnittene Hilfe. Diese können sie vom Climate Service Center Germany, kurz Gerics, anfordern. Hinter der "Ideenschmiede für Klimadienstleistungen", wie sich Gerics beschreibt, steckt ein interdisziplinäres Team mit über 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus den Bereichen Naturwissenschaft, Ökonomie, Architektur und den Geisteswissenschaften. Gemeinsam mit den Auftraggebern erarbeiten die Wissenschaftler spezielle Konzepte, wie der Umgang mit dem Klimawandel aussehen muss. Gerics, das 2009 von der Bundesregierung als Teil der "Hightech-Strategie zum Klimaschutz" ins Leben gerufen wurde, versucht Anpassungsmaßnahmen für ihre Kunden zu formulieren.

Die Gerics-Wissenschaftler empfehlen dabei eine Kombination aus Klimaschutz und der richtigen Reaktion auf die bereits eingetretenen Veränderungen. Ein Beispiel: Wer mit dem Rad anstatt mit dem Auto fährt, der spart nicht nur CO2 ein, sondern lehrt seinen Körper auch, sich bei Anstrengung und hohen Temperaturen abzukühlen. Unerlässlich, wenn das Klima immer wärmer wird. Vier weitere Tipps der Experten, wie man nicht nur das Klima schützt, sondern sich dabei auch selbst anpasst:

1. Bäume und Pflanzen schützen

Mit steigenden Temperaturen avancieren Bäume immer mehr zu Schattenspendern, die Hitze aus Wohnflächen fernhalten. Ein Baum vorm Fenster sieht dabei nicht nur gut aus, sondern schützt auch vor direkter Sonneneinstrahlung. Das aber nur, wenn er voller Laub ist. Aufgrund der steigenden Temperaturen werfen die Bäume ihre Blätter aber immer früher im Kalenderjahr ab oder trocknen in der Sommerhitze aus. Das Grünflächenamt in den Städten kommt mit der Bewässerung kaum hinterher. Was tun?

So passen Sie sich an: Obwohl der Schatten spendende Baum vor Ihrem Fenster vielleicht nicht auf Ihrem Grundstück steht oder in Ihrem Besitz ist, sollten Sie sich um ihn kümmern. Dazu zählt vor allem das Gießen des Baumes im Sommer. Aber auch die Pflege der Erde rund um den Baum ist wichtig, um diesen optimal zu schützen: Im Gegensatz zu festgetretener Erde erleichtert grüner Boden das Versickern von Wasser. Der Baum kann sich nach Regenfällen oder Gießen länger selbst mit Wasser versorgen. Gerics empfiehlt zwanglose Patenschaften mit den Nachbarn, die sicher stellen sollen, dass sich auch um Bäume vor Mietshäusern gekümmert wird.

… und schützen dabei das KlimaBäume filtern unsere Luft, binden Kohlendioxid und produzieren Sauerstoff – und sind damit für frische Luft unerlässlich. 

2. (Dach-)Begrünung und Aufforstung

Eine geradezu kleine Maßnahme mit großer Wirkung: grüne Dächer und dichtere Wälder. Forscherinnen und Forscher der Technischen Hochschule (ETH) Zürich publizierten jüngst eine Studie, die besagt, dass nichts so effektiv gegen den Klimawandel sei wie das Pflanzen von Bäumen. Dazu zählt aber nicht nur der Wald als guter Ort, um neue Pflanzen wachsen zu lassen. Auch Hausdächer lassen sich hervorragend begrünen. 

So passen Sie sich an: Pflanzen Sie Bäume, die auch bei höheren Temperaturen überleben können und die die heißer werdenden Sommer vertragen. Was die Dachbegrünung angeht, so bringt diese zahlreiche Vorteile mit sich. Zunächst wäre da die isolierende Wirkung zu nennen: Das feuchte Grün auf dem Dach schwächt das Aufheizen des Hauses ab. Außerdem führt Dachbegrünung Wasser kontrollierter ab als etwa glatte Dachziegel und verhindert so Sturzbäche, die von den Dächern schießen und im schlimmsten Fall für Schimmel in den Wohnräumen sorgen können. Wer noch einen Schritt weiter gehen möchte und ein flaches Dach zur Verfügung hat, der kann dieses zur Nutzfläche machen und Obst, Gemüse oder Kräuter auf diesem anbauen. Anders als vielleicht befürchtet steht Dachbegrünung übrigens nicht in Konkurrenz zu Photovoltaikanlagen auf dem Dach. Im Gegenteil: Während die Solarmodule von den Pflanzen natürlich gekühlt werden, spenden sie diesen Schatten. Eine Win-win-Situation! 

… und schützen dabei das Klima: Mehr Begrünung gleich mehr Biodiversität gleich mehr Arten- und Umweltschutz. Und mit Gemüse und Obst aus dem Eigenanbau sparen sie nicht nur bei Ihrem Transportweg.   

Drei Frauen bepflanzen mitten in London einen Dachgarten. 

Drei Frauen bepflanzen mitten in London einen Dachgarten. 

Picture Alliance

3. Wasser als Ressource wertschätzen

Obwohl das bei Starkregenfällen kaum zu glauben ist: Wasser ist eine endliche Ressource, mit der verantwortungsbewusst umgegangen werden muss. Das kann man auch im Haushalt tun – mit erstaunlich wenig Aufwand. 

So passen Sie sich an: Sammeln Sie etwa Wasser aus dem Wasserkocher, vom Waschen von Obst und Gemüse oder aus nicht leer getrunkenen Flaschen in einer Gießkanne und wässern Sie damit Ihre Pflanzen. So vergeuden Sie kein noch brauchbares Wasser. Gleiches gilt für den Garten: Erinnern Sie sich noch an die gute alte Regentonne? Sie ist ein simpler Trick, um beim Bewässern des Gartens auf frisches Wasser aus der Leitung zu verzichten. Auch beim Duschen, Händewaschen oder Zähneputzen kann man Frischwasser sparen: Beim Einseifen wird kein Wasser benötigt, einfach währenddessen den Hahn zudrehen. 

… und schützen dabei das Klima: Obwohl das Wasser aus unseren Leitungen wieder zurück in den Kreislauf fließt und nicht verloren geht, so wird es in der Aufbereitung mit Chemikalien gereinigt und mit umweltschädlichen Mikroplastik angereichert. Einfache Formel: Je mehr Wasser wir verbrauchen, desto mehr muss auch wieder aufbereitet werden, desto mehr Chemikalien finden sich im Wasser. 

4. Wertiger und langfristiger Konsum

Qualität vor Quantität – in diesem Fall ist das keine abgedroschene Phrase, sondern ein hilfreicher Leitspruch. Seit dem 29. Juli 2019 lebt die Menschheit aus ökologischer Sicht über ihre Verhältnisse, sozusagen auf Kredit. An dem sogenannten Erdüberlastungstag wurde sozusagen das Budget an natürlichen Ressourcen für dieses Jahr rechnerisch verbraucht. Um die von der Menschheit verbrauchten ökologischen Ressourcen wie Wasser, Land, Holz und saubere Luft zu liefern, wären derzeit 1,75 Erden notwendig, warnte das Global Footprint Network.

So passen Sie sich an: Ob bei Lebensmitteln, Kleidung oder Möbeln: Achten Sie auf regionale und saisonale Ware oder überlegen Sie, ob es das gewünschte Teil vielleicht gebraucht zu kaufen gibt. Setzen Sie auf hochwertigere, langlebigere Produkte. Das dürfte auf lange Sicht auch Geld und Stress sparen.

... und schützen dabei das Klima: Wer Gebrauchtes kauft, der umgeht den Prozess einer neuen Produktion sowie den Transport der Ware. Letzteres gilt auch für regionale Lebensmittel. Kartoffeln, Möhren und Milch vom nächstgelegenen Bauernhof sparen eine Menge CO2 ein – und schmecken auch noch besser. Mit der bewussteren Wertschätzung von Ressourcen und Produkten können Sie nicht nur Ihre Lebensqualität steigern, sondern langfristig womöglich auch die aller anderen. 

Aufruf zur Achtsamkeit

All diese Punkte werden von den Gerics-Mitarbeitern mit einem Stichwort überschrieben: Achtsamkeit. Aktuell ist der Terminus im Bezug auf Selbstliebe in aller Munde. Doch die Wissenschaftler interpretieren den Begriff nicht nur als den Blick auf sich selbst. Vielmehr ist Achtsamkeit mit Aufmerksamkeit gleichzusetzen. Und wenn diese nicht nur auf einem selbst, sondern auch auf der Umwelt und deren Ressourcen liegt, dann ist das wohl das Nachhaltigste, was man tun kann. 

Lesen Sie mehr zum Thema Klimawandel und was dagegen zu tun ist in der aktuellen Ausgabe des stern:

Quellen: GericsUmweltbundesamtTechnischen Hochschule (ETH) ZürichBundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit