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Um es kurz zu machen Hintergedanken helfen nicht: Der Unterschied zwischen Groß- und Kleinzügigkeit

Kolumne
Wer etwas gibt, sollte dies von Herzen tun
© stern
Wer seine Großzügigkeit mit Hintergedanken und Bedingungen verknüpft, der verkehrt sie ins Gegenteil.

Gerade bekam ich das Weihnachtsrundschreiben eines wohltätigen Vereins, für den ich in den vergangenen Jahren ein paar Benefiz­lesungen gemacht habe. "Bei der Volksbank-Spenden-Aktion für gemeinnützige Vereine können die Mitglieder der Volksbank XYZ noch bis heute ihre Stimme abgeben! Bitte voten Sie für unser Vereinsprojekt zum Jubiläumsjahr 2021." Echt jetzt? Über Wohltätigkeit wird jetzt schon per Abstimmung entschieden? Germany’s Next Top Charity? Merkwürdig. Irritierend.

Aber so ist das wohl inzwischen, wenn mit allen Waffen der Aufmerksamkeitsökonomie um Geld und Betroffenheit gekämpft werden muss. Es gibt einfach zu viele gute Zwecke, die es alle verdienen, bedacht zu werden, wer blickt da noch durch? Kinder, Tierwohl, Armut, Naturschutz, Malaria, Brunnen, Brustkrebs – aber gibt es ernsthaft jemanden, der darüber abstimmen möchte?

Der Zweck heiligt den Firlefanz

Spätestens seit der Ice Bucket Challenge vor ein paar Jahren, die mit einer albernen Mut­probe das Augenmerk auf die Krankheit (schnell, hätten Sie’s noch gewusst?) ALS lenken wollte und sie stattdessen nur auf Menschen lenkte, die sich einen Eimer Eiswürfel über den Kopf schütteten, ist irgendwas ins Rutschen geraten. Neuerdings lassen TV-Spendengalas am Bildschirmrand ein Laufband mit Namen der Spender und den gezahlten Summen durchlaufen, vermutlich um die Leute sowohl bei ihrer Eitelkeit zu packen ("Ich will, dass mein Name für 1,3 Sekunden im Fernsehen zu lesen ist") als auch bei ihrem Ehrgeiz ("…und zwar neben einem dreistelligen Betrag, jedenfalls einem größeren als bei Krögers"). Einerseits verstehe ich das. Die Welt ist, wie sie ist, und wenn auf diese Weise ein paar Euro mehr lockergemacht werden – hey, der Zweck heiligt den Firlefanz. 

Andererseits scheint sich die Gabe immer weiter von der Milde zu entfernen. Das Spenden und Schenken ist oft an Erwartungen, Bedingungen und Gegenleistungen geknüpft, nicht erst seit Spendensiegel und steuerlicher Absetzbarkeit. Im Gegenzug war das Nehmen vielleicht auch nicht immer ganz so selig. Das Prinzip der erzwungenen Dankbarkeit und des erpressten Wohlverhaltens wird einem schon im Kindergartenalter eingebläut: Fürs Bravsein gibt es was, ansonsten verdrischt einen der Knecht Ruprecht. So geht das los mit der Leistungsgesellschaft.

"Effektiver Altruismus" und "Abnehmender Grenznutzen"

Neulich sah ich vor dem Bahnhof eine Dame einem Obdachlosen eine Brötchentüte in den Hut werfen. "Für Geld kauft er sich ja doch nur Schnaps", sagte sie, als sie meinen verblüfften Blick bemerkte. Einerseits: stimmt vielleicht, und eine Gabe ist auch das. Andererseits: wie viel Verachtung und Bevormundung aus dieser Geste sprach!

Worum es mir geht, ist dies: Natürlich ist einem daran gelegen, dass Spenden auch wirklich einem guten Zweck zukommen. Aber je mehr in diesem Zusammenhang über "effektiven Altruismus" und "abnehmenden Grenznutzen" räsoniert wird, desto weiter entfernt sich das Geben von seiner eigentlichen Bedeutung. Ich hab Geld, du nicht, hier ist ein bisschen was von meinem, gern geschehen. Eine eigentlich simple Sache: Mitmenschlichkeit, Empathie und ausgleichende Gerechtigkeit, die man selbst in der Hand hat. Wenn hingegen Großzügigkeit an irgendwelche Hintergedanken gekoppelt wird, wenn sie an Erwartungen geknüpft ist, ob an Gegenleistung oder Wohlverhalten, wenn sie eine Marketingmaßnahme ist, wenn sie der eigenen Aufwertung dient, dann wird sie zu Kleinzügigkeit. Wie gesagt, auch die kann helfen. Und ist besser als nichts. Aber bedingungslose Freundlichkeit tut sowohl dem Schenker wie auch dem Beschenkten einfach wohler.


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